Die offenen Enden der "Unendlichen Geschichte"

Sonntag, 29. September 2019 | 5 Kommentare
Buchcover © Wilhelm-Heyne-Verlag
Die "Unendliche Geschichte" von Michael Ende ist eine Ode an die Unendlichkeit der Fantasie - das beweist das Buch auch ganz praktisch, indem nicht alles zu Ende erzählt wird.
Es gibt einen roten Faden, der sich durch das gesamte Buch zieht: Bastians und Atréjus Geschichte. Zwischendurch werden immer wieder Nebenhandlungen angestoßen, die allerdings niemals zu Ende erzählt werden: Offene Enden, die "ein andernmal zu Ende erzählt werden sollen", wie es mehrfach so schön heißt.
Welche Geschichten sind damit gemeint? Was wurde bisher noch nicht zu Ende erzählt?

Die vier Boten

Zu Beginn der "Unendlichen Geschichte" treffen sich der Felsenbeißer Pjörnrachzarck, das Irrlicht Blubb, der Winzling Ückück und der Nachtalb Wúschwusul nachts im Haulewald. Alle vier sind auf dem Weg zur Kindlichen Kaiserin, um ihr von dem Nichts zu berichten.
Einige Tage später treffen sie sich im Elfenbeinturm wieder, in dem schon viele andere Bot*innen auf eine Audienz warten. Während ihrer langen Wartezeit freunden sie sich an und "blieben auch späterhin zusammen" (Seite 35). Was sie dabei erleben und wie dieses ungleiche Gespann zusammenlebt, bleibt offen.

Caírons Zukunft

Auf Geheiß der Kindlichen Kaiserin reist der Schwarz-Zentaur Caíron in das Gräserne Meer, übergibt Atréju AURYN und schickt ihn auf die Große Suche. Danach verlässt er das Gräserne Meer, kehrt aber niemals in den Elfenbeinturm zurück.
Sein Schicksal sollte ihn einen ganz anderen, höchst unvermuteten Weg führen.
(Seite 57)
Aber welchen?

Der berühmte Engywuck

Die Zweisiedler Engywuck und Urgl leben nahe des Südlichen Orakels und kümmern sich um Atréju und Fuchur, als die beiden, vergiftet von Ygramul, die Viele, bei ihnen auftauchen. Engywuck beobachtet seit Langem das Südliche Orakel und ergründet dessen Geheimnisse. Mit seinem Wissen kann er Atréju weiterhelfen.
Als das Nichts näherkommt und das Südliche Orakel verschlingt, müssen Engywuck und Urgl ihre Heimat verlassen.
Übrigens wurde Engywuck später noch sehr berühmt, der berühmteste Gnom seiner Familie sogar, aber nicht wegen seiner wissenschaftlichen Forschungen.
(Seite 135)
Womit der liebe Engywuck wohl berühmt wurde?

Das Wiedersehen mit dem Bunten Tod

Nach seiner Begegnung mit der Kindlichen Kaiserin ist Bastian zunächst allein. Gesellschaft findet er erst wieder in der Wüste der Farben, in der er den Löwen Graógramán, den Bunten Tod, trifft. Bastian führt einige intensive Gespräche mit ihm und der Löwe hilft ihm, sich selbst und seinen Weg in Phantásien besser zu verstehen.
Als Graógramán des Nachts erneut zu Stein wird, verlässt Bastian ihn, um seinen Weg weiterzugehen. Er verspricht dem Löwen, zurückzukehren, doch dieses Versprechen wird er niemals einhalten können. Stattdessen wird jemand anderes in Bastians Namen kommen, um das Versprechen einzulösen.

Die Geschichten der Amargánther

Nachdem Bastian sich in der Silberstadt Amargánth zu erkennen gegeben hat, veranstalten Quérquobad und die anderen Amargánther zu seinen Ehren ein Fest der Geschichten und Lieder. Die Amargánther, ein Volk von Geschichtenerzähler*innen und Liedsänger*innen, tragen all die Geschichten und Lieder vor, die sie kennen
Die Geschichten, Gedichte und Lieder, die sie vortrugen, waren je nachdem spannend, heiter oder auch traurig, aber sie würden hier zu viel Raum beanspruchen.
(Seite 292)
Was dort wohl alles vorgetragen wurde?

Held Hynrecks Abenteuer

Held Hynreck ist in Prinzessin Oglamár verliebt, doch die will nur einen echten Helden, der sich vor ihr bewiesen hat, zum Mann. Als sie von dem Drachen Smärg entführt wird, macht sich Held Hynreck auf den Weg nach Morgul, in den versteinerten Wald Wodgabay. Es gelingt ihm tatsächlich, in Smärgs Festung einzudringen, den Drachen zu töten und Oglamár zu retten. Doch als Oglamár ihn daraufhin heiraten will, will Held Hynreck nicht mehr und bringt sie lediglich zu ihrem Vater zurück.
Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden.
(Seite 306)

Pataplán

Die Mauleselin Jicha bekommt von Bastian eine Geschichte geschenkt, die es ihr ermöglicht, Mutter zu werden. Gemeinsam mit einem schneeweißen geflügelten Hengst bekommt sie ihren Sohn Pataplán, einen geflügelten, weißen Maulesel.
Er machte noch viel von sich reden in Phantásien [...].
(Seite 370)
Mit welchen Ereignissen ihm das wohl gelungen ist?

Die Mönche der Erkenntnis

Bastian reist gemeinsam mit Atréju und Xayíde in das Sternenkloster, in dem er die Mönche der Erkenntnis und die drei Tief Sinnenden kennenlernt: Uschtu, die Mutter der Ahnung (eine Eule), Schirkrie, den Vater der Schau (einen Adler), und Jisipu, den Sohn der Klugheit (ein Fuchs). Sie sehen in Bastian einen Weisen und wollen, dass er ihnen verschiedene Fragen beantwortet.
Bastians Art zu antworten führt dazu, dass die Mönche einen kurzen Blick auf den Dachboden von Bastians Schule werfen können und dort die ausgestopften Tiere entdecken. Daraufhin wollen die drei Weisen wissen, wessen Abbild sie in Bastians Welt gesehen haben, worauf Bastian ihnen antwortet: "Alle drei" (Seite 381).
Diese Antwort führt bei den drei Tief Sinnenden zu einer grunsätzlichen Meinungsverschiedenheit, die Jahre später zu einer Spaltung des Klosters führt. Jeder der Tief Sinnenden gründet ein eigenes Kloster. Welche Lehren sie dabei vertreten, bleibt offen.

Die Schlacht um den Elfenbeinturm

Bastian ruft, unter dem Einfluss von Xayíde, zum Angriff auf den Elfenbeinturm. Atréju und zahlreiche phantásische Wesen wollen ihn verteidigen. Als die Schlacht schon einen Tag dauert, schickt Xayíde ihre schwarzen Panzerriesen mit in den Kampf.
Noch bis heute gibt es in Phantásien unzählige Lieder und Berichte, die von diesem Tag und dieser Nacht handeln, denn jeder, der daran teilgenommen hat, hat dabei etwas anderes erlebt.
(Seite 403)
Es bleibt offen, was alles in dieser Zeit passierte.

Der Gürtel Gemmál

Xayíde schenkte Bastian den Gürtel Gemmál, mit dem er unsichtbar werden kann, sobald er ihn trägt. Während Bastian sich darüber freute, war es für Xayíde ein weiteres Mittel, um Bastian von Atréju zu trennen und Bastian auf ihre Seite zu ziehen. Nach der Schlacht um den Elfenbeinturm will Bastian eigentlich Fuchur und Atréju auf einem von Xayídes schwarzen Panzerpferden einholen, doch letztlich kommt er ins Grübeln und das Pferd zerbricht unter ihm. Bastian verliert dabei den Gürtel Gemmál.
Einige Tage, nachdem Bastian weitergewandert ist, findet eine Elster den Gürtel und bringt ihn in ihr Nest - der Beginn einer weiteren Geschichte.

Das Schwert Sikánda

Bastian erhielt das Schwert Sikánda von Graógramán. Nur derjenige, der auf dem Bunten Tod geritten, bei ihm gespeist und getrunken und in seinem Feuer gebadet hat, darf es gefahrlos berühren. Derzeit trifft all das nur auf Bastian zu. Doch das Schwert darf auch er nur benutzen, wenn es ihm von selbst in die Hand springt.
In der Schlacht um den Elfenbeinturm zieht Bastian das Schwert jedoch selbst und verwundet Atréju schwer. Nach einem Zwischenstopp in der Alten Kaiser Stadt vergräbt Bastian Sikánda schließlich in der Erde.
"[...] Nie wieder soll Unheil kommen durch einen, der dich gegen einen Freund zieht. Und niemand soll dich hier finden, ehe vergessen ist, was durch dich und mich geschah."
(Seite 420)
Erst viel später wird jemand kommen, der es findet und berühren kann. Doch wer?

Die Reisen von Hýsbald, Hýdorn und Hýkrion

Bastian begegnete den drei Männern vor Amargánth, als sie gemeinsam mit Held Hynreck und Prinzessin Oglamár reisen. Die drei schwören Bastian einen Treueeid und kämpfen für ihn in der Schlacht um den Elfenbeinturm. Als Bastian danach Fuchur und Atréju nachjagt, verlieren sie ihn jedoch. Sie beschließen, Bastian zu suchen, können sich aber nicht einigen, in welcher Richtung sie beginnen. Daraufhin geht jeder seinen eigenen Weg und erlebt noch viele Abenteuer, über die nicht näher benannte Berichte in Phantásien kursieren.

All diese offenen Geschichten führen am Ende beinahe dazu, dass Bastian nicht nach Hause zurückkehren darf. Doch was wäre eine gute Geschichte ohne tiefe Freundschaft? Die hat Bastian in Atréju gefunden, der ihm verspricht, all die offenen Geschichten in Phantásien zu beenden.
Daraufhin kehrt Bastian nach Hause zurück - als er selbst und gleichzeitig doch verändert.

Doch warum sollten wir Atréju all die Arbeit überlassen?

Als Sinnbild für die Fantasie kann die "Unendliche Geschichte" jede*n einzelne*n Leser*in dazu animieren, die offenen Geschichten weiterzudenken. Vielleicht fällt euch eine Fortsetzung ein? Vielleicht ergänzt ihr eine der vielen Geschichten und schreibt damit eure eigene Version der "Unendlichen Geschichte" weiter?
Auf diese Weise würdet ihr sogar zu jenen gehören, denen Bastian den Weg nach Phantásien gezeigt hat. Denn das ist es, was Herr Koreander prophezeit, nachdem Bastian ihn am Ende der Geschichte erneut besucht hat.
Und Herr Koreander irrte sich nicht.
(Seite 486)

Damit endet mein Special zu 40 Jahren "Die unendliche Geschichte". Es gibt sicher noch vieles, das sich zu dieser Geschichte sagen und schreiben ließe, doch ich möchte es bei diesem Einblick belassen.
Ich hoffe, euch hat das Special gefallen!

5 Kommentare

  1. Hallo Sarah,

    Einerseits soll die unendliche Geschichte bleiben wie sie ist. Andererseits bin ich ja großer Fan davon, zu wissen, wie es mit gewissen Dingen weitergeht.
    Auf ein Prequel, Sequel oder was auch immer kann man trotzdem getrost verzichten :-)

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Hey Tina,

      danke dir für deinen Kommentar!

      Liebe Grüße
      Sarah

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  2. Schönen guten Morgen!

    Ich fand deine Beiträge wirklich klasse, deshalb hab ich die heute auch direkt in der Stöberrunde verlinkt :)

    Es ist bei mir ja schon eine ganz schöne Zeit her, seit ich die Geschichte gelesen habe, aber jetzt steht das Buch endlich im Dezember auf meiner Leseliste, ich freu mich schon sehr auf den re-read. Ich hab ja so viele Einzelheiten vergessen!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hey Aleshanee,

      vielen Dank! <3
      Dann wünsch ich dir ganz viel Freude beim Re-Read. "Die unendliche Geschichte" ist tatsächlich das einzige Buch, dass ich immer und immer wieder lesen könnte.

      Liebe Grüße
      Sarah

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  3. Bei mir ist es ja schon eine kleine Ewigkeit her, ich freu mich jedenfalls schon sehr drauf :)

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Vielen Dank für deinen Kommentar!

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