[Rezension] Veit Etzold: Dark Web

Donnerstag, 11. Oktober 2018 | Kommentieren
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Buchcover © Droemer TB
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592 Seiten | 2017 | Droemer TB | Deutsch

Originalausgabe

Reihe: Einzelband

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Warnungen (Ausklappbar) Folter, Verstümmelung, Kindesmissbrauch

Wenig überzeugend, aber schockierend

Das Internet, in dem wir Google, Facebook und Co. nutzen, ist nur eine Seite der Medaille. Die zweite, dunkle Seite ist das Darknet, ein verschlüsselter Bereich des Internets, in dem u.a. Kriminelle ihr Unwesen treiben und Raum für alle kriminellen Einfälle und Widerwärtigkeiten finden, die sich Menschen ausdenken können. Um dieses Darknet dreht sich "Dark Web".

Die wesentlichen Handlungsfäden

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt.
Oliver Winter ist eigentlich Daytrader. Weil seine Geschäfte an der Börse mies laufen, lässt er sich auf ein Angebot eines Freundes ein und eröffnet mit ihm einen Shop im Darknet für Drogen und Waffen. Als die russische Mafia auf die beiden aufmerksam wird, geht es aber plötzlich auch um Menschenhandel in einer besonders grausamen und perversen Form.
Jasmin Walters arbeitet in der Cyberterrorismus-Einheit Nemesis, die zwischen BND und BKA angesiedelt ist. Der neue deutsche Suchmaschinenriese HOLOS, der urplötzlich auftaucht und Google ernsthafte Konkurrenz macht, erregt ihre Skepsis. Sie entscheidet sich, Nachforschungen anzustellen, und landet dabei in den widerlichen Tiefen des Darknets.
Kowaljow, der Chef der russischen Mafia, und seine Konsorten suchen nach neuen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, und ihre Geschäfte in Europa auszuweiten.
Victor Ivanow, Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes, und einige Vertreter der russischen Führungsriege planen, Russland wieder zu neuer Größe zu führen.
Zudem gibt es noch einige Kapitel aus der Perspektive von Nebenfiguren, die mal mehr, mal weniger eng verwoben sind mit den vier Haupterzählsträngen.

Orientierungslosigkeit

Die Geschichte springt zwischen den Perspektiven und zwischen den Jahren 2010 und 2015. Dabei habe ich zunächst gar nicht verstanden, worum es geht. Ich hatte zwar den Klappentext gelesen, der mir etwas Orientierung bot, aber die einzelnen Perspektiven wirkten für mich entweder zu nebulös oder zu ziellos.
Ungefähr bis zur Hälfte der Geschichte hatte ich schlichtweg keine Ahnung, wohin diese Geschichte führt, was sie mir sagen will und warum es so viele verschiedene Perspektiven gibt, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Spannung konnte so definitiv nicht entstehen.

Zu viele Informationen

Erschwert wurde das Lesen zudem durch eine Fülle von Informationen, die die Geschichte auf mich zeitweise wie ein Lexikon mit Erzählelementen wirken ließ. Ein Teil der Informationen war hilfreich und nötig für das Verständnis. Größtenteils fand ich die Einschübe zur Funktionsweise von bestimmten Finanzgeschäften, zu Mafiastrukturen, geschichtlichen Themen, Architektur etc. aber unnötig und sehr ermüdend.

Wenig überzeugende Figuren

Oliver Winter, einer der wichtigsten Charaktere, verlor für mich sehr schnell seine Glaubwürdigkeit. Dass er sich angesichts seiner Situation auf die kriminellen Geschäfte einlässt, konnte ich noch halbwegs verstehen. Binnen kürzester Zeit geht ihm jedoch sein Reuegefühl verloren und von Moral weiß er auch kaum noch was. Das ist gut, um die Geschichte voranzubringen, für mich aber nicht nachvollziehbar. Erst zum Ende der Geschichte wurde er wieder etwas glaubwürdiger.
Positiver Gegenpart zu ihm ist Jasmin Walters, die mir mit ihrer skeptischen, neugierigen Art gut gefallen hat.
Auch Kowaljow, Ivanow und Co. waren auf ihre Art und in ihrer Rolle überzeugend. Mir persönlich begegnete auf russischer Seite aber zu oft der Stereotyp des "bösen, kriminellen Russen". Ich kann nicht beurteilen, inwieweit das der tatsächlichen Führungsriege Russlands entspricht, fand diese Figuren aber zu eindimensional.
Von den Nebenfiguren blieb mir ebenfalls wenig in Erinnerung, auch wenn sie, beispielsweise was Olivers Freundin und einen Künstler betrifft, etwas überzeugender als so manche Hauptfigur waren.

Ein Spannungsfunken!

Angesichts des kaugummiartigen, verwirrenden Anfangs war ich mehrfach kurz davor, das Buch abzubrechen. Einzig das Thema "Darknet" reizte mich, verbunden mit einer letzten Hoffnung auf eine spannende Geschichte.
Auf Spannung musste ich jedoch lange warten. Erst in der zweiten Hälfte kam Spannung auf, auch wenn ich Thriller-typische Hochspannung weiterhin vergebens suchte.

Zwischen Grusel und Übelkeit [potenzieller Spoiler]

Je weiter ich in der Geschichte vorankam, desto grausamer wurde es allerdings auch. Ich werde nicht ins Detail der Widerwärtigkeiten gehen. Nur so viel: Menschenhandel steht hier in enger Verbindung mit Kindesmissbrauch, Folter und Verstümmelungen - und wird detailliert beschrieben.
Selbst als hartgesottene Leserin wurde mir zeitweise schlecht und ich fragte mich mehrfach, was ich hier eigentlich gelesen habe und ob man manche Bilder, die Bücher einem ins Hirn pflanzen, wieder los wird ...
Einerseits unterstrich das nochmal die Grausamenkeiten, die es im Darknet zu finden gibt. Andererseits empfand ich gerade die vielen Details als unnötig. Zumal genau diese Details auch fast das einzige sind, was mir von dem Buch in Erinnerung geblieben ist.

Abgehacktes Ende

Gerade kam Spannung auf, die einzelnen Fäden verwoben sich und dann zack: Schluss. Gefühlt mitten in der Handlung war es plötzlich vorbei, als wäre "Dark Web" nur eine Vorgeschichte. Enttäuschend.

Ein Schock zum Abschied

Am Ende stöberte ich noch ein wenig durch das Nachwort, das ein paar Informationen zum Darknet und Etzolds Recherchen enthält. Bis zum Ende der Geschichte hatte ich gehofft, dass die grausamsten Aspekte fiktiv wären - wie auch immer man als Autor auf solche Ideen kommt. Leider ist dem nicht so. Es ist real oder zumindest die Pläne dazu stammen aus der Realität. Ein Schock zum Abschied, der es definitiv nicht einfacher macht, gewisse Bilder im Kopf zu verdauen.

FAZIT: Kaum überzeugend.

Zu viele Informationen, wenig überzeugende Charaktere, kaum Spannung und ein Finale, das die ganze Geschichte wie eine Vorgeschichte wirken lässt. Am Ende bleiben Bilder, die ich nie haben wollte, und ein paar Denkanstöße für die Realität, die angesichts der zähen Geschichte aber kaum ins Gewicht fallen.
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Zusammenfassung

Positiv Neutral Negativ
  • Spannende Abschnitte in der 2. Hälfte
  • Recherche des Autors und entsprechende Gestaltung des Themas
  • Viele verschiedene Perspektiven
  • Zäher Einstieg
  • Zu viele (unnötige) Informationen
  • Wenig überzeugende Charaktere
  • keine Hochspannung
  • Detailreiche Grausamkeit
  • Abgehacktes Ende

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