[Rezension] Jo Treggiari: Ashes, Ashes

Sonntag, 15. Juli 2018 | 2 Kommentare
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400 Seiten | 2011 | arsEdition | Deutsch

Original: Ashes, Ashes
Übersetzer: Dorothee Haentjes

Reihe: Einzelband

[Nicht mehr auf der Verlagswebseite gelistet.]

Naturkatastrophen und verheerende Epidemien haben die Welt, wie sie bislang bekannt war, zerstört. In New York ist Lucy eine der wenigen Überlebenden. Auf der Flucht vor einer Hundemeute begegnet sie Aidan, dem sie schließlich zu einem Camp folgt. Doch auch dort ist die Sicherheit trügerisch.

Schwache YA-Dystopie

Das Buch las ich erstmals 2011 und fand es, soweit ich mich erinnere, ganz gut. Da ich mich aber kaum noch daran erinnerte, wollte ich es nun nochmal lesen. Hätte ich es mal bloß gelassen...

Dystopisches Setting mit Bevölkerungsproblem

Es hätte so gut werden können!
"Ashes, Ashes" spielt in einem dystopischen New York, in dem Wolkenkratzer und die Freiheitsstatue eingestürzt sind und Straßen so stark demoliert wurden, dass riesige Bruchstücke davon in den Himmel ragen und dazwischen tiefe Schluchten liegen. Die Menschen leben allein oder in selbstgebauten Camps und versuchen irgendwie, über die Runden zu kommen. So weit, so gut. Auch wenn das ganze Setting wenig atmosphärisch rüberkommt, hat es mir doch gut gefallen. Leider hören die positiven Punkte hier auch schon auf.
Wie es zu diesem Setting kam, wird nicht allzu viel beleuchtet. Naturkatastrophen werden beiläufig erwähnt, ohne ihnen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die Welt ist jetzt eben so. Punkt.
Überstrahlt werden sie sowieso von einer mysteriösen Epidemie, die zunächst mal so wichtig ist, dass sie über die Hälfte des Buches keinen anderen Namen als "die Epidemie" hat. Da brauchte es dann schon einen Medizinstudenten, der dem Ding endlich mal seinen Namen gab.
Sie kam in zwei Wellen und hat einen Großteil der Menschen getötet - ob das jetzt auf die USA bemessen wird oder auf die ganze Welt, ist mir bis zum Schluss nicht klar geworden. Klingt alles nach mächtig viel Drama, hat aber seine Tücken. Angeblich überlebte die erste Welle nur einer von einer Million und von den Überlebenden starb ein Großteil während der zweiten Welle. Würde bedeuten, dass in den gesamten Vereinigten Staaten nicht mehr als 160 Personen überlebten. Geschätzt tauchen in der Handlung allein in New York aber schon 30 bis 40 Personen auf. Ist alles nicht so überzeugend.
Allerdings sind nicht alle, die erkrankten, gestorben. Einige wenige haben überlebt und tragen jetzt den super geheimnisvollen Namen "S'ans", der anscheinend keinerlei Bedeutung hat. Just why?!

Handlung? Welche Handlung?

Inmitten dieser Welt lebt Lucy ganz allein und schlägt sich irgendwie durch - Überlebenskampf im entsprechenden Setting. Gut.
Leider reicht das nur für die ersten vierzig Seiten. Dann taucht Aidan auf, der strahlende Retter in der Not, den Lucy natürlich überhaupt nicht mag. Trotzdem rennt sie ihm hinterher, egal, wie oft sie sich (nervigerweise) einredet, sie würde es nicht wegen ihm tun. Von da an dreht sich alles nur noch um Aidan: Wo ist er, was macht er, warum ist er so, wie er ist, warum tanzt diese nervige Zicke ständig um ihn herum, ist das etwa seine Freundin?! Wer braucht noch Endzeitfeeling, wenn es Dreiecksbeziehungen gibt...
Abgesehen davon stehen oder laufen die Charaktere fast nur herum und/ oder warten. Darauf, dass die Vans wiederkommen, die Leute entführen. Darauf, dass sich die Stimmung beruhigt hat, damit man Pläne machen kann. Darauf, das überhaupt irgendwas passiert. Alles äußerst spannend. Nicht.
Ansonsten gibt es nicht viel über die Handlung zu sagen. Verletzungen werden vergessen und tauchen spontan wieder auf. Wunden werden selbstverständlich versorgt, bevor man duschen geht, um den ganzen Dreck loszuwerden. Betäubende Medikamente verlieren schlagartig ihre Wirkung, wenn die Figuren wieder handeln müssen. Skepsis und Vorsicht sind für die Handelnden sowieso Fremdworte. Und - ach ja - wenn man Lucy glaubt (die wohlgemerkt über ein Jahr ums tägliche Überleben kämpfte), ist Gartenarbeit die furchtbarste, anstrengenste Strafe Arbeit, die es gibt. Tja, gut.

Waren denn wenigstens die Figuren besser?! Ähmmm... Nein.

Die Unglaubwürdigkeit in Person

Protagonistin Lucy ist 16 Jahre alt, Vollwaise und ein genetisches Wunder: Während ihre Familie durchgängig blond ist, hat sie schwarze Haare. Beißt sich mit meinen Biologiekenntnissen, passt aber zum Image des hässlichen Entleins, das sie sich direkt selbst verpasst:
Sie war ungeschickt und sie war hässlich. […] Sie war […] gut in rein gar nichts.
(Seite 16)
Man muss folglich also nichts können, um allein in einer endzeitlichen Welt zu leben. Oder vielleicht doch, denn Lucy ist nicht nur ein genetisches Wunder, sondern auch eine ziemliche Sportskanone: Sie kann mit zwei gefüllten Wasserkanistern Haken schlagend davonrennen. Wow. Nur bei größeren Höhen hört's auf. Lucy hat Höhenangst. Irgendeine echte Schwäche muss man ja haben.
Ansonsten hat Lucy so einige Probleme: Als verdreckter, durchgeschwitzter Mensch sorgt sie sich am meisten um ihren Achselgeruch - oder allgemein um ihr Aussehen, während unter dem Baum, auf den sie sich gerettet hat, eine Hundemeute darauf wartet, sie zu zerreißen. Und ihre Haare würde sie am liebsten kurz schneiden, weil sie sie stören, aber dann sähe sie aus "wie ein Freak - oder wie ein Junge" (Seite 97). Als gäbe es nichts Wichtigeres...
Ich bin die ganze Zeit nicht warm geworden mit ihr. Abgesehen von der Unglaubwürdigkeit, die sie ausstrahlt, blieb sie für mich reichlich blass. Und wenn sie mal nicht nur einfach blass war, war sie naiv und vergesslich. Auch nicht besser.

Dystopia's Next Supermodel

Wichtigste Figur neben Lucy ist Aidan. Er ist blond, gutaussehend und ständig am Grinsen. Der Traum eines weiblichen Teenagers. Oder wie Lucy es formuliert:
Wie ein Model aus einem coolen Sportklamottenkatalog.
(Seite 79)
Er sieht sogar so gut aus, dass Lucy gar nicht anders kann, als bei ihrer ersten Begegnung während eines Anflugs von Höhenangst gegen seine Brust zu kippen. Halleluja! Bei so einem Kerl vergisst man doch glatt, dass es in einem dystopischen Setting eigentlich ums Überleben geht und darum, wieder etwas Alltag zu ermöglichen. Von den Gefahren, die sonst so in einer derartigen Welt existieren ganz zu schweigen...
Außerdem ist er genau so eine außergewöhnliche Sportskanone wie Lucy. Er kann einen Baum hochklettern - mit einer Hand in der Hosentasche! Hut ab!
Letztlich blieb Aidan aber leider genau so blass wie Lucy. Keine ernstzunehmenden Charaktereigenschaften, nichts, was ihn irgendwie einprägsam macht. Dass er sich fein raushält, während sich zwei Mädchen um ihn streiten, weil er es "nicht bemerkt hat", macht das Ganze nicht besser.

Stilistische Rettung?

Wenn schon alles andere nicht doll war, könnte doch wenigstens der Stil besser sein. Könnte. Die Zwischentexte sind auch okay. Einfache Sprache, typisch Jugendbuch. Passt.
Die Dialoge erschienen mir allerdings äußerst hölzern und keineswegs überzeugend. Zudem haben mich die häufigen "als wenn"-Formulierungen genervt. Ich finde solche Formulierungen an sich schon furchtbar, aber wenn sie dann auch noch gehäuft auftreten... Nein danke!

FAZIT

Ich hab keine Ahnung, was ich damals an diesem Buch gut fand. Teils zweifelhaftes Setting, kaum Handlung, blasse Charaktere, wenig Atmosphäre und auch der Stil lässt Wünsche offen. Hieran konnte mich leider so gar nichts richtig überzeugen.

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Zusammenfassung

Positiv Neutral Negativ

  • Zerstörtes New York als Handlungsort
  • Unglaubwürdigkeit
  • Langeweile
  • blasse, stereotype Charaktere
  • wenig Atmosphäre
  • unschöne Formulierungen
  • hölzerne Dialoge

2 Kommentare

  1. Hui, Sarah, dass du das Buch dann noch beendet hast!

    Ich habe das Gefühl ,dass die Grundlage aber für einen hübschen Hollywood-Blockbuster her halten könnte, wenn der Regisseur noch was raus holt.
    Danke für deine gute begründete Rezi!

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Hey Tina,

      ich hatte doch sooo gehofft, noch einen Grund zu finden, warum ich es mochte *lach*

      Da stimm ich dir zu! Ein paar Specialeffekte dazu gepackt und die Dialoge etwas runder gemacht, schon könnte es als Drehbuchgrundlage dienen.

      Danke dir und liebe Grüße,
      Sarah

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