Buch und Film: "Die unendliche Geschichte" im Vergleich

Freitag, 27. September 2019 | Kommentieren
Unendliche Geschichte
Buchcover © Wilhelm-Heyne-Verlag
Als Buch lädt "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende dazu ein, der Fantasie freien Lauf zu lassen. Die ungewöhnlichen Schauplätze und Wesen können dabei ein tolles Kopfkino wecken.
In den 1980er und 1990er Jahren wurde das Buch in insgesamt drei Teilen von unterschiedlichen Regisseuren verfilmt. Wie nah kommen diese Filme dem literarischen Original? 

Die unendliche Geschichte (1984)

Der erste Film wurde 1984 veröffentlicht. Regie führte Wolfgang Petersen, das Drehbuch wurde von ihm und Herman Weigel verfasst. Produziert wurde der Film u.a. von Bernd Eichinger.
Inhaltlich dreht es sich um die erste Hälfte des Buches: Es beginnt mit Bastians alltäglichem Leben und seiner Begegnung mit Herrn Koreander in dessen Antiquariat. Schon an dieser Stelle unterscheiden sich Buch und Film, denn während Herr Koreander im Buch nur "Die unendliche Geschichte" liest und das Buch auf seinem Sessel liegen lässt, als das Telefon klingelt, unterhalten sich Bastian und Herr Koreander im Film kurz über dieses Buch. Immerhin: Anschließend geht es in beiden Medien sehr ähnlich weiter und am Ende sitzt Bastian auf dem Speicher seiner Schule und beginnt zu lesen.
Insgesamt stimmt in Buch und Film die grobe Handlung überein: Atréju geht im Auftrag der Kindlichen Kaiserin auf Große Suche und zum Schluss gibt Bastian der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen und Phantásien erblüht von Neuem. Im Detail gibt es im Film jedoch recht deutliche Unterschiede zum Buch, u.a.:
  • Atréju wird nicht von Caíron im Gräsernen Meer aufgesucht. Stattdessen wird nach ihm geschickt und Atréju kommt in den Elfenbeinturm, um von dort aus seine Reise zu beginnen. Er ist auch keine Grünhaut, sondern hat helle Haut.
  • Der Elfenbeinturm ist keine filigrane, sich in den Himmel streckende Stadt, sondern ein seltsam leuchtender Turm mit kugeliger Spitze.
  • In den Sümpfen der Traurigkeit wird Atréju von dem Glücksdrachen Fuchur gerettet. Im Buch begegnen sie sich stattdessen über dem Tiefen Abgrund im Netz von Ygramul, die Viele.
  • Das Südliche Orakel ist nicht die Stimme Uyulála, sondern zwei weitere Sphinxen. Atréju verlässt das Orakel auch nicht schlafend, sondern flieht gemeinsam mit Fuchur, als das Nichts das Orakel verschlingt.
  • Atréju tötet Gmork, den Werwolf. Im Buch stirbt Gmork dagegen, nachdem er sich in Atréjus Bein verbissen hat, von selbst.
  • Das Nichts ist nicht das "Nichts" oder "Blindsein" oder "Farblos-und-Unwirklich-Werden" aus dem Buch. Stattdessen ist es eine Zerstörung, die mit Stürmen einhergeht.
  • Die gesamte Reise der Kindlichen Kaiserin zum Alten vom Wandernden Berge findet nicht statt. Stattdessen beginnt in Bastians Welt ein Sturm und nach Aufforderung der Kindlichen Kaiserin schreit Bastian ihren neuen Namen hinaus in den Sturm.
  • Statt nach und nach ein neues Phantásien zu erschaffen, stellt Bastian das alte Phantásien wieder her. Selbst Artax, Atréjus Pferd, ist am Ende wieder am Leben. 
"Ende gut, alles gut" mag man bei diesem Ende sagen und in den Grundzügen mag es tatsächlich eine gute Verfilmung sein. Vor allem, wenn man die filmischen Mittel, die in den 1980er Jahren zur Verfügung standen, betrachtet, ist es faszinierend, welche Figuren und Szenerien für diesen Film geschaffen wurden.
Nichtsdestotrotz weicht der Film teils erheblich vom Buch ab. Die Geschichte wirkt "glattgebügelt" und ist sehr deutlich als spannender Abenteuerfilm aufgearbeitet. Damit hat der Film einen ganz anderen Charakter als das Buch, das eher als fantastische Reise gestaltet ist.
Auch Michael Ende war von dem Film alles andere als begeistert und wollte letztlich nichts mehr damit zu tun haben.

Die unendliche Geschichte 2 - Auf der Suche nach Phantásien (1990)

Sechs Jahre nach dem ersten Teil folgte der zweite mit einem veränderten Produktionsteam. Regie führte dieses Mal George Trumbull Miller, das Drehbuch wurde von Karin Howard geschrieben.
Im Film hört Bastian aus dem Buch "Die unendliche Geschichte" die Stimme der Kindlichen Kaiserin, die nach ihm ruft, denn Phantásien sei in Gefahr. Bastian kehrt daraufhin nach Phantásien zurück, wo die dunkle Hexe Xayíde versucht, die Macht an sich zu reißen. Nach allerhand Abenteuern kann Bastian Phantásien zum zweiten Mal retten und kehrt nach Hause zurück.
Dieser Film hat nur noch entfernt Ähnlichkeit mit dem Buch und lehnt sich schwach an dessen zweite Hälfte an. Ein Großteil der Handlung hat nichts mehr mit dem Buch zu tun und man muss die Gemeinsamkeiten wirklich suchen.
Gemeinsamkeiten sind u.a.:
  • Xayíde ist eine Hexe und strebt nach der Macht in Phantásien.
  • Durch jeden Wunsch, den Bastian sich mithilfe von AURYN erfüllt, verliert er eine Erinnerung.
  • Zum Schein gibt Xayíde ihr Machtstreben auf und begleitet Bastian und Atréju. 
  • Auf ihrem gemeinsamen Weg zum Elfenbeinturm bewegen sie sich nur im Kreis.
  • Während Atréju begreift, dass Xayíde ein teuflisches Spiel spielt, lässt sich Bastian immer mehr auf sie ein und vertraut ihr. Dadurch entzweien sich Bastian und Atréju. 
Viel mehr Gemeinsamkeiten - von dem Handlungsort Phantásien an sich und seinen Wesen mal abgesehen - gibt es leider nicht.

Die unendliche Geschichte 3 - Rettung aus Phantásien (1994)

Nach einem erneuten Wechsel des Produktionsteams (Regie: Peter MacDonald, Drehbuch: Jeff Lieberman und Karin Howard) folgte weitere vier Jahre später der dritte Film der Reihe.
Mit dem Buch hat dieser Film, von einigen Namen und Figuren mal abgesehen, nichts mehr zu tun. Er spielt größtenteils in der Menschenwelt und handelt von den "Nasties", einer Jugendgang, die Chaos in Phantásien stiftet, und von Bastian, der erneut versucht, Phantásien zu retten.

Fazit

Buchverfilmungen sind immer eine Sache für sich. Wenn etwas, das in der Fantasie der Leser*innen gewachsen ist, als festes Bild auf die Leinwand gebannt wird, entstehen meist die ersten Differenzen zwischen Buch und Film. Wenn sich dann noch Original und Drehbuch unterscheiden, können Buch  und Film schnell zu zwei sehr verschiedenen Geschichten werden.
Ähnlich ist es der "Unendlichen Geschichte" ergangen. Vermutlich angetrieben vom immensen Erfolg des Buches, wurden diese drei Filme produziert. Im Ergebnis sind sie zwar stellenweise für die Zeit, in der sie entstanden, wirklich erstaunlich, aber mit der eigentlichen Geschichte haben sie zunehmend weniger zu tun. Dass das Produktionsteam so oft wechselte, macht es sicher nicht besser.

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