[Rezension] Harriet Tyce: Blood Orange. Was sie nicht wissen

Sonntag, 10. November 2019 | Kommentieren
Buchcover
Buchcover © Diana Verlag

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384 Seiten | 2019 | Diana Verlag | Deutsch

Original: Blood Orange
Übersetzerin: Kerstin Winter

Reihe: Einzelband

Zur Leseprobe | Weitere Informationen beim Verlag

Warnungen (Ausklappbar) Alkoholismus, Häusliche Gewalt, Vergewaltigung

Mehr Roman als Thriller

Die Anwältin Alison bekommt ihren ersten Mordfall zugeteilt: Ihre Mandantin soll ihren Ehemann erstochen haben. Gemeinsam mit dem Rechtsberater Patrick versucht Alison, die Hintergründe des Falls aufzuarbeiten, denn sie wird das Gefühl nicht los, dass etwas daran nicht stimmt.

Bis zu diesem Punkt klang die Geschichte für mich spannend und tatsächlich merkt man der Autorin sehr deutlich an, dass sie sich mit dem Recht und der Arbeit als Anwältin auskennt. Andernfalls hätten die juristischen Ausführungen wohl weniger überzeugend gewirkt.
Leider hat die Geschichte aber noch einen zweiten Handlungsstrang und der hat mir die Geschichte wirklich madig gemacht.

In ihrem Privatleben ist Alison Ehefrau und Mutter. Eigentlich, denn viel zu oft trifft sie sich nach der Arbeit mit Kolleg*innen und betrinkt sich haltlos. Zudem hat sie eine Affäre mit einem Kollegen. Als jemand beginnt, ihr anonyme SMS zu schicken, droht ihre Affäre aufzufliegen. Zeitgleich entfremdet sich ihr Ehemann von ihr und Alison begreift, dass sie kurz davor ist, ihre Tochter zu verlieren.

Erstmal kurz das Positive: Es ist ausnahmsweise nicht der Mann, der das Geld mit nach Hause bringt und eine Affäre und ein Alkoholproblem hat. Stattdessen bleibt der Mann größtenteils zuhause, um sich um das Kind zu kümmern, und verzichtet auf eine eigene Karriere. Verkehrte Welt, wenn man sich die sonst gängigen Rollenbilder anschaut. Nur macht es das leider nicht besser.
Statt sich auf den Fall zu konzentrieren, drehen sich fast zwei Drittel dieses Buches um Alisons Eheprobleme, ihre Affäre und ihr Alkoholproblem. In einer schieren Endlosschleife betrinkt sie sich, hat Sex, begegnet verkatert ihrem Ehemann, streitet sich mit ihm und gelobt Besserung, nur um nach der Arbeit sofort wieder dem Alkohol zu frönen. Der Mordfall, um den es sich eigentlich drehen sollte, gerät dabei mehr und mehr in den Hintergrund.
Durch ihr Verhalten war Alison mir von Anfang an unsympathisch. Schilderungen der Folgen ihres Alkoholkonsums und des alles andere als liebevollen Sex mit ihrem Kollegen machten es nicht besser und ließen auch besagten Kollegen auf meiner Sympathieskala ganz in den Keller rauschen.

Erst auf den letzten Seiten zeigt das Buch, warum es überhaupt als Thriller und nicht als Roman über die Eheprobleme einer Anwältin eingestuft ist. Die Fäden, die sich dort zusammenziehen, und in das Finale gipfeln, wurden im Laufe der Geschichte wirklich gut von der Autorin verteilt. Wären Alisons Probleme nicht so dominant und nervtötend gewesen, hätte sich vielleicht sogar eine subtile Spannung aufgebaut, die sich zum Ende hin steigerte. So war für mich am Ende zwar ein wenig Spannung spürbar, aber retten konnte die auch nichts mehr.

Spoiler-Bereich (Ausklappbar) Was mich am Schluss - neben allem bereits Genannten - störte, war der Umgang mit Alisons Alkoholproblem. Gegen Ende wird ihr plötzlich klar, dass sie eine bessere Mutter sein und sich nicht mehr betrinken will. Nach all den Eskapaden und erfolglosen Versuchen, nicht mehr zu trinken, braucht es nur diese eine Feststellung. Danach ist keine Rede mehr von ihrem Alkoholproblem und sie trinkt nicht mehr. Realistisch ist das für mich nicht.

Fazit

Ein Thriller mit kaum Thrill und dafür hohem Nervfaktor. Das Grundkonstrukt der Geschichte - der Kriminalfall und das damit verbundene Finale - gewinnen ein paar Pluspunkte, ebenso wie die überzeugende Darstellung aller juristischen Themen. Abgesehen davon ist das Buch für mich ein Flop.

Bewertung_2 von 5 Pergamentfaltern

Zusammenfassung

Positiv Neutral Negativ
  • Flüssiger Schreibstil
  • Interessanter Kriminalfall
  • Überzeugende Darstellung aller juristischen Themen
  • Umgekehrtes Rollenbild
  • Nervige Protagonstin
  • Fokus auf Ehekrise, Sex und Alkohol
  • Umgang mit Alkoholismus
  • Wenig Spannung
  • Kriminalfall im Hintergrund

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