[Rezension] Sandrone Dazieri: Schwarzer Engel

Freitag, 29. Juni 2018 | Kommentieren
Zwei Jahre ist es mittlerweile her, seit mich der erste Fall von Colomba und Dante, "In der Finsternis", begeisterte wie selten ein Thriller vorher. Nun legt Dazieri einen zweiten Band nach, der definitiv eines beweist: Sein so ungleiches wie geniales Ermittlerduo ist bei weitem keine Eintagsfliege!

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cover
Bildquelle: Piper

480 Seiten | 2018 | Piper | Deutsch

Original: L'Angelo
Übersetzerin: Claudia Franz

Reihe: Colomba Caselli #2 (Als Einstiegsband geeignet.)

Weitere Informationen beim Verlag


Warnungen (Ausklappbar) Phobien, Süchte, Detaillierte Beschreibung von Körperverletzung, Folter und Mord

Packender Nervenkitzel

Schock auf dem Hauptbahnhof in Rom: Alle Passagiere im Luxusabteil eines Zuges wurden ermordet. Colomba Caselli, gerade erst zurück im Polizeidienst, steht inmitten der Ermittlungen. Schnell wird der Fall als Terroranschlag eingestuft. Doch Dante Torre, der wegen seiner traumatischen Vergangenheit Menschen wie kaum ein anderer lesen kann, glaubt nicht daran. Als Colomba und Dante auf eigene Faust ermitteln, kommen sie einem seit Jahren im Verborgenen arbeitenden Mörder auf die Spur.

Holy Shit, wo bin ich hier nur reingeraten?!

Auf dieses Duo (und ihre Geschichte) war ich definitiv nicht vorbereitet.
2016 habe ich den ersten Band dieses Ermittlerduos gefeiert. Eine überraschende Handlung, Hochspannung, tolle Hauptfiguren ohne die typischen Ermittlerklischees... Seitdem ist vor allem Dante Torre mein Lieblings-Thriller-Protagonist und ich empfehle das Buch jedem, der mich nach einem guten Thriller fragt.
Die Erwartungen an den zweiten Band waren entsprechend hoch. Und was soll ich sagen? Sie wurden mehr als erfüllt! Und trotzdem ärgere ich mich ein wenig, dass ich die Reihe vor ihrer Vollendung entdeckt habe... Aber alles der Reihe nach.

Gestatten: Startschwierigkeiten.

Es fing erstmal gar nicht so rosig an. Grund dafür ist vor allem der Erzähler - mal wieder, möchte ich sagen, denn der hat mich schon im ersten Band anfangs irritiert. Die Erzählperspektive springt zwischen den Charakteren, teilweise sogar innerhalb einzelner Kapitel, manchmal auch mehrmals. Hier und da finden sich zudem Einschübe aus einer allwissenden Perspektive. Das ist anfangs dezent verwirrend; nach der Eingewöhnungsphase aber nicht weiter dramatisch.
Außerdem sorgten die vielen Namen, die am Anfang fallen, und ihre verschiedenen Positionen in diversen Behörden für viele fettgedruckte Fragezeichen in meinem Kopf. Zum Glück lichtet sich der Figurendschungel rasch, die wirklich wichtigen Figuren tauchen regelmäßig auf und die weniger wichtigen rücken in den Hintergrund.

Geniales Ermittlerduo

Die anfänglichen Schwierigkeiten waren dann auch schnell vergessen, als im zweiten Kapitel endlich Dante Torre auftaucht und die Geschichte durch seine Nachforschungen an Fahrt aufnimmt. Dante wurde als Kind entführt, jahrelang in einem Silo gefangengehalten und dazu gezwungen, sich selbst zu misshandeln. Als Jugendlicher gelang ihm die Flucht, doch das erlittene Trauma sitzt tief. Dante kämpft u.a. mit Nikotin- und Medikamentensüchten und Klaustrophobie. Durch die Zeit im Silo kann er jedoch Menschen lesen wie kaum ein anderer und er entdeckt Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben. 
Die Mischung aus Trauma und Genialität, aus seinem Wunsch nach einem normalen Leben und seinen tief sitzenden Ängsten, war wieder einmal toll und vor allem glaubwürdig umgesetzt. Ob Panikattacken, Klaustrophobie oder Nikotinsucht - alles wird konsequent in der Geschichte mitgedacht und keineswegs schön geredet. Somit wankt Dante immer wieder zwischen den dunklen Abgründen seiner Vergangenheit (und deren Folgen) und seiner Genialität, die ihn und Colomba in diesem Band auf eine gefährliche Fährte führt.
Colomba Caselli hat ebenfalls mit inneren Dämonen zu kämpfen. Nach einem Bombenattentat in ihrer unmittelbaren Nähe leidet sie unter unregelmäßigen Panikattacken und war zeitweise vom Dienst beurlaubt. Auf der einen Seite ist sie die rationale Polizistin, die sich an die Regeln halten will, auf der anderen Seite hat sie aber auch kein Problem damit anzuecken und zu tun, was sie für richtig hält. Dass diese beiden Seiten nicht unbedingt im Einklang stehen, beweisen mehrere konfliktgeladene Szenen in dieser Geschichte.

Geht es schlimmer als der IS?

Zu dem Fall selbst will ich eigentlich nicht viel mehr sagen als das: Verworren, sehr spannend und keinesfalls so, wie es zunächst scheint.
Dazieri verknüpft Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auf beeindruckende Weise. Einerseits spielen die Angst vor Terroranschlägen und der Islamische Staat eine Rolle, andererseits geht es aber auch u.a. um den Kalten Krieg. Der Bogen, der hier gespannt wird, ist so weit, dass er leicht als an den Haaren herbeigezogen hätte wirken können. In diesem Fall jedoch hat er mich auf ganzer Linie überzeugt.
Hinzu kommt der Humor - mal als Situationskomik, mal in den Gesprächen der Charaktere - der die Geschichte auf angenehme Weise auflockert und mich trotz der teils heftigen Handlung immer wieder zum Schmunzeln brachte.


Ein Ende mit Schrecken... (Ausklappbar, potenzieller Spoiler!) Oder doch ein Schrecken ohne Ende?
Gerade als ich glaubte zu wissen, wie alles ausgeht, hat mich Dazieri auf den allerletzten Seiten bis ins Mark erschüttert und mir jegliche geglaubten Sicherheiten weggerissen. Es ist ein mehr als offenes Ende, das mich stärker noch als nach Band 1 die Fortsetzung herbeisehnen lässt. Für einen Fan dieses Ermittlerduos kann das Ende nur ein Schock sein; etwas, das man nicht wahr haben will, und das trotzdem mehr als gut in das gesamte Setting passt, das seit Band 1 aufgebaut wurde.

FAZIT

Ich beende diese Rezension, wie ich sie begann: Holy Shit. Was für ein Buch. "Schwarzer Engel" ist eine emotionale Achterbahnfahrt, eine Spannungskurve auf Speed, ein kongeniales Ermittlerteam... Ich werde selten derart von Thrillern mitgerissen. Dazieri schafft es nun schon zum zweiten Mal und begeistert mich, trotz Startschwierigkeiten, noch mehr als mit dem ersten Band. Das muss eine Reihe erstmal schaffen!

Dennoch ein Hinweis am Rande: Wer Kriminalfälle, auch bei Reihen, lieber als abgeschlossene Bücher liest, und keine großen Cliffhanger mag, sollte sich bis Band 3 gedulden!

5_pergamentfalter

Zusammenfassung

Positiv Neutral Negativ
  • Spannung
  • geniales Ermittlerduo
  • packender Erzählstil
  • unerwartete Wendungen
  • Humor
  • Perspektivwechsel
  • überzeugende Darstellung von Traumata, Süchten, Ängsten
  • Häufig springender allwissender/ personaler Erzähler
  • anfangs sehr viele Namen


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