[Rezension] Brad Parks: Nicht ein Wort

Freitag, 8. Juni 2018 | 12 Kommentare
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Bildquelle: S. Fischer Verlage


496 Seiten | 2018 | S. Fischer Verlage | Deutsch

Original: Say Nothing
Übersetzer: Irene Eisenhut

Reihe: Einzelband

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Warnungen (Ausklappbar) Kindesentführung, Gewalt gegen Kinder

Psychologie statt Hochspannung

Der Albtraum aller Eltern wird für den Bundesrichter Scott Sampson und seine Frau Alison wahr. Gerade noch dachten sie, ihre sechsjährigen Zwillinge würden beschützt aufwachsen. Doch an einem Mittwochnachmittag ist plötzlich alles anderes. Die Kinder wurden entführt. Die Entführer fordern von Scott, einen Gerichtsprozess nach ihrem Willen zu entscheiden. Andernfalls - oder wenn sie irgendjemandem von der Entführung erzählen - sehen sie die Kinder nie wieder.

Schwerfälliger Spannungsaufbau

Mit dem ersten Satz war ich bereits mitten in der Geschichte. Es ist ein kleiner Rückblick auf den Moment, als der Albtraum von Scott und Alison Sampson begann; der Moment, in dem eine unscheinbare SMS von "Alison" bei Scott einging, die ihn darüber informierte, dass das Familienritual "Schwimmen mit Dad" an diesem Tag ausfallen müsse. Der scheinbare Alltag, der für Scott danach noch ein paar Stunden erhalten bleibt, gewinnt durch die Form des (von Scott kommentierten) Rückblicks an Eindringlichkeit. Als die Geschichte dann in der Gegewart ankam, hatte sich ein beklemmendes Gefühl bei mir breitgemacht. Ein Gefühl, das ich als ständigen Begleiter für die nächsten knapp 500 Seiten erwartete. Tatsächlich blieb es nur kurz.

Die Situation, in der Scott und Alison stecken, ist zweifellos bedrückend und lähmend. Das bringt die Geschichte sehr gut zum Ausdruck, indem sie die psychologischen Auswirkungen der Entführung auf die Eltern schildert. Ständige Sorge, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Schuldzuweisungen, gleichzeitig Tatendrang und das Bedürfnis, irgendwie eine Normalität aufrecht zu erhalten - aus psychologischer Perspektive ist das Buch gut gelungen und konnte mich überzeugen. Dennoch kam es lange nicht wirklich in Fahrt.
Nachdem mich die Geschichte auf den ersten Seiten fesseln konnte, flaute die Spannung ab. Machtlosigkeit gegenüber der Macht der Entführer machte sich bei den Eltern breit - und bei mir eine gewisse Langeweile. Mit der ersten Gerichtsverhandlung und einer Kontaktaufnahme der Entführer stieg die Spannung wieder, nur um erneut abzusacken, als der "Alltag" nach der Verhandlung weiterlief und Scott und Alison erneut sich selbst überlassen wurden, ohne ernsthaft etwas gegen die Entführung tun zu können. So ging es mir an mehreren Stellen im Buch, bis ich am Ende auf den letzten knapp 80 Seiten tatsächlich noch einmal ganz von der Geschichte gepackt und von der Auflösung überrascht wurde.
Bis dahin gab es für mich zu viele Längen, die einerseits zwar die Situation der Eltern gut widerspiegelten, mir aber andererseits - insbesondere für einen Thriller - deutlich zu häufig vorkamen. Ich hätte mir mehr von der Spannung, die am Ende aufgebaut wurde, gewünscht.

Zu gutgläubige Menschen

Neben den Längen hat mich vor allem gestört, dass die Geschichte stellenweise unglaubwürdig war. Dass ein Richter sich plötzlich merkwürdig verhält, seine Angestellten ihn aber nicht darauf ansprechen - okay, das konnte ich noch verstehen. Dass aber, abgesehen von Alisons Familie, wirklich niemand Fragen dazu stellte, warum sie sich plötzlich anders benehmen oder wo die Kinder sind, oder überhaupt mitbekommen, dass etwas nicht stimmt und das auch ansprechen, fand ich sehr merkwürdig. Als so gute Schauspieler erschienen mir Scott und Alison wirklich nicht.
Den (negativen) Höhepunkt der Gutgläubigkeit und fehlenden Fragen bildete das Verhalten der Leiterin der Schule, in die die Zwillinge gehen. Ich konnte es überhaupt nicht nachvollziehen, weil es jegliche Ansprüche an Aufmerksamkeit und Aufsichtspflicht verhöhnt. Vielleicht bin ich an dieser Stelle im Denken einfach "zu deutsch" und in den USA ist das tatsächlich nicht merkwürdig. Letztendlich nahm es der Geschichte in meinen Augen zu einem Teil die Glaubwürdigkeit, weil die Schulleiterin scheinbar kein ernsthaftes Interesse am Wohlergehen der Kinder hatte.


Weitere Details dazu (Ausklappbar; Spoiler!) Die Zwillinge werden von einer Frau abgeholt, die von hinten wie Alison aussieht. Als Alison und Scott in die Schule kommen, machen sie jedoch deutlich, dass es definitiv nicht Alison war. Die Schulleiterin fragt weder, wer es dann gewesen ist, noch ob die Kinder gut zuhause angekommen sind. Sie stellt noch nicht einmal Fragen, als Alison und Scott die Kinder erst krank melden (und überstürzt die Schule verlassen) und die Kinder dann für eine unbestimmte Zeit aus der Schule nehmen. Klar, in den USA ist Privatunterricht möglich, aber dass so gar keine Fragen gestellt werden...?!

Die Tücken eines Berichts

Die Geschichte begann mit einem Rückblick, in dem Scott schilderte, wie sein Alltag zum Albtraum wurde. Der Rückblick endete schließlich, die Form des Berichts blieb. Geschrieben in der Ich-Form, wirkt die Geschichte wie ein Bericht, den Scott nachträglich verfasst hat. Ein Großteil ist in der Vergangenheitsform geschrieben, einige wenige Stellen im Präsens. Letztere sind die Stellen, die "immer so sind", z.B. Familienroutinen. So weit, so gut.
Wenn man nun aber im Auge behält, dass das hier ein nachträglicher Bericht zu sein scheint, können solche Präsens-Stellen ungewollt viel vom Ausgang der Geschichte verraten - ein Minuspunkt für die Spannung, auch wenn es sich hierbei nur um eine bewusste Irreführung der Leser handeln könnte.


Weitere Details dazu (Ausklappbar; Spoiler!) Ein Beispiel: Auf Seite 29/ 30 - also sehr früh in der Handlung - denkt Scott an seine Kinder und deren Verhalten. Er stellt z.B. fest, dass sie versuchen, die Kinder nicht geschlechtertypisch zu erziehen, dass einer der Zwillinge ein Energiebündel ist und der andere ruhiger und sehr einfühlsam. Das Problem an der Sache ist die Zeitform: Präsens. Die Kinder sind so. Sie werden so erzogen. Kurz zuvor und mehrfach im Laufe der Geschichte wird jedoch damit gedroht, die Kinder umzubringen.
Über diese Spitzfindigkeit kann man hinweglesen, es als Irreführung oder schlicht allgemeine Information betrachten - oder man macht es wie ich, ist sich sehr früh sicher, dass den Kindern nichts Ernstes passieren wird, und trauert der Spannung hinterher.

FAZIT

"Nicht ein Wort" vereint gute Ansätze und mäßige Umsetzung zu einem Durchschnittsbuch, das mir weder besonders positiv noch negativ in Erinnerung bleiben wird. Es überzeugt auf psychologischer Ebene, ein spannungsgeladener Thriller ist es jedoch nicht.

bewertung_3_sterne

Zusammenfassung

Positiv Neutral Negativ
  • Darstellung der psychologischen Auswirkungen der Entführung
  • Spannendes Finale
  • Unerwarteter Ausgang
  • Geschrieben wie ein nachträglicher Bericht
  • Teilweise unglaubwürdig
  • Teilweise langatmig
  • Verwendung der Zeitformen, die (ungewollt?) viel über den Ausgang der Geschichte verrät

Weitere Meinungen

12 Kommentare

  1. Oh, das Buch klingt eigentlich SO GUT! Mal sehen, ob ich es doch auch noch lese :)

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    1. Danke dir für deinen Kommentar!

      Es gibt auch zahlreiche Rezensionen, in denen das Buch nahezu durchweg positiv und als spannend beschrieben wird. Also ruhig mal reinlesen, ob es dir zusagt! :D

      LG Sarah

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  2. Hallo Sarah, schön zu lesen, dass es auch mal eine kritische Stimme gibt. Ich finde deine Rezension wirklich sehr erfrischend und gut.
    ich lese auch sehr gerne und hatte jetzt sogar drei Bücher auf einmal gelesen, deren Rezensionen auf meinem Blog erschienen sind.
    Liebe Grüße
    Manuela

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    1. Hallo Manuela,

      Kritik muss auch mal sein, solange es eine ehrliche, nicht beleidigende Meinung ist :D

      Danke dir für deinen Kommentar!

      Liebe Grüße
      Sarah

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  3. Oh oh, genau die Kritikpunkte, die ich beim Lesen des Klappentextes befürchtet hatte! Psychologische Aspekte können ja ebenfalls Spannung versprechen, aber dies scheint hier leider nicht der Fall zu sein. Unglaubwürdigkeit und Langeweile sind Zutaten bei einem Thriller, der bei mir nur in einem Flop enden kann. Dann lag ich ja mit meiner Einschätzung, es nicht lesen zu wollen, genau richtig!

    Hoffe der nächste Thriller kann dich wieder flashen (=

    Hab einen mukkelig-sonnigen Sonntag!

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    1. Hey Janna,

      nein, für mich war das in diesem Buch leider wirklich nicht der Fall. Beim Klappentext hatte ich noch auf etwas Spannenderes gehofft, aber dem war nicht so ...

      Das hoffe ich auch! (Und bin sehr guter Dinge, wenn ich den nächsten Thriller hier so neben mir liegen sehe.)

      LG Sarah

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    2. Na da bin ich jetzt aber neugierig was dein nächstes Buch ist!? (=

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    3. "Schwarzer Engel" von Sandrone Dazieri. Hab den ersten Teil geliebt! (Und Nr 2 ist bislang auch nicht von schlechten Eltern.) ;-)

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    4. Aaaww, den gibt es schon? Ich fand den ersten Band auch super! Viel Spannungsspaß (=

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    5. Ja, ist am 1. Juni erschienen <3 Danke dir!

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  4. Meine Freundin verzweifelt gerade an dem Buch. Für mich wäre es aber was.

    VG
    Mona

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    1. Oh je, verzweifeln klingt nicht gut ... Dann drück ich dir wenigstens die Daumen, dass es dir wirklich gefällt!

      LG Sarah

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