[Rezension] Samantha Shannon: The Bone Season - Die Träumerin

Dienstag, 18. September 2018 | 6 Kommentare
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Buchcover © Bloomsbury Berlin / Piper Verlag
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608 Seiten | 2013 | Bloomsbury Berlin | Deutsch

Original: The Bone Season
Übersetzerin: Charlotte Lungstrass-Kapfer

Reihe: The Bone Season #1

Weitere Informationen beim Verlag

Interessanter Auftakt mit Luft nach oben

London, 2059: Unter dem Regime von Scion werden Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, die Seher, gejagt, inhaftiert und hingerichtet. Die 19-jährige Paige Mahoney ist eine von ihnen: Eine Traumwandlerin, die dem verbrecherischen Syndikat der Londoner Seher angehört. Als sie geschnappt wird, glaubt sie, ihr Leben sei vorbei. Stattdessen landet sie in Sheol I, einer geheimen Stadt, in der die unheimlichen Rephaim regieren und Seher wie Sklaven behandeln.

Schon wieder eine Klischee-Kiste?

Zunächst war ich skeptisch, denn die Grundideen klangen alles andere als neu. Mal wieder Menschen, die aufgrund besonderer Fähigkeiten verfolgt werden, eine Protagonistin mit einer besonders besonderen Fähigkeit, deren Leben sich plötzlich verändert, und eine sich bereits im Klappentext andeutende Romanze, die es nicht geben darf. Ein typisches Jugendfantasy-Setting.
Langweilig! - Oder doch nicht?
Angefixt von dem Lob, das die Reihe auf Twitter bekam, wagte ich mich doch ran.

Irrungen und Wirrungen

"The Bone Season" ist ein Urban Fantasy-Abenteuer, das in einer alternativen Realität im Jahr 2059 spielt. Statt Demokratie oder eine konstitutionelle Monarchie regiert das diktatorische Scion, das Jagd auf Widernatürliche - die Seher - macht. So weit, so gut. Jetzt wird es kompliziert.
Allein von den Sehern gibt es zahlreiche verschiedene Unterkategorien, die wiederum in unterschiedliche Klassen unterteilt sind. Auch wenn das Buch mit einer Übersicht aller Seherklassen startet, gelang mir die Orientierung nicht auf Anhieb. Daneben ist die Rede von Amaurotikern, dem Æther, dem Syndikat und natürlich den geheimnisvollen Rephaim - alles Begriffe, an die ich mich erst einmal gewöhnen musste. Während ich noch verwirrt war, war die Geschichte schon in vollem Gange. Ein einfacherer Einstieg wäre hier schön gewesen - oder etwas Zeit zum Eingewöhnen, bevor es ans Eingemachte geht.

Zukunftsmusik?

Zudem war ich vom Setting leicht enttäuscht. Vom Jahr 2059 merkte ich nicht viel; die Geschichte hätte ebenso gut 2018 spielen können. Moderner als "Datenpads" (Tablets) wird es nicht. Dazu ein paar schicke neue Bauten, die Scion London vom 2018er-London unterscheiden.
Wenn ich mir vorstelle, was es bereits heute alles gibt, wie schnell der technische Fortschritt ist und von welchen Ideen man aus Technikerkreisen hört, habe ich in einer über 40 Jahre entfernt liegenden Zukunft mehr erwartet.

Doch keine Klischee-Kiste.

Die Skepsis, die ich anfangs hegte, war glücklicherweise schnell überwunden, denn die Erzählerin Paige Mahoney ist definitiv nicht die typische (langweilige) Jugendfantasy-Protagonistin. Ja, sie hat diese spezielle Fähigkeit, die sie auch von anderen Sehern abhebt. Ja, ganz ohne Lovestory kommt auch sie nicht aus. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass mir jemand wie sie schon zig Mal begegnet ist. Zudem ist sie weit entfernt von der typischen platten, angeblich so starken Protagonistin, die nichts mehr auf die Reihe bekommt, wenn die Lovestory erstmal begonnen hat.
Paige ist eine Rebellin mit eigenen Werten. Auch wenn sie Schwächen zeigt, ist sie alles andere als schwach. Sie denkt nach, geht ihren Weg - auch wenn sie sich dabei so manches Problem einhandelt - und sie muss nicht ständig gerettet werden. Wuhu!
Trotz der Ecken und Kanten, die sie im Laufe der Geschichte zeigt, war sie mir sympathisch. Während mich das Setting ein Weilchen zu lang verwirrt hat, überzeugte mich Paige sehr schnell.

Spannend, aber ...

Trotz anfänglicher Verwirrung und gerade wegen Paiges Art habe ich die Handlung gern verfolgt. Die Spannung resultierte für mich größtenteils aus der Fremdartigkeit der Welt: Aus den Rephaim, die ich nicht einschätzen konnte, und aus den Fragen, die Paige sich stellte und die mich ebenso interessierten wie sie. Ansonsten waren Überraschungen, die höhere Spannung hätten wecken können, leider dünn gesät. Die Geschichte war mir stellenweise einfach zu vorhersehbar, um vollständig zu fesseln - beispielsweise was Paiges "Herrn" in Sheol I angeht.
Der Klappentext deutet bereits an, dass er nicht so ist wie alle anderen (doch noch ein Griff in die Klischee-Kiste). Arcturus, so der Name dieses "Herrn", ist der typische schöne, aber abweisende Unbekannte, der einiges zu verbergen hat. Etwas mehr Überraschung wäre an dieser Stelle schön gewesen. So, wie es ist, konnten mich die Entwicklungen zwischen ihm und Paige nicht überraschen.
Was mir dagegen wirklich gut gefallen hat, war die Dynamik zwischen Paige und Arcturus. Während Paige recht emotional ist, ist Arcturus nahezu emotionslos (wie im Übrigen auch alle anderen Rephaim). Sein Verhalten lässt sich nur durch kleine Nuancen in Mimik und Gestik einigermaßen verstehen, womit er einen starken, aber spannenden Kontrast zu Paige bildet, der neugierig auf mehr macht.

FAZIT: Noch einiges ungenutztes Potenzial.

Insgesamt hat mich "The Bone Season - Die Träumerin" weder so enttäuscht wie befürchtet, noch so vom Hocker gehauen wie gehofft. Zu verwirrend, zu wenig Spannung. Dafür interessante Ideen und eine überzeugende Protagonistin. Insgesamt halten sich Pro und Contra die Waage. Da es sich hierbei um den Beginn einer Reihe handelt (und Auftaktbände nicht selten verwirrend und nicht ganz überzeugend sind), hoffe ich auf einen überzeugenden zweiten Band.

Bewertung_3 Pergamentfalter

Zusammenfassung

Positiv Neutral Negativ
  • Ausgefeiltes System von Sehern
  • Überzeugende Protagonistin
  • Lockere, gut verständliche Sprache
  • Verhältnis zwischen Paige und Arcturus
  • größtenteils eher niedrige Spannung
  • 2059, aber kein futuristisches Setting
  • anfängliche Verwirrung
  • Teilweise vorhersehbar

Weitere Meinungen

Die Reihe im Überblick

  1. The Bone Season [dt.: The Bone Season - Die Träumerin]
  2. The Mime Order [dt.: Die Denkerfürsten]
  3. The Song Rising

6 Kommentare

  1. Hallo Sarah,
    erstmal danke fürs verlinken. Bei mir ist es ja nun schon Jahre her, dass ich den ersten Band der Bone Season gehört habe. Ich kann deine Kritik aber gut nachvollziehen. Ich habe Paige damals aber auch als sehr starke Protagonistin empfunden, die mich mit ihrer ganzen Art fesseln konnte. Ob ich das Buch heute empfehlen würde weiß ich nicht so gena, denn mich stört massiv, dass die Übersetzung nicht voran schreitet. Zwischen Band 1 und 2 lag einfach schon viel zu viel Zeit und ich glaube, dass auch jetzt nicht feststeht, ob und wann Band 3 endlich ins Deutsche übersetzt wird. Zumindest habe ich dazu nichts gefunden.
    Hab eine schöne Woche
    LG
    Yvonne

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    1. Hey Yvonne,

      danke dir für deinen Kommentar! Soweit ich weiß, wird es gar nicht mehr weiter übersetzt. Meine, da mal was Entsprechendes vom Piper Verlag gehört zu haben. Das war für mich auch der Grund, warum ich ab Band 2 zum Original gewechselt bin. Auch wenn es da auch nur bis Band 3 geht und der vierte vielleicht 2019 kommt :/

      Liebe Grüße
      Sarah

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    2. Ach wie blöd. Ich stelle mir das auf Englisch zu lesen recht schwierig vor. Ich fand die Welt und Handlung ja schopn auf Deutsch recht kompliziert.
      ich drücke dir die Daumen, dass Band 4 in 2019 wirklich erscheint!
      LG
      Yvonne

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    3. Es ging. Also klar, anfangs waren die Begrifflichkeiten verwirrend, aber ich war letztlich stärker mehr verwirrt als zu Beginn von Band 1 ;-)

      Danke dir und LG
      Sarah

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  2. Hallo Sarah

    Ich habe das Buch vor einer Weile auch als Hörbuch gehört... oder es zumindest versucht. Irgendwann habe ich es abgebrochen, weil ich es einerseits eher zäh fand und andererseits auch Mühe hatte, mich in der sehr komplexen Welt zurechtzufinden. Ich habe gelesen, dass es bei der Printversion ein Glossar gibt, dass einem beim Verständnis hilft... Vielleicht versuche ich es also irgendwann nochmal mit der Printversion. Ich kann aber verstehen, dass dich das Buch nicht voll und ganz überzeugt hat. Mir ging es ähnlich.

    Liebe Grüsse
    paperlove

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    1. Hallo paperlove,

      stimmt, in der Printversion gibt es eine Übersicht aller Seherarten, eine Karte von Sheol I und einen Glossar. Gerade die Übersicht fand ich teilweise sehr hilfreich, um durch die komplexen Seherstrukturen durchzublicken. Ohne sie und nur übers Hören stelle ich es mir tatsächlich schwieriger als beim Lesen vor, die Welt zu verstehen.

      Liebe Grüße
      Sarah

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