Phantásien: Die unendliche Welt in einer unendlichen Geschichte

Donnerstag, 12. September 2019 | 2 Kommentare
Die unendliche Geschichte
Buchcover © Wilhelm-Heyne-Verlag
Ein Großteil der Handlung von Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ spielt in dem Reich Phantásien, das nicht nur namentlich die Fantasie widerspiegelt. Phantásien ist eine weitläufige Welt, in der es nichts gibt, das es nicht gibt. Entsprechend vielfältig sind ihr Erscheinungsbild und ihre Bevölkerung.

Die Wesen Phantásiens haben ganz unterschiedliche Gestalten. Während manche ganz oder teilweise wie Menschen aussehen, gleichen andere Tieren oder haben ein vollkommen anderes Erscheinungsbild. Entsprechend viele unterschiedliche Völker gibt es in Phantásien. Wie viele es tatsächlich gibt, wird in einem späteren Beitrag noch genauer betrachtet.
Damit all die Wesen auch miteinander kommunizieren können, spricht jedes Wesen zunächst seine eigene volkstypische Sprache, die niemand sonst versteht. Ob es auch Wesen gibt, die fremde Sprachen sprechen, ist unklar. Vielleicht braucht es das in Phantásien aber auch nicht, denn alle sprechen neben der eigenen noch eine gemeinsame Sprache: Hochphantásisch bzw. die Große Sprache. Mit dieser ist die volksübergreifende Verständigung möglich.
Charakterlich stehen die Wesen Phantásiens den irdischen Wesen in nichts nach, denn auch wenn Phantásien an manchen Stellen wie ein Märchenreich erscheint, ist dort bei weitem nicht alles gut. Es gibt gute und böse Wesen, ehrliche und betrügerische, vorsichtige und grausame. Selbst Kämpfe, Kriege und jahrhundertelange Fehden existieren in Phantásien. Damit ist es ein Reich, das sich zwar in vielen Punkten von der irdischen Realität unterscheidet, aber nicht vollkommen anders ist.

Was sich eindeutig unterscheidet, ist seine Ausdehnung: Phantásien ist grenzenlos. Zudem „steht [es] auf Grundfesten aus vergessenen Träumen“ (Seite 456). Sobald ein Traum in der Menschenwelt geträumt wurde, reichert er sich im Boden Phantásiens als hauchdünnes Plättchen an. Über die Jahre hat sich so eine dicke Schicht gebildet, dass es ein eigenes Bergwerk gibt, in dem metertief Traumbilder abgebaut und an die Oberfläche gebracht werden.

Zudem hat Phantásien eine besondere Geografie. Wobei die Frage ist, ob man es tatsächlich Geografie nennen kann, wenn alles veränderlich ist?
Nichts ist in Phantásien fest, alles wandelt sich. Eine Landschaft, die eben noch im Norden war, kann sich plötzlich im Süden befinden und umgekehrt. Eine Wüste kann direkt an eine Schneelandschaft anschließen. Meere und Gebirge können wandern.
Es wäre deshalb zum Beispiel ganz unmöglich, eine Landkarte von Phantásien zu zeichnen. Es ist dort niemals mit Sicherheit vorauszusehen, welches Land an welches andere grenzt. Sogar die Himmelsrichtungen wechseln je nach der Gegend, in der man sich gerade befindet. Sommer und Winter, Tag und Nacht folgen in jeder Landschaft anderen Gesetzen.
(Seite 178)
Die Entscheidung darüber, welche Landschaft an welche grenzt und wie weit der Weg zur Grenze zwischen zwei Landschaften ist, obliegt ganz allein jeder/jedem Einzelnen. Es kommt einzig auf den Wunsch an, einen bestimmten Ort zu erreichen. Dann wird dieser Ort in die Nähe rücken, obwohl er kurz vorher noch endlos weit entfernt war.
Messbare Entfernungen haben in Phantásien damit keinerlei Bedeutung, denn die Entfernung von einem Ort zum anderen ist für jede*n anders und kann sich selbst für den/die Einzelne*n immer wieder verändern. Entsprechend haben auch die Worte „nah“ und „fern“ für Phantásier*innen eine andere Bedeutung.
„Die Wege Phantásiens“, sagte Graógramán, „kannst du nur durch deine Wünsche finden. Und du kannst immer nur von einem Wunsch zum nächsten gehen. Was du nicht wünschst, ist für dich unerreichbar. Das bedeuten hier die Worte ‚nah‘ und ‚fern‘. Und es genügt auch nicht, nur von einem Ort fortgehen zu wollen. Du mußt zu einem anderen hinstreben.“
(Seite 257)
Trotz all dieser Veränderung gibt es eine Konstante in Phantásien, die sich niemals wandelt: Den Elfenbeinturm. Er steht unveränderlich im Zentrum Phantásiens und ist, den richtigen Wunsch vorausgesetzt, von überall her gleich schnell oder langsam zu erreichen.

Neben dem Elfenbeinturm gibt es noch einen anderen Ort, der zumindest theoretisch immer da ist. Dieser Ort heißt der Tausend Türen Tempel und er existiert immer und überall. Den Beschreibungen nach ist er wie ein Paralleluniversum; ein Gängesystem, das von jedem Ort Phantásiens zu jedem anderen Ort führen kann.
Der Tempel hat kein Äußeres, sondern besteht nur aus unzähligen Türen. Jede Tür in Phantásien, egal ob Haus- oder Schranktür, kann in einem Augenblick zum Tempelzugang werden und schon im nächsten wieder eine ganz gewöhnliche Tür sein.
„[...] Darum kann niemand je zum zweiten Mal durch dieselbe Tür gehen. Und keine der tausend Türen führt dorthin zurück, wo man herkam. [...]“
(Seite 258)
Wer sich einmal in den Tempel hineingewagt hat, der wird immer wieder vor die Wahl zwischen zwei Türen gestellt. Das Aussehen der Türen variiriert. Keine Tür gleicht einer anderen und die Wahl der Türen entscheidet letztlich darüber, an welchem Ort die Person den Tempel wieder verlässt. Die Türen selbst geben jedoch keinen Hinweis darauf, wohin sie führen.
Letztendlich ist auf diese Weise jede Ecke Phantásiens erreichbar.

So verschiedengestaltig, wie die Wesen Phantásiens sind, sind es auch die Landschaften. Manche erinnern an irdische Gegenden, andere entspringen vollständig der Fantasie. Beispiele gefällig?
  • Graslandschaften
    • das Gräserne Meer, die Heimat der Grünhäute
    • das Hochland der Sassafranier, die als Greise geboren werden und als Säuglinge sterben
  • Wälder 
    • der Haulewald, in dem Borkentrolle zwischen riesigen, knorrigen Bäumen leben
    •  das Land der Singenden Bäume, in dem jeder Baum anders aussieht und ihr Wachstum als sanfte Musik zu hören ist
    • der Urwaldtempel von Muamath, „in welchem eine große Säule aus Mondstein frei in der Luft schwebt“ (Seite 59f.)
    • die Sümpfe der Traurigkeit, ein abgestorbener, sumpfiger Wald, in dem jede*r Besucher*in mit jedem Schritt deprimierter wird
  • Gebirge
    • die Silberberge nahe des Gräsernen Meeres
    • die Toten Berge, eine Felsenwüste, in der es nichts Lebendes gibt 
    • das Schicksalsgebirge, eine Region des ewigen Eises und das höchste Gebirge Phantásiens, das stets erst von jemandem bezwungen werden kann, wenn gänzlich vergessen wurde, wem es zuletzt gelungen ist
    • der Blaue Berg, ein leuchtend blauer Berg auf in den Himmel ragenden Zacken, zwischen denen ein hausgroßes Ei hängt
  • Städte 
    • die Gläsernen Türme von Eribo, deren gläsern scheinende Bewohner*innen Sternenlicht sammeln, um daraus wundersame Gegenstände herzustellen
    • die Stadt Brousch, in deren Straßen Wesen aus Feuer leben
Mittendrin steht der Elfenbeinturm. Er ist umgeben vom Labyrinth, einer von Horizont zu Horizont reichenden Ebene, auf der ein riesiger Blumengarten angelegt wurde.
Der Elfenbeinturm ist das Herz Phantásiens und der Wohnort der Kindlichen Kaiserin und ihres Hofstaates. Dabei kann die Bezeichnung Turm leicht in die Irre führen.
Der Elfenbeinturm war groß wie eine ganze Stadt. Er sah von fern aus wie ein spitzer, hoher Bergkegel, der in sich wie ein Schneckenhaus gedreht war und dessen höchster Punkt in den Wolken lag. Erst beim Näherkommen konnte man erkennen, daß dieser riesenhafte Zuckerhut sich aus zahllosen Türmen, Türmchen, Kuppeln, Dächern, Erkern, Terrassen, Torbögen, Treppen und Balustraden zusammensetze, die in- und übereinander geschachtelt waren.
(Seite 31)
Der gesamte Elfenbeinturm besteht, wie der Name schon sagt, aus phantasischem Elfenbein und leuchtet in feenhaftem Weiß. Zwischen den zahlreichen Gebäuden windet sich eine Hauptstraße spiralförmig nach oben. Sie endet an einer hohen Ringmauer, durch deren Portal man den eigentlichen Palastbezirk erreicht.
Der Turm gipfelt in einen spiegelblanken Bergkegel, auf dessen Spitze der Magnolienpavillon sitzt, der Wohnort der Kindlichen Kaiserin. An ihm führt keine Treppe hinauf und er ist unkaputtbar. Jeder Versuch, eine Treppe in das Elfenbein zu schlagen, scheitert und hinterlässt, unabhängig vom Werkzeug, nicht einmal einen Kratzer.
Niemand, der je dort hinaufgelangt ist und noch hinaufgelangen wird, kann sagen, wie er dies letzte Stück Wegs zurückgelegt hat. Es muß einem geschenkt werden.
(Seite 183)
Der Magnolienpavillon hat seinen Namen von seiner Form, die einer weißen Magnolienknospe entspricht. In manchen Vollmondnächten öffnet sich diese Knospe. Im Zentrum der Blüte sitzt dann die Kindliche Kaiserin.

Quelltext: „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Ausgabe: Wilhelm-Heyne-Verlag, 1994, 487 Seiten, Taschenbuch

2 Kommentare

  1. Hallo Sarah,

    ein Setting, was seinesgleichen sucht und nie gefunden wird. Im übrigen würde ich es cool finden, wenn mein Zielort auf meinen Wunsch hin auch in die Nähe rückt.

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Hallo Tina,

      oh ja, das wäre toll! Dann wäre es nicht mehr so kompliziert und aufwändig, die vielen wunderschönen Orte dieser Welt zu besuchen.

      Liebe Grüße
      Sarah

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