Die unendliche Geschichte: Eine Interpretation

Montag, 23. September 2019 | Kommentieren
Unendliche Geschichte
Buchcover © Wilhelm-Heyne-Verlag
Bastian mag keine Geschichten, die ihn "zu was kriegen woll[]en" (Seite 29) - diese Aussage fand sich im zweiten Teil dieses Specials und sie ist im heutigen Teil noch einmal von Bedeutung.
Ist die "Unendliche Geschichte" ein Buch, das einen "zu etwas kriegen" will? Was steckt hinter der Geschichte? Welche Botschaft verbirgt sich darin? Wie wird das Buch, wie wird das Lesen in dieser Geschichte dargestellt? Um diese Fragen soll es dieses Mal gehen.

Zunächst einmal ist die "Unendliche Geschichte" ein Buch im Buch im Buch.
Auf der ersten und naheliegensten Ebene ist es das gedruckte Buch von Michael Ende, das jede*r Leser*in der "Unendlichen Geschichte" in Händen hält.
Als zweites folgt das Buch, um das es in Michael Endes Geschichte geht und das Bastian auf eine Reise schickt. Auch das ist "Die unendliche Geschichte".
Zum dritten Mal erscheint das Buch in Phantásien: Als die Kindliche Kaiserin den Alten vom Wandernden Berge aufsucht, findet sie ihn permanent schreibend vor, denn er notiert alles, was geschieht. Oder aus seiner Perspektive:
"Alles, was ich aufschreibe, geschieht", war die Antwort.
(Seite 209)
Er tritt als Verfasser der "Unendlichen Geschichte" auf und gibt im Gespräch mit der Kindlichen Kaiserin einen Hinweis auf die tiefere Bedeutung dieser besonderen Geschichte:
"Was du erschaffst und was du bist,
bewahre ich als der Chronist:
Buchstabe, tot, unwandelbar,
wird alles, was einst Leben war [...]"
(Seite 207)
Etwas Neues erschaffen können in Phantásien nur Menschenkinder. Sie werden gebraucht, um der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen zu geben und damit Phantásien zu retten. Bastians Einfälle sind es, die Phantásien (oder einen Teil davon) neu erschaffen. Phantásier*innen ist das nicht möglich.
Die Kindliche Kaiserin wird als Wesen beschrieben, das weder phantásisch noch menschlich ist. Nicht phantásisch heißt, sie könnte erschaffen. Nicht menschlich verneint diese Annahme. Doch was ist sie, wenn sie weder das eine, noch das andere ist?
Sie ist einfach da, zeitlos und das Herz Phantásiens, ohne das dieses Reich nicht existieren kann. Da sie in dieser Szene vom Alten vom Wandernden Berge als Schöpferin beschrieben wird, legt nur nahe, dass sie das Sinnbild der menschlichen Fantasie in Phantásien ist.

Der Alte vom Wandernden Berge wiederum ist ihr Gegenpol. Er schreibt, was geschieht (oder es geschieht, was er schreibt). Damit hält er alles unwiederbringlich fest, das einmal in Phantásien geschah. Er schreibt die "Unendliche Geschichte", das Buch im Buch.
"Du und ich", fragte sie, "und ganz Phantásien – alles ist in diesem Buch verzeichnet?"
Er schrieb und zugleich vernahm sie seine Antwort:
"Nicht so. Dieses Buch ist ganz Phantásien und du und ich."
"Und wo ist dieses Buch?"
"Im Buch", war die Antwort.
(Seite 209)
Phantásien ist damit ein Fantasiegebilde, das nur in der Fantasie Bestand hat. Als Buch bzw. als tote Buchstaben hat es keine eigene Bedeutung. Es ist niedergeschrieben, ohne Leben. Nur in Verbindung mit der Fantasie erwacht es zum Leben. Gleichzeitig schreibt sich die "Unendliche Geschichte" damit fort, denn mit jedem Einfall geschieht etwas Neues in Phantásien und alles, was geschieht, notiert der Chronist. Damit ist die "Unendliche Geschichte", die Geschichte der Fantasie (und die Fantasie selbst) im wahrsten Sinne unendlich.

Ausgehend von diesem Punkt ist es auch kein Wunder, dass das Lesen in der "Unendlichen Geschichte" einen so hohen Stellenwert hat. Immerhin ist es die Aktivität, die den Schlüssel nach Phantásien darstellt.
Bastian zelebriert das Lesen regelrecht, denn als er das Buch zum ersten Mal aufschlägt, überkommt ihn eine "beinahe feierliche Stimmung" (Seite 18).
Das Lesen erscheint als Zugang zur Fantasie. Durch das Lesen kann man alles um sich herum vergessen. Man kann vollkommen gefesselt sein und mitfiebern und mitfühlen. Man kann gedanklich und emotional vollkommen in den Bann gezogen werden. Man kann Abenteuer erleben und ein Stück weit sogar Freundschaften schließen. All das macht das Lesen möglich (vgl. Seite 12).
Bastians "Unendliche Geschichte" ist dabei nur ein weiteres Sinnbild, denn es muss nicht dieses eine Buch sein, dass die Tore in die unendliche Welt der Fantasie öffnet:
"Es gibt eine Menge Türen nach Phantásien, mein Junge. Es gibt noch mehr solche Zauberbücher. Viele Leute merken nichts davon. Es kommt eben darauf an, wer ein solches Buch in die Hand bekommt."
(Seite 485)
Es muss nicht diese eine "Unendliche Geschichte" im kupferfarbenen Einband und mit den beiden Schlangen sein. Es kommt schlicht und ergreifend darauf an, dass ein Buch die Fantasie anregt und den/die Leser*in in seinen Bann zieht. Dann kann jedes Buch ein Weg nach Phantásien sein.

Und welche Bedeutung hat Phantásien selbst?
Beim letzten Mal ging es um das Nichts und um Phantásier*innen, die in der Menschenwelt zu Lügen werden. Damit verbunden äußert die Kindliche Kaiserin, dass Phantásien und die Menschenwelt sich gegenseitig gesund machen können (vgl. Seite 193). In diesem Punkt verbirgt sich die tiefere Bedeutung Phantásiens.
Für Bastian ist seine Reise nach Phantásien nicht nur eine, auf der er endlich all seine Wünsche erfüllen und so sein kann, wie er es sich erträumt. Ganz im Gegenteil: während er so wird, wie er es sich erträumt, vergisst er nach und nach die Wirklichkeit und verfällt beinahe dem Wahnsinn. Nur sein wahrer Wunsch ist es letztlich, der ihm eine Rückkehr nach Hause ermöglicht.
Die Kindliche Kaiserin beschreibt, dass Menschen, die nach Phantásien kommen, immer auch etwas Gutes mit in ihre Welt nehmen (Seite 193). So ist es auch bei Bastian: Er möchte lieben können und findet bei seiner Rückkehr endlich die Zuneigung, nach der er sich so gesehnt hat.
Phantásien ist damit für Bastian eine Möglichkeit, Probleme, die ihn in der Wirklichkeit belasten, zu lösen, zu sich selbst zu finden und gestärkt zurück in den Alltag zu kehren. Vielleicht ist das auch genau der Gedanke, den Michael Ende verfolgte: Fantasie kann helfen und heilen - wenn man sie zulässt. Andernfalls wird die Fantasie, wird Phantásien zusehends verkümmern und was bleibt, ist ein trister Alltag, dem jeder Zauber genommen wurde.

Um zur Eingangsfrage zurückzukommen: Ist die "Unendliche Geschichte" ein Buch, das einen "zu etwas kriegen" will?
Ich denke nein. Die "Unendliche Geschichte" ist zunächst einmal nur ein Abenteuer; eine schöne Geschichte. Wer mag, kann sich etwas aus der Geschichte mitnehmen - einen guten Gedanken, eine Erinnerung an die eigene Fantasie oder ein Anstoß, mal wieder öfter in fremde (Buch-) Welten einzutauchen. Das ist jedoch keine Pflicht. Michael Endes Geschichte pocht nicht darauf, etwas vermitteln oder in irgendeiner Weise belehren zu wollen. In meinen Augen ist sie daher ein fantastisches Abenteuer mit Hintergedanken, den man, wenn man will, annehmen kann.

Quelltext: „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Ausgabe: Wilhelm-Heyne-Verlag, 1994, 487 Seiten, Taschenbuch  

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für deinen Kommentar!

Hinweis: Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass der von dir geschriebene Kommentar und die personenbezogenen Daten, die damit verbunden sind (z.B. Username, E-Mailadresse, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.