[Rezension] Joseph Nassise: Der Schattenseher

Sonntag, 14. April 2019 | Kommentieren
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Buchcover © PAN (Droemer Knaur)
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352 Seiten | 2009 | PAN | Deutsch

Original: Eyes to see
Übersetzer: Heike Holtsch

Reihe: Die Hunt-Chroniken #1

Zäher Fantasy-"Thriller"

Auf der Suche nach seiner entführten Tochter opferte Jeremiah Hunt sein Augenlicht. Seitdem kann er Geister und andere übernatürliche Wesen sehen und unterstützt mit dieser Fähigkeit hin und wieder die Polizei bei ihren Ermittlungen. An zwei Tatorten entdeckt er schließlich Spuren seiner Tochter.

Hohe Erwartungen

"Der Schattenseher" begegnete mir erstmals beim Litnetzwerk und weckte mit seiner Grundidee sofort meine Neugier. Ein Mann, der sein Augenlicht opfert, um etwas sehen zu können, das normalen Menschen verborgen bleibt? Das klang spannend und mal nach etwas anderem! Die Realität war leider ziemlich ernüchternd.

1. Problem: Der Schreibstil

"Der Schattenseher" ist in einem sehr sachlichen Stil geschrieben - voller kurzer Sätze und wenig Tiefgang. Eine emotionale Verbindung zur Geschichte oder zu den Charakteren war mir dadurch nicht möglich. Geholfen hat an der Stelle auch nicht, dass der größte Teil der Geschichte aus Jeremiah Hunts Perspektive in Ich-Form erzählt wird. Von der Emotionalität und der charakterlichen Tiefe, die diese Perspektive sonst in anderen Büchern mitbringt, habe ich nichts gemerkt. Die Charaktere blieben für mich überwiegend flach und farblos.
Vereinzelt wird der/die Leser*in vom Ich-Erzähler zudem direkt adressiert, was ich sehr irritierend fand. Nicht unbedingt, weil er mich ansprach, sondern weil es so willkürlich passierte. Über lange Strecken ist das Buch eine gewöhnliche Erzählung und dann taucht plötzlich irgendwo ein großgeschriebenes "Sie" auf und ich werde angesprochen. Der Sinn dahinter hat sich mir nicht erschlossen.

2. Problem: Die Bezeichnung der Figuren

Auch wenn es jetzt so scheint: Nein, die Namen der Figuren haben mich nicht gestört. Genervt hat mich lediglich, wie von Figuren geredet wird.
In den meisten Fällen, insbesondere zu Beginn des Buches, wird lediglich der Nachname einer Figur verwendet, wenn von ihr gesprochen wird. Dann tut Hunt dieses oder jenes oder Clearwater (eine Hexe) taucht auf oder Stanton (ein Polizist) braucht Hilfe. So weit akzeptabel.
Nervig wurde es, als wahllos der Vor- oder Nachname benutzt wurde. Vor allem bei der Hexe Denise Clearwater ist mir das aufgefallen. Erst war von Clearwater die Rede, ein paar Sätze weiter von Denise. Dann eine Seite weiter wieder von Clearwater. Warum?! Selbst der personale Erzähler, der aus Denise Clearwaters Sicht das Geschehen schilderte, schien sich nicht einig, wie er sie nun nennen soll.
Ganz zu schweigen vom Ich-Erzähler Jeremiah. Der sieht in Denise irgendwann eine Freundin, nennt sie hin und wieder auch Denise, aber überwiegend bleibt sie für ihn Clearwater. Auf der anderen Seite ist der Barbesitzer Dmitri Alexandrow, der Jeremiah im Laufe der Geschichte unterstützt, für ihn durchweg Dmitri und nie Alexandrow. Nochmal: Warum?!

3. Problem: Kein konstantes Magiesystem

Fehlende Konstanten gibt es nicht nur bei der Bezeichnung der Figuren, sondern auch im Magiesystem, das für mich einfach keinen Sinn gemacht hat. Mal braucht es komplizierte Beschwörungen, mal nur einfache Handzeichen. Mal werden fremde Sprachen und seltsame Symbole bemüht, mal genügt ein einfaches "Leuchte!" (Seite 292) und die Magie wirkt. Diese vollkommen unterschiedlichen Methoden werden alle von einer einzigen Person verwendet - nach für mich absolut nicht nachvollziehbaren Kriterien. Einzig, dass komplizierte Beschwörungen nur verwendet wurden, wenn gerade viel Zeit war, und einfache Handzeichen und Befehle, wenn es schnell gehen musste, sind mir (negativ) aufgefallen. Eine Begründung für dieses chaotische Magiesystem ist das aber auch nicht.

4. Problem: Fehlende Logik

Der Protagonist Jeremiah Hunt ist blind - zumindest bei Tageslicht. Im Dunkeln kann er halbwegs Umrisse erkennen und er sieht Auren und Geister. Diese Grundkonstellation scheint der Autor hin und wieder vergessen zu haben. So beschreibt der Ich-Erzähler Jeremiah bspw. an einer Stelle, wie Dmitri mit Pistolengurt und Gewehr ausgestattet ist, obwohl er kurz zuvor noch versuchte, seine Umgebung zu erspüren. Ich wiederhole mich, aber trotzdem: Warum?!
Ich verstehe, dass es Dinge gibt, die erwähnt werden sollten, damit der/die Leser*in ein vollständiges Bilder der Szene bekommt. Aber wenn ein Protagonist blind ist, kann er keine visuellen Details beschreiben! Punkt.

Positive Aspekte?

Genug von den Problemen. Ein bisschen was Positives gibt es tatsächlich.
Zum ersten die erwähnte Grundidee, die mir nach wie vor gefällt, auch wenn ich mit der Umsetzung kaum etwas anfangen kann.
Zum zweiten sind die Figuren abwechslungsreich und auch wenn sie nicht sonderlich tief charakterisiert wurden, haben sie alle gewisse Eigenheiten, die sie für mich unverwechselbar machten.
Zum dritten mochte ich den Aufbau der Geschichte recht gern. Wirklich packend war die Handlung für mich aufgrund der genannten Probleme, die mich immer wieder abgelenkt haben und mir keine emotionale Verbindung ermöglichten, zwar nicht, aber ich habe durchgängig eine unterschwellige Spannung gespürt, die mein Interesse aufrecht hielt. Damit war der Handlungsverlauf zwar nicht der versprochene "magische Thriller", aber immerhin ganz nett für zwischendurch.

FAZIT: Gute Idee, mangelhafte Umsetzung

"Der Schattenseher" überzeugt auf den ersten Blick mit einer spannenden, originellen Idee. Leider fällt die Umsetzung ziemlich schwach aus und die Probleme überlagern deutlich das Gute an der Geschichte.
bewertung_2 Pergamentfalter

Zusammenfassung

Positiv Neutral Negativ
  • Interessante Grundidee
  • Abwechslungsreiche Figuren
  • Mischung aus Ich-Erzähler und personalem Erzähler
  • Unterschwellige Spannung
  • Wechsel zwischen Gegenwart und Rückblicken
  • Sehr sachlicher Schreibstil
  • Keine emotionale Bindung zu den Charakteren
  • Wechselnde Bezeichnung der Charaktere
  • z.T. unlogisch
  • kein konstantes Magiesystem

Die Reihe im Überblick

  1. Der Schattenseher
  2. Geraubte Seelen

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