Im Porträt: Bastian Balthasar Bux

Donnerstag, 5. September 2019 | 2 Kommentare
Die unendliche Geschichte
Buchcover © Wilhelm-Heyne-Verlag
Der Urheber dieses Tumults war ein kleiner, dicker Junge von vielleicht zehn oder elf Jahren. Das dunkelbraune Haar hing ihm naß ins Gesicht, sein Mantel war vom Regen durchweicht und tropfte, an einem Riemen über der Schulter trug er eine Schulmappe. Er war ein wenig blaß und außer Atem, aber ganz im Gegensatz zu der Eile, die er eben noch gehabt hatte, stand er nun wie angewurzelt in der offenen Tür.
(Seite 5)
Dieser Junge ist Bastian Balthasar Bux.
Er ist der Protagonist der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende. Ein Junge, der bei seinem ersten Auftritt alles andere als heldenhaft wirkt, obgleich er im Laufe der Geschichte zu einem wahren Weltenretter werden soll.
In diesem Moment jedoch ist er einfach nur Bastian, der Junge mit den drei B‘s in einem ohnehin schon langen Namen, der fast etwas zu groß für diesen unscheinbaren Charakter wirkt. Bastian ist eine zurückhaltende Person, schüchtern, beinahe ängstlich, und er hat es in seinem alltäglichen Leben nicht besonders leicht.

In der Schule ist Bastian ein Außenseiter. Von Schulfreundschaften ist in keinem Satz die Rede. Stattdessen ist er dort regelmäßigen Hänseleien ausgesetzt, gegen die er sich nicht wehren kann. Sein einziger Versuch, einmal mutig und selbstbewusst zu sein, endete in der Mülltonne, in die ihn die anderen Kinder seiner Klasse sperrten. Seitdem erträgt er die Sticheleien und Lacher der anderen erst recht still.
Auch im Unterricht hat Bastian Probleme. Er ist unsportlich, weswegen der Sportunterricht immer wieder zum Kampf wird, und auch an den anderen Fächern scheint er keinen großen Gefallen zu finden. Erst im letzten Schuljahr ist er sitzengeblieben – vielleicht, weil er mit dem Unterrichtsstoff nicht mitkam oder einfach, weil sein soziales Umfeld zu belastend für ihn ist. Denn es sind nicht nur seine Mitschüler*innen, die ihm das Leben schwer machen. Auch mit so mancher Lehrkraft hat Bastian Probleme, bsp. mit seinem Geschichtslehrer Herr Dröhn, der Bastians Fehler immer mal wieder zum Anlass nimmt, sich (nach Bastians Aussage) vor der Klasse über ihn lustig zu machen.

An jenem Tag, an dem Bastian vollkommen außer Atem in das Antiquariat von Karl Konstantin Koreander stolpert, ist er mal wieder auf der Flucht vor seinen Mitschüler*innen. Doch was auch immer zuvor passiert ist, spielt schlagartig keine Rolle mehr, denn mit einem Mal befindet Bastian sich umgeben von dem, was er von ganzem Herzen liebt: Bücher.
Bastian liebt es, in literarische Welten einzutauchen, alles um sich herum zu vergessen und mit den Figuren in den Büchern mitzufiebern und mitzufühlen. Dabei können nur die wirklich spannenden und fantastischen Geschichten sein Herz erobern. Bücher, die nur vom gewöhnlichen Alltag erzählen, findet er langweilig, und Bücher, die ihn belehren wollen, nerven ihn. Er sucht nach Geschichten, in denen er träumen und sich die fantastischsten Abenteuer ausmalen kann – Geschichten, in denen er sein Talent nutzen kann.
Denn das konnte er – vielleicht war es das einzige, was er wirklich konnte: Sich etwas vorstellen, so deutlich, daß er es fast sah und hörte.
(Seite 29)
Ein wenig scheinen die Bücher, das Geschichtenerzählen und das Träumen wie ein Ausweg aus seinem tristen Alltag. Denn es sind nicht nur seine Mitschüler*innen und die Schule im Allgemeinen, die Bastian Probleme bereiten. Zuhause ist es für ihn nicht besser.
Bastian lebt bei seinem Vater. Früher war das toll - damals haben sie herumgealbert oder sein Vater hat ihm vorgelesen oder Geschichten erzählt - doch diese Zeit gehört der Vergangenheit an. Seit seine Mutter gestorben ist, ist alles anders. Seitdem ist sein Vater in sich gekehrt. Er spricht kaum noch und scheint Bastian kaum wahrzunehmen. Nicht einmal Bastians schlechtes Zeugnis im letzten Schuljahr hat er kommentiert. Im Verlauf der Geschichte betrachtet Bastian sich selbst als der „Sohn niemands“ (Seite 52) und das trifft seine Einsamkeit eigentlich ziemlich gut.

Die Bücher werden für Bastian damit zu einem alternativen Leben, in dem er alles tun kann und sich so wohlfühlen kann, wie er möchte. Er kann Abenteuer erleben, die er sich im Alltag niemals trauen würde. Und vielleicht sind die Geschichten für ihn auch eine Erinnerung an schöne Zeiten, als Familie für ihn noch Geborgenheit und Zusammenhalt bedeutete und nicht nur ein bloßes Nebeneinander war.
Aus dieser Leidenschaft heraus ist Bastians Faszination für das Buch, das Herr Koreander liest, als Bastian so unerwartet in sein Antiquariat stolpert, auch nicht sonderlich verwunderlich. Das Buch selbst ist schon ein Hingucker: Eingebunden in kupferfarbene Seide, eine helle und eine dunkle Schlange auf dem Cover, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen, und der Text auf den Seiten ist abwechselnd mit grüner und roter Tinte gedruckt. Doch was Bastian wirklich reizt, ist der Titel des Buches: „Die unendliche Geschichte“.
Eine Geschichte, die niemals zu Ende ging! Das Buch aller Bücher!
(Seite 13)
Eine Geschichte, in der er immerfort träumen kann. In der er Abenteuer um Abenteuer erleben und sich das Fantastischste ausmalen kann. Für Bastian scheint ein Traum wahr zu werden.
Sehr schnell ist er überzeugt, dass sein Besuch in Koreanders Antiquariat kein Zufall ist, sondern ihn das Schicksal einzig und allein der „Unendlichen Geschichte“ wegen dorthin verschlagen hat. Seine Faszination reicht so weit, dass er das Buch schließlich stiehlt und sich – weil er sich nicht mehr nach Hause traut – auf dem Speicher der Schule versteckt.

So beginnt die „Unendliche Geschichte“.
Was zunächst eine Erzählung aus dem bloßen Alltag ist - das, was Bastian überhaupt nicht mag! - wird für ihn schließlich zu einer abenteuerlicheren Reise, als er jemals geahnt hätte. Sehr treffend hieß es in Michael Endes erster Idee, dass ein Junge in eine Geschichte hineingerate und nicht so leicht wieder herausfände.
Um das, was ihn in dieser Geschichte erwartet, wird es in den nächsten Wochen gehen!

Quelltext: „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Ausgabe: Wilhelm-Heyne-Verlag, 1994, 487 Seiten, Taschenbuch

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Sarah,
    ganz herzlichen Dank für diese tolle Serie. Die unenedliche Geschichte habe ich auch total geliebt. Jetzt nochmal so spannende und tiefe Einblicke zu bekommen finde ich super.
    LG
    Yvonne

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    1. Hallo Yvonne,

      ich danke dir für deinen lieben Kommentar! Bei der Geschichte entdeckt man einfach immer noch eine neue Facette (zumindest geht es mir so) und ich hoffe, ein paar dieser Facetten diesen Monat zu zeigen.

      Liebe Grüße
      Sarah

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