Wie funktioniert Speed Reading? (inkl. Erfahrungsbericht)

Sonntag, 12. Mai 2019 | 11 Kommentare
Offenes Buch im Gras

Vor zwei Wochen schrieb ich über die innere Stimme und wie sie das Leseerlebnis vieler Menschen beeinflusst. In den Gesprächen, die daraufhin in den Kommentaren und auf Twitter entstanden, ging es auch mehrfach um den Zusammenhang von Lesegeschwindigkeit und innerer Stimme. Oder besser: Um Speed Reading.
In meinem Literaturseminar sprachen wir damals ebenfalls kurz über dieses Thema und unser Dozent verriet uns, wie man es lernen kann. Darum soll es heute gehen. Da zu dem Zeitpunkt meine Bachelorarbeit anstand, habe ich seine Tipps ausprobiert. Wie gut es geklappt hat, verrate ich euch später. Erst einmal:

Was ist Speed Reading?

Speed Reading (oder Schnelllesen) ist eine Strategie, mit der man Texte besonders schnell lesen und verstehen kann. In normaler Geschwindigkeit lesen Menschen ungefähr 200 bis 250 Wörter pro Minute. Mit Speed Reading sollen 800 bis 1500 Wörter pro Minute möglich sein.
Dabei wird der Erfolg von Speed Reading nicht nur anhand der bloßen Geschwindigkeit gemessen, sondern aus der Relation von Lesegeschwindigkeit und Textverständnis heraus ermittelt. Nur, wer Texte schnell liest und gleichzeitig möglichst fehlerfrei versteht, was er/sie gelesen hat, kann sich als Schnellleser*in betiteln.

Was hindert Menschen am schnellen Lesen?

1. Subvokalisieren

Warum können wir nicht alle schnell lesen? Warum braucht es dazu spezielle Trainings, Bücher und Seminare?
Die Antwort darauf findet sich zu einem großen Teil in unserer Kindheit, genauer in der Zeit, in der wir lesen lernten. Damals war es erstens wichtig, die Buchstaben zu lernen und sie in der richtigen Reihenfolge zu Wörtern zusammenzusetzen. Zweitens mussten wir Buchstabenketten als Wörter erkennen und drittens mussten wir lernen, diese Wörter richtig auszusprechen. Bei all dem spielte bei vielen von uns die innere Stimme eine wichtige Rolle. Das sog. Subvokalisieren, d.h. das innere Mitlesen, half uns dabei, das Aussehen der Wörter mit ihrem Klang zusammenzubringen und die Wörter richtig zu lernen.
Heute kennen wir viele dieser Wörter und brauchen diese Technik eigentlich meistens nicht mehr. Trotzdem hat sie sich vielfach erhalten und hemmt die Lesegeschwindigkeit, weil durch das innere Mitlesen die Lesegeschwindigkeit an die Sprechgeschwindigkeit gebunden ist.
Eine Aufgabe beim Lernen von Speed Reading ist es daher, die innere Stimme zu reduzieren. Gänzlich ausgeschaltet werden soll sie jedoch nicht, denn gerade bei Fremdwörtern und Schlüsselbegriffen kann die innere Stimme dazu beitragen, die Wörter besser im Gedächtnis zu behalten.

2. Regression

  • Ihr lest einen Text und springt zwischendurch hin und wieder zurück zu einer Textstelle, um euch zu vergewissern, dass ihr die Zusammenhänge richtig erfasst habt.
  • Bevor ihr einen neuen Abschnitt anfangt, scannt ihr noch einmal den zuvor gelesenen Text. Es könnte schließlich sein, dass ihr etwas Wichtiges vergessen habt.
  • Während des stillen Lesens verlest ihr euch und lest die Stelle noch einmal, statt einfach weiterzulesen.
Kennt ihr eine dieser Situationen?
Diese Rücksprünge beim Lesen nennt man Regression. Auch sie hemmen den Lesefluss und sollen beim Speed Reading vermieden werden.

3. Fixierung

Wer still liest, folgt dem Text mit den Augen. Wort für Wort wird erfasst und verarbeitet. Dabei kann das menschliche Gehirn wesentlich mehr leisten und Wortgruppen bis zu 3,5 cm mit einem kurzen Blick erfassen.
Beim Speed Reading geht es daher darum, die Fixierungen zu reduzieren und mit möglichst wenigen Fixierungspunkten einen Text zu erfassen. Das schnelle Lesen ist kein "Entlangfliegen am Text", bei dem Wort für Wort wahrgenommen wird, sondern ein springendes Lesen, bei dem Wortgruppe für Wortgruppe erfasst wird.
Dieser Punkt ist es allerdings auch, der Speed Reading zu einer für die Augen recht anstrengenden Tätigkeit macht. Auch wenn man regelmäßig schnell liest und sich die Augenmuskeln an die Bewegungen gewöhnen, sollte man es nicht zu lange machen und regelmäßige Pausen einlegen, in denen die Augen sich entspannen können. Andernfalls wird Speed Reading ähnlich anstrengend für die Augen wie lange Bildschirmarbeit.

Wie lernt man Speed Reading?

Zu dieser Frage gibt es die unterschiedlichsten Ansichten, Übungen, Bücher und Seminare. In meinem Seminar haben wir damals eine Möglichkeit besprochen, die ich später für mein eigenes Training genutzt habe. Inwieweit diese Möglichkeit sich von anderen abhebt oder besser oder schlechter als andere ist, kann ich nicht beurteilen.

1. Die innere Stimme zum Schweigen bringen.

Zunächst einmal soll man ganz bewusst ohne innere Stimme lesen, d.h. man zwingt sich dazu, nicht innerlich mitzulesen. Der Inhalt des Gelesenen darf hierbei vernachlässigt werden. Es geht zunächst einzig und allein um das stille Lesen.
Wenn das ganz gut klappt, soll man im nächsten Schritt den Inhalt des Textes wahrnehmen - weiterhin soweit wie möglich ohne innere Stimme. Unbekannte Wörter, fremdsprachliche Ausdrücke und wichtige Schlüsselwörter im Text dürfen jedoch weiterhin innerlich gesprochen werden.

2. Die Augen trainieren.

Bei den meisten sind die Augen daran gewöhnt, nahezu jedes Wort einzeln zu fixieren. Das soll in diesem Schritt geändert werden. Bewusst soll man nicht mehr jedes Wort einzeln anschauen, sondern mit möglichst wenigen Fixierungspunkten ganze Zeilen erfassen.
Eine Übung, die uns dafür vorgestellt wurde, geht so: Man nimmt sich einen Text nach Wahl und ein Blatt Papier. Dieses Papier legt man an die obere Zeile des Textes und schiebt es nun Zeile für Zeile über den Text, sodass immer mehr verdeckt wird. Die Aufgabe ist, die einzelnen Zeilen mit den Augen zu erfassen, bevor sie vom Papier verdeckt werden. Wichtig ist, das Papier schneller zu bewegen, als man normalerweise liest. Dadurch zwingt man sich selbst, den Text schneller zu erfassen und trainiert sich nach und nach ein schnelleres Lesen an.

3. Üben, üben, üben.

Speed Reading lernt man nicht über Nacht. Es braucht Übung und sollte daher möglichst regelmäßig trainiert werden.

Meine Erfahrungen mit Speed Reading

Anfangs war es extrem ungewohnt. Die innere Stimme zu reduzieren, ging bei mir erstaunlich leicht, auch wenn mir in all der Stille etwas fehlte. Hin und wieder hielt ich anfangs die Luft an, während ich mich zwang, ohne innere Stimme zu lesen - als wollte ich verhindern, dass etwas in mir mitsprechen kann. Nach ein bisschen Übung hat sich das aber gelegt.
Die Fixierung zu verändern, war ebenfalls nicht besonders schwer und schon nach ein paar Tagen hatte ich den Dreh raus und konnte eine Textzeile mit zwei, maximal drei Fixierungspunkten erfassen.
Deutlich schwerer gestaltete sich das inhaltliche Erfassen des Textes bei dieser Technik. Immer wieder erwischte ich mich dabei, zwar die Wörter an sich zu erfassen, aber den Inhalt nur oberflächlich zu verstehen. Wenn ich mit innerer Stimme und wenigen Fixierungspunkten las, klappte das gut. Wenn ich ohne innere Stimme und vielen Fixierungspunkten las, ebenfalls. Nur beides zusammen funktionierte nicht so richtig.
Letztlich habe ich Speed Reading damals etwa einen Monat geübt, bevor es im Studien- und besonders dem Bachelorstress unterging. Richtig geklappt hat es trotz der anfänglichen Erfolge nicht. Schnell lesen - ohne innere Stimme und mit wenigen Fixierungspunkten - kann ich nur, wenn mir der Inhalt egal ist, denn mit dieser Technik behalte ich kaum Informationen aus dem Text im Kopf.
Dennoch waren die Übungen nicht ganz umsonst, weil ich eine Art eigenes Speed Reading entwickelt habe. Dabei erfasse ich Wortgruppen mit den Augen und meine innere Stimme liest jeweils das wichtigste Wort in der Wortgruppe. Ich springe quasi von Schlüsselbegriff zu Schlüsselbegriff und erschließe mir auf diese Weise den Text.
Diese Technik nutze ich gern, wenn ich mir einen Überblick über einen Text verschaffen möchte. Will ich dagegen jede einzelne Information aus einem Text erfassen oder handelt es sich um einen anspruchsvollen Text, funktioniert meine Technik nicht. Dann bleibe ich beim ganz normalen Lesen mit innerer Stimme, Langsamkeit hin oder her.

Im Gespräch

Habt ihr Erfahrungen mit Speed Reading?

Mehr zum Thema:

Karrierebibel: Tipps zum Speed Reading
Studienstrategie.de: 11 Tipps zum schnelleren Lesen
Studis online: Speed Reading

11 Kommentare

  1. Hi Sarah,

    ich hab von "Speed Reading" schonmal gehört, ist schon eine Weile her - aber ich kann mit diesem "System" nicht wirklich etwas anfangen. Vielleicht um Nachrichten zu überfliegen oder einen kurzen Infotext. Aber in Bücher mag ich eintauchen, die Atmosphäre spüren und den (hoffentlich guten) Schreibstil genießen. Ich glaube nicht, dass das mit dieser Variante des Lesens geht ;)

    Ich lese dann doch lieber langsam und in Ruhe, denn Schnelllebigkeit haben wir ja momentan wirklich genug, da muss man sich nicht auch noch beim Lesen beeilen ^^

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hey Aleshanee,

      ja, für Belletristisches kann ich es mir auch nicht vorstellen. Wie du richtig schreibst: Da will man die Atmosphäre spüren. Das passt auch für mich nicht mit Speed Reading zusammen.

      Liebe Grüße
      Sarah

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    2. Ich hab deinen Beitrag heute auch direkt mal in der Stöberrunde verlinkt :)

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    3. Hallo Sarah,
      Das ist ein interessanter Beitrag. Ich bin wohl generell Speedreaderin, zumindest wenn ich genug konzentriert bin. Meine Freunde regen sich immer auf wie ich so einen Wälzer in ein paar Stunden durchhabe. Und mir ist aufgefallen, ich habe tatsächlich überhaupt keine Subvokalisierung und hatte sie auch noch nie. Als Kind hatte ich ziemliche Probleme in der Schule mit Lesen lernen, anscheinend fasse ich die Dinge einfach anders auf. Jetzt finde ich es aber recht praktisch, trotz Zeitmangel bin ich Vielleserin. :) Die Regression kann ich aber noch minimieren. Ein schöner Beitrag!
      Liebe Grüße, Aurora von Weltentänzerin

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    4. Hallo Aurora,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Kannst du denn trotzdem in die Geschichte eintauchen, sprich Atmosphäre spüren und vielleicht Kopfkino erleben? Oder ist es für dich "nur" ein Text mit interessantem Inhalt?

      Liebe Grüße
      Sarah

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  2. Hallo Sarah,

    echt interessanter Beitrag! Ab und an versuche ich mich auch am Schnelllesen, aber ich merke erst jetzt nach deinem Beitrag, dass das eher unbeabsichtigt geschehen ist. Ich habe zwar gewusst, dass es so etwas gibt, aber noch nie etwas darüber gelesen bzw. gehört und doch habe ich es schon genauso wie du es beschreibst ausprobiert.
    Zeilen überfliegen und mich an ein paar Fixpunkte zu klammern funktioniert gar nicht so schlecht, aber ohne innere Stimme zu lesen ist immer wieder eine Hürde. In der Arbeit tue ich mich lustigerweise leichter beim Schnelllesen, als bei einem Roman. Vermutlich liegt es daran, dass ich einen Roman genießen und nicht von einer Seite zur nächsten hetzten will.

    Hier gefällt es mir! Ich bleibe dir als Leserin gerne erhalten :D.

    Alles Liebe,
    Tina
    von Tianas Bücherfeder

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    1. Hallo Tina,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Für Romane kann ich mir Schnelllesen auch gar nicht vorstellen. Da würde einfach etwas fehlen...

      Liebe Grüße
      Sarah

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  3. Ich wollte schon immer ein Seminar in Speedreading machen, aber bislang habe ich kein geeignetes Angebot in meiner Region finden können. Deswegen haben mir deine vorgestellten Techniken schon viel weiter geholfen, besonders das mit den Fixierungen der Augen. Ich habe es mit Hilfe deines Artikels probiert - und ja: Mir tun jetzt die Augen weh!
    LG Sabienes

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    1. Hey Sabienes,

      freut mich, wenn dir der Artikel weiterhilft! Die Fixierungen sind auch echt Übungssache. Anfangs konnte ich es nur ganz kurz, mittlerweile etwas länger, bevor meine Augen anfangen wehzutun. Aber dauerhaft wäre mir das trotzdem nichts.

      LG Sarah

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  4. Hallöchen Sarah!

    Das ist ein sehr interessanter Beitrag! Ich glaube ich habe unbewusst schon öfter eine ähnliche Technik angewandt und zwar ganz intuitiv. Wenn mich ein Buch etwas langweilt und ich nicht gewillt bin, Wort für Wort zu lesen, genau dann nutze ich sozusagen "Speed Reading". Dabei mache ich im Prinzip genau das, was du hier schilderst. Ich habe aber bisher nie daran gedacht, das zu trainieren. Ich glaube ich muss mich damit noch etwas mehr beschäftigen. Jetzt hast du mich neugierig gemacht =)

    LG
    Anja

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    1. Hallo Anja,

      vielen Dank! Ja, im Grunde ist es wirklich so, wie einen Text zu überfliegen. Nur dass man beim Speed Reading im Bestfall noch mehr vom Text verstehen soll als beim bloßen Überfliegen :)

      Liebe Grüße
      Sarah

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