Was ist Spiel?

Sonntag, 12. Januar 2020 | Kommentieren
Brettspiele und Zauberwürfel

Nicht nur in der Medienpädagogik, sondern auch im Alltag ist das Spiel häufig anzutreffen. Die Frage "Was ist Spiel?" mag daher im ersten Moment simpel erscheinen: Spiel ist in jeder Generation in diversen Facetten präsent. Vom Kinderspiel bis zum professionellen Fußballspiel, vom Brettspiel bis zum Konsolenspiel, vom Gedankenspiel bis zum Theaterspiel.
Doch angesichts dieses Facettenreichtums ist die Frage plötzlich nicht mehr so klar: Sind all diese unterschiedlichen Arten gleich viel Spiel? Falls ja, welche Definition kann all diese Facetten greifen? Falls nein, ist Spiel nicht gleich Spiel und wie unterscheidet sich Spiel von Spiel?
Vorab: Beide Lösungen sind richtig und greifen für sich gesehen das Spiel doch nicht ganz.
Bevor das jetzt aber in zu viele rhetorische Fragen und unklare Aussagen abdriftet, möchte ich euch in diesem Beitrag mitnehmen in die Spielwissenschaft, die sich bereits seit vielen Jahrzehnten mit dem Spiel und der Frage nach seinem Wesen beschäftigt. Daher noch einmal auf Anfang:

Was ist Spiel?

Das Spiel ist ein Phänomen mit vielfältigen Bedeutungen. Daher gibt es bislang auch nicht die eine Definition von Spiel, sondern vielmehr verschiedene (Teil-) Definitionen, die im Kontext verschiedener Forschungsgebiete entstanden sind. Eine besonders prägende und häufig genannte Definition stammt von dem niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga:
Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Raum und Zeit nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des "Andersseins" als das "gewöhnliche Leben"
(Huizinga 1987, S.37)
Normalerweise sind Definitionen abschließende Beschreibungen, mit denen sich klar sagen lässt, was zu einem Begriff gehört und was nicht. Spieldefinitionen sind anders. Sie sind fast immer Aufzählungen von Merkmalen, die auf ein Spiel zutreffen, ziehen aber keine klare Grenze zwischen Spiel und "Nicht-Spiel". Damit ist es einerseits zwar möglich, all die vielen Variationen von Spiel unter einer Definition zusammenzufassen. Andererseits ist der Spielbegriff dadurch aber wenig greifbar.
Als Richtschnur für das Wesen des Spiels bleiben nach Huizinga (und anderen Spieltheoretiker*innen) nur sechs Grundmerkmale, nach denen entschieden werden kann, was Spiel ist und was nicht.

1. Freiwilligkeit

Spiel ist immer freiwillig. Jede Form von Zwang zerstört das Spiel.

2. Zweckfreiheit

Spiel ist prinzipiell überflüssig: Es verfolgt keine materiellen Ziele, dient nicht der Befriedigung von Grundbedürfnissen und ist auch nicht notwendig für das (Über-) Leben. Gespielt wird nur, weil es Vergnügen bereitet.
Nichtsdestotrotz müssen die Grundbedürfnisse befriedigt sein. Jemand, der z.B. hungert, müde oder psychisch belastet ist, spielt nicht.

3. Uneigentlichkeit oder Scheinhaftigkeit

Spiel ist nicht Teil des gewöhnlichen Lebens, denn wie schon gesagt: Es ist zweckfrei. Damit muss es sich nicht an die Regeln unseres Alltags halten und schafft einen Freiraum, in dem prinzipiell alles möglich ist.

4. Abgeschlossenheit und Begrenztheit

Das Spiel findet in einem eigenen Raum statt. Die Einschränkungen in diesem Spielraum sollten so gering wie möglich sein und sind vor allem räumlicher und zeitlicher Natur: Räumlich, um die Fläche, auf der gespielt wird, und die darauf verfügbaren Materialien zu begrenzen. Am Beispiel: Fußball macht nur Sinn, wenn alle Spielenden in einem begrenzten Feld mit einem Ball spielen. Würden die Spielenden kilometerweit verteilt stehen und alle Bälle nutzen, die sie finden können, würde es nicht funktionieren.
Die zeitliche Einschränkung sagt nur aus, dass das Spiel nicht unendlich ist. Es fängt irgendwann an und hört irgendwann wieder auf, kann allerdings auch beliebig oft wiederholt werden. Der Erziehungswissenschaftler Hans Scheuerl sieht darin ein Streben des Spiels nach Ewigkeit: In sich kann es durch seine zeitlichen Grenzen keine Ewigkeiten erreichen, aber durch die immer wiederkehrende Wiederholung wird es möglich.

5. Ordnung

Jedes Spiel hat bestimmte Regeln. Diese „genaue[n], willkürliche[n] und unwiderrufliche[n] Regeln“ (Caillois 2017, S.27) dienen der Ordnung des Spielfeldes und sind für eine funktionierende Spielhandlung unabdingbar. Dabei bestimmten diese Regeln meist nicht, was getan werden muss, sondern was nicht getan werden darf. Sie sind also eher Orientierung und Wegweiser, statt Einschränkung. Nur auf diese Weise - wenn es nicht zu viele Regeln gibt - kann das sechste Grundmerkmal erreicht werden:

6. Spannung

Huizinga schreibt zu diesem Merkmal: „Das Spiel bindet und löst. Es fesselt. Es bannt, das heißt: es bezaubert“ (Huizinga 1987, S.19). Indem sich das Spiel von der Ordnung und den Regeln des Alltags löst, beinhaltet es Ungewissheit und Chance bzw. Risiko und potenzielle Gefahr. Besonders deutlich wird das bei Glücksspielen, die maßgeblich von dieser Ungewissheit geprägt werden.
Die Spannung „[stellt] die Fähigkeiten des Spielers auf die Probe […]: seine Körperkraft, seine Ausdauer, seine Findigkeit, sein[en] Mut, sein Durchhaltevermögen und zugleich auch seine geistigen Kräfte“ (Huizinga 1987, S.19f.). Am Anfang darf niemals klar sein, wie das Spiel enden wird. Andernfalls wird es vorhersehbar und verliert seinen Reiz.

Diese sechs Grundmerkmale beschreiben das Spiel, soweit das überhaupt möglich ist.
Gleichzeitig zeigen sie, wie widersprüchlich das Spiel in sich ist: Es ist freiwillig, aber doch bindend. Es braucht Ordnung, aber gleichzeitig Ungewissheit. Es ist nicht Teil des alltäglichen Lebens, aber es ist von der (gesundheitlichen) Verfassung der Spielenden abhängig, die wiederum vom alltäglichen Leben abhängt.

Um auf die eingangs genannten Fragen zurückzukommen: Ja, es gibt eine Definition, die alle Facetten von Spiel greifen kann, auch wenn es keine typische Definition ist. Trotzdem ist Spiel nicht gleich Spiel. Welche Variationen es gibt und wie sie sich unterscheiden, werde ich im nächsten Beitrag beleuchten.

Weiterführende Literatur
  • Stuart Brown (2010): Play. How It Shapes the Brain, Opens the Imagination, and Investigates the Soul. New York: Avery. 
  • Roger Caillois (2017 [1967]): Die Spiele und die Menschen. Maske und Rausch. Berlin: Matthes & Seitz.
  • Johan Huizinga (1987 [1938]): Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
  • Gerald Hüther und Christoph Quarch (2016): Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als funktionieren ist. München: Carl Hanser Verlag. 
  • Hans Scheuerl (1994 [1979]): Das Spiel. Band 1: Untersuchungen über sein Wesen, seine pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen. 12. unveränd. Auflage. Weinheim/ Basel: Beltz Verlag.

Im Gespräch

Wie würdet ihr das Spiel definieren?

Gibt es Themen rund um das Spiel (z.B. Spielarten, Wirkungen, Einsatzmöglichkeiten), die euch besonders interessieren?

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