Die Kindliche Kaiserin und das Nichts

Donnerstag, 19. September 2019 | Kommentieren
Unendliche Geschichte
Buchcover © Wilhelm-Heyne-Verlag
Nach den Einblicken in Phantásien und seine Vielfalt soll es heute um ein besonderes Wesen in diesem fantastischen Reich gehen: Die Kindliche Kaiserin. Sie gilt als Herrscherin Phantásiens, auch wenn sie in dem Sinne nicht herrscht. Ihre Position gründet sich einzig und allein darauf, dass sie alle phantásischen Wesen, egal, ob gut oder schlecht, hübsch oder hässlich, sanft oder grausam, gleichermaßen akzeptiert.
Sie herrschte nicht, sie hatte niemals Gewalt angewendet oder von ihrer Macht Gebrauch gemacht, sie befahl nichts und richtete niemanden, sie griff niemals ein und mußte sich niemals gegen einen Angreifer zur Wehr setzen, denn niemandem wäre es eingefallen, sich gegen sie zu erheben oder ihr etwas anzutun. Vor ihr galten alle gleich.
Sie war nur da, aber sie war auf eine besondere Art da: Sie war der Mittelpunkt allen Lebens in Phantásien.
(Seite 40)
Alle Wesen respektieren sie und existieren nur durch sie, denn die Kindliche Kaiserin ist wie das Herz Phantásiens, ohne das es dieses Reich nicht geben könnte.
Sie erscheint in der Gestalt eines kleinen zartes Mädchens von höchstens zehn Jahren, doch eigentlich ist sie ohne Alter. Ihre Zeit bemisst sich nicht in Jahren, sondern in Namen. Der letzte, der ihr gegeben wurde, lautete „Goldäugige Gebieterin der Wünsche“ und erinnert damit an ihre goldenen, mandelförmigen Augen. Abgesehen davon hat die Kindliche Kaiserin schmale Augenbrauen, „seltsam langgezogene Ohrläppchen“ (Seite 184) und eine blasse, fast durchsichtige Haut.
Mit ihrem Aussehen bezaubert sie jeden, der ihr gegenüber tritt: Phantásier*in und Menschenkind gleichermaßen.
Die Kindliche Kaiserin selbst ist in dem Sinne kein Wesen Phantásiens, aber auch kein Menschenkind. Sie ist das Zentrum der phantásischen Welt und ein Wesen der Gegenwart. Daher sind ihr auch Buchstaben, die Dinge festhalten, nicht wohlgesonnen, und bei ihrer einzigen Begegnung mit ihnen im Laufe der "Unendlichen Geschichte" zerreißt sie sich Kleidung und Haut an ihnen. Sie ist stets umgeben von ihren sieben unsichtbaren Mächten, die ein Teil von ihr sind und wie stille Diener alles für sie tun.
Das Zeichen der Kindlichen Kaiserin ist AURYN, das von denen, die sich nicht trauen, seinen wahren Namen auszusprechen, Kleinod, Pantakel oder schlicht der Glanz genannt wird. AURYN wird von allen phantásischen Wesen respektiert, denn:
Es war das Zeichen dessen, der im Auftrag der Kindlichen Kaiserin stand und in ihrem Namen handeln konnte, so als sei sie selbst anwesend.
Es hieß, daß es dem Träger geheimnisvolle Kräfte verlieh, obgleich niemand genau wußte welche.
(Seite 43f.)
AURYN ist ein goldenes Amulett, auf dem sich eine helle und eine dunkle Schlange gegenseitig in den Schwanz beißen und auf diese Weise ein Oval bilden. Auf seiner Rückseite stehen die Worte „Tu Was Du Willst“ (Seite 226), die jedoch nur für Menschenkinder eine Bedeutung haben und nicht für Phantásier*innen, die AURYN tragen.

Zu Beginn der „Unendlichen Geschichte“ ist die Kindliche Kaiserin sehr krank. Keiner der fünfhundert besten phantásischen Ärzt*innen weiß ihr zu helfen, was besonders schlimm ist, denn die Kindliche Kaiserin ist immerhin das Herz Phantásiens. Ohne sie kann dieses Reich nicht existieren. Stirbt sie, stirbt auch Phantásien.
Ihre Krankheit wirkt sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf Phantásien aus: Es ist das Nichts, das sich allmählich ausbreitet.
„Es sieht eigentlich gar nicht aus. Es ist – es ist wie – ach, es gibt kein Wort dafür!“
„Es ist“, fiel der Winzling ein, „als ob man blind wäre, wenn man auf die Stelle schaut ...“
(Seite 26)
Dieses gefährliche Phänomen erscheint an verschiedenen Orten in Phantásien. Einmal betroffene Stellen breiten sich nach und nach aus und verschlingen Flächen und Wesen. Das Nichts ist dabei im wahrsten Sinne ein Verschwinden und Sich-Auflösen. Was den befallen Stellen zu nah kommt, verliert zunächst jede Farbe und wird dann immer nebelhafter und unwirklicher, bis es endgültig Nichts ist.
Wesen, die mit einem Körperteil hineingeraten, fehlt dieses Teil plötzlich, ohne das sie Schmerzen verspüren. Die Stelle, an der das Teil fehlt, wird jedoch langsam größer, bis das komplette Wesen weg ist.
Zudem übt das Nichts einen gefährlichen Sog auf Phantásier*innen aus. Wer ihm zu nah kommt, wird förmlich von ihm angezogen und so manche*r Phantásier*in hat sich bereits absichtlich in das Nichts hineinfallen lassen.

Das Nichts droht dabei nicht nur, Phantásien zu vernichten, sondern ist auch eine Gefahr für die Menschenwelt, denn die Phantásier*innen, die in das Nichts geraten, sind nicht einfach weg. Sie werden in die Menschenwelt geworfen, in der sie jedoch ihr eigentliches Wesen verlieren und zu Lügen werden.
Man stelle sich vor: Kinder glauben an die Existenz von Einhörnern, Drachen & Co. und lassen in diesem Glauben ihrer Fantasie freien Lauf. Doch sind sie einmal überzeugt, dass es diese Wesen nicht gibt - dass sie Lügen sind - dann ist ein Stück ihrer Fantasie verloren. Dieser Verlust wirkt sich auf Phantásien aus, das eng mit den Menschen verbunden ist. Je stärker das Nichts wird, desto mehr Lügen sind in der Menschenwelt und desto schneller verschwindet Phantásien.
Rettung kann es nur in Form eines neuen Namens für die Kindliche Kaiserin geben, der ihr und Phantásien eine neue Wirklichkeit geben kann:
„Nur der richtige Name gibt allen Wesen und Dingen ihre Wirklichkeit“, sagte sie. „Der falsche Name macht alles unwirklich. Das ist es, was die Lüge tut.“
(Seite 194)
Während aus ganz Phantásien Bot*innen zur Kindlichen Kaiserin reisen, um ihr von der Ausbreitung des Nichts zu berichten und um Rat zu fragen, bricht daher der Schwarz-Zentaur Caíron auf, Atréju zu finden. Denn ihn hat die Kindliche Kaiserin erwählt, um das Heilmittel für sie zu finden.

Quelltext: „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Ausgabe: Wilhelm-Heyne-Verlag, 1994, 487 Seiten, Taschenbuch 

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