Im Porträt: Atréju

Sonntag, 8. September 2019 | Kommentieren
Buchcover © Wilhelm-Heyne-Verlag
Während Bastian versteckt auf dem Schulspeicher beginnt, die „Unendliche Geschichte“ zu lesen, bahnt sich für einen anderen ein großes Abenteuer an, das über die Zukunft einer gesamten Welt entscheiden wird.

Dieser andere heißt Atréju.
Er ist der Protagonist des Buchs im Buch: der „Unendlichen Geschichte“, die Bastian liest.

Atréju gehört zum Volk der Grünhäute. Es lebt hinter den Silberbergen im Gräsernen Meer, einer riesigen Prärie aus menschengroßem Gras in Phantásien. Der Name des Volkes bezieht sich auf ihr Aussehen, denn die Grünhäute haben dunkelgrüne, etwas ins Bräunliche gehende Haut, die stellenweise auch als olivfarben beschrieben wird. Ebenso typisch sind die blauschwarzen Haare, die Männer wie Frauen lang und manchmal zu Zöpfen gebunden tragen.
Atréjus Volk wird auch das Volk der Grasleute genannt, denn vieles, was sie zum Leben brauchen, stellen sie aus dem harten Präriegras her, das sie, soweit das Auge reicht, umgibt. Ihr Leben selbst ist äußerst genügsam, streng und hart. Jedes Mitglied der Gemeinschaft lernt schon in der Kindheit, Hitze, Kälte und große Entbehrungen zu ertragen und sich Tapferkeit, Großmut und Stolz zu eigen zu machen.
Die Grünhäute bzw. Grasleute sind ein Volk von Jägern. Sie sind die einzigen, die es – nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet - wagen, die riesigen Purpurbüffel zu jagen, die in großen Herden durch das Gräserne Meer ziehen. Dabei sehen sie die Purpurbüffel nicht etwa als einfache Beute an, sondern lieben und verehren sie und glauben, sie nur dann töten zu dürfen, wenn sie selbst bereit sind, im Kampf mit einem Büffel zu sterben.

So erging es Atréjus Eltern. Sie wurden bereits kurz nach seiner Geburt von einem Purpurbüffel getötet.
„Wer hat dich aufgezogen?“
„Alle Frauen und alle Männer gemeinsam. Darum nannten sie mich Atréju, das heißt in den Worten der Großen Sprache: ‚Der Sohn aller‘.“
(Seite 51)
Das ist der Moment, in dem Bastian beginnt, mit Atréju mitzufühlen. Er selbst kennt es, ohne Mutter aufzuwachsen und mit einem Vater, der ihn kaum wahrnimmt. Zwar ist ihm eine Gemeinschaft, wie Atréju sie erlebt, fremd, doch „[t]rotzdem freute Bastian sich darüber, daß er auf diese Weise etwas mit Atréju gemeinsam hatte“ (Seite 52).
Abgesehen von dieser Gemeinsamkeit sieht Bastian in Atréju ein Ideal, nach dem er sich sehnt. Atréju ist mutig und tapfer – Eigenschaften, die Bastian gern hätte. Im Verlauf der Geschichte wird Bastian sich mehrfach einen treuen Freund wie Atréju wünschen, jemanden, der ihm hilft, den richtigen Weg zu finden. Doch bis es so weit ist, steht beiden noch ein langer Weg bevor.

Dieser Weg beginnt an dem Tag, an dem Atréju seine Jagd hat. Sie ist Atréjus letzter Schritt, um ein richtiger Jäger seines Volkes zu werden. Er ist bereits mit den anderen Jäger*innen unterwegs, als der Heiler Caíron, ein alter Schwarz-Zentaur, im Auftrag der Kindlichen Kaiserin das Lager der Grünhäute erreicht. Auf seinen Wunsch hin wird Atréju zurückgeholt, was dem überhaupt nicht gefällt. Entsprechend ungehalten ist er, als er Caíron gegenübersteht.
Caíron wiederum ist geschockt. Er hatte damit gerechnet, einen erwachsenen Jäger anzutreffen. Stattdessen ist es ein etwa zehnjähriger Junge mit einem purpurroten Büffelhaarmantel über den Schultern und weißen Ornamenten, die ihm auf Stirn und Wangen gemalt wurden. Nichtsdestotrotz überbringt Caíron Atréju den Auftrag der Kindlichen Kaiserin:
„Worin besteht der Auftrag?“ wollte Atréju wissen.
„Das Heilmittel für die Kindliche Kaiserin zu finden“, antwortete der alte Zentaur, „und Phantásien zu retten.“
(Seite 50)
Atréju soll auf die Große Suche gehen, auf eine Reise ohne Richtung und ohne absehbares Ende, denn niemand weiß, wie die Kindliche Kaiserin geheilt werden kann. Als Atréju davon hört, ist er geschockt. Zuvor hatte niemand im Lager der Grünhäute von der Krankheit der Kindlichen Kaiserin gehört. Umso überraschender ist es nun für Atréju zu erfahren, dass ausgerechnet er für diese wichtige Aufgabe ausgewählt wurde. Nach kurzem Zögern willigt er ein.
Hierin erkennt Bastian eine zweite Gemeinsamkeit mit Atréju: Auch Bastian weiß nicht, wohin sein Weg ihn führen wird, seid er das Buch gestohlen hat, das auf ihn so eine seltsame Anziehungskraft ausübte, und er sich nicht mehr nach Hause traut. Er fühlt sich ebenfalls auf einer Großen Suche, genau wie Atréju. Dass es sich bei ihren beiden Suchen letztlich um eine gemeinsame Reise handelt, ahnt er jedoch nicht.

Zum sichtbaren Zeichen seiner Aufgabe erhält Atréju AURYN, das Zeichen der Kindlichen Kaiserin. Es soll Atréju schützen und führen, doch darf er niemals in das eingreifen oder das verurteilen, was er erlebt. Das ist die Bürde von AURYN:
„[…] Alles muß dir gleich gelten, das Böse und das Gute, das Schöne und das Häßliche, das Törichte und das Weise, so wie es vor der Kindlichen Kaiserin gleich gilt.“
(Seite 51)
Um gar nicht erst in Versuchung zu geraten, muss Atréju alle Waffen zurücklassen. Mehr Informationen kann Caíron ihm jedoch nicht geben. Der Junge soll sofort und ohne Abschied von seinem Volk aufbrechen, da niemand weiß, wie lange die Große Suche dauern wird und wie lange die Kindliche Kaiserin noch überleben kann.
„Wo soll ich beginnen?“, fragte er.
„Überall und nirgends“, antwortete Caíron. „Von nun an bist du allein, und niemand kann dir raten. Und so wird es sein bis zum Ende der Großen Suche – wie auch immer sie enden wird.“
(Seite 52)
Gemeinsam mit Artax, seinem kleinen, sprechenden Pferd, das als schnellster und ausdauernster Renner der ganzen Gegend gilt, bricht Atréju auf zu seiner Reise ins Ungewisse. Während er zuvor nur das Gräserne Meer und die daran angrenzenden Silberberge kannte, lernt er im Laufe seiner Reise die unterschiedlichsten Gegenden Phantásiens kennen. Dazu beim nächsten Mal mehr.

Quelltext: „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Ausgabe: Wilhelm-Heyne-Verlag, 1994, 487 Seiten, Taschenbuch

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