George Orwell: 1984
- Big Brother Is Watching You! -

Samstag, 9. Juni 2018 | 2 Kommentare
klassiker

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GEORGE ORWELL: 1984

Original: Nineteen Eighty-Four 
Erstveröffentlichung: Juni 1949

Genre: Dystopie

Gelesene Ausgabe:
Übersetzer: Michael Walter | 375 Seiten | Taschenbuch | 1994 | Ullstein Verlag

Wenn es um den "gläsernen Menschen" als Folge der Digitalisierung geht oder um staatliche Überwachungsmaßnahmen sind sie meist nicht weit: Verweise auf George Orwells "1984". Es gilt als eine der Dystopien; als eines der prägensten Werke in diesem Genre.

Obwohl "1984" im gleichnamigen Jahr spielt - das bekanntermaßen schon über 30 Jahre hinter uns liegt - und wir damit wissen, dass sich die Welt anders entwickelt hat als dort dargestellt, ist es auch heute noch ein sehr bekanntes und viel gelesenes Buch. Insbesondere die vielen Querweise auf "1984", die sich immer wieder finden, ließen mich neugierig werden und schließlich dieses Buch als erstes auf meiner Klassiker-Leseliste lesen.

Hinweis: Da ich einiges über inhaltliche Aspekte schreiben werde, wird es nicht möglich sein, die Besprechung komplett spoilerfrei zu halten.

Die Handlung

"Der Große Bruder sieht dich!"
Manipulation der Vergangenheit und ständige Überwachung gehören zum Alltag in Ozeanien, einer der drei Supermächte, die die Welt unter sich aufgeteilt haben. Was die Partei, bzw. der Große Bruder als deren Führer, sagt, ist die Wahrheit. Eine Abweichung davon ist nicht gestattet.

Winston Smith ist so eine Abweichung. Zwar ist er ein Parteimitglied und arbeitet in ihrem Auftrag, doch in sich hat er eine tiefe Abneigung gegen die Partei und ihre Lügen. Er beginnt zunehmend damit, sie zu hinterfragen und sich eigene Gedanken zu machen: ein höchst strafbarer Gedankendelikt. Dabei kann Winston dem Fakt nicht entkommen, dass der Große Bruder alles sieht...

Startschwierigkeiten

Anfangs war ich gar nicht so begeistert von "1984".
Die dargestellte Gesellschaft ist komplex und ich brauchte einige Zeit, um sie zu verstehen. Den Begriff "Ozeanien" bsp. verbinde ich mit Pazifikinseln und nicht mit einem Superstaat, der Großbritannien, Amerika und Australien umfasst. Auch das gesamte Konstrukt der Partei hat mich anfangs sehr verwirrt, weil ich nicht verstanden habe, wie eine derartige Maschinerie und Überwachung möglich sein soll.
Zudem sind mir normalerweise gut gezeichnete, facettenreiche Figuren wichtig, damit eine Geschichte überzeugend ist. Genau die habe ich in "1984" jedoch vergeblich gesucht. Stattdessen gab es reihenweise austauschbare Figuren, die zwar gut einen bestimmten Typ Mensch mit bestimmten Einstellungen symbolisierten, aber kaum als Individuum durchgingen. Selbst der Protagonist Winston blieb farblos und distanziert, obwohl sich der personale Erzähler sehr nah an ihm bewegt und es eben so gut ein Ich-Erzähler hätte sein können, weil ein Großteil von Winstons Gedanken beschrieben wird.

Dennoch muss ich im Nachhinein meine anfängliche Kritik überdenken, denn - auch wenn es anfangs verwirrend ist - macht Orwells Art zu schreiben im Rückblick Sinn.

Geografische Verwirrung

Ich hatte nicht viel Ahnung von Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Wie passend - die meisten Menschen in dieser Welt auch nicht!
Im Grunde ist es auch vollkommen egal, wo die Handlung spielt. Es könnte, von manchen geografischen Markern abgesehen, jede x-beliebige größere westliche Stadt sein. (Es ist London.) Genau das macht es so unheimlich. Winston könnte im Grunde überall leben. Die Partei könnte überall sein. Der Große Bruder könnte jeden von uns jetzt im Augenblick beobachten.
Letztlich wusste ich zwar, was und wo Ozeanien, Eurasien und Ostasien sind. Gebraucht habe ich es aber nicht.

Einer von vielen

Ebenso, wie Winston überall leben könnte, könnte jeder einzelne Leser Winston sein. Wir sind es gewohnt, Dinge in Frage zu stellen und zu urteilen. Die Fragen, die Winston sich stellte, stellte ich mir ebenfalls und konnte ihm damit gut folgen, auch wenn er selbst als Person blass blieb.
Gerade diese Blässe machte die Geschichte noch eindringlicher: Die Figuren sind Symbole für Personentypen, die es nicht nur in der Geschichte, sondern überall gibt. Den Hinterfragenden, den Rebellen, den Folgsamen, den Lügner, den Charismatischen... Keiner ist in dieser Geschichte wirklich individuell. Jeder könnte potenziell ausgetauscht werden - zum Beispiel auch mit Personen aus unserem Leben. Diese Typen gibt es immerhin auch heute noch, 34 Jahre später.

Neusprech und der Grusel der Sprachlosigkeit

Die Partei hat eine eigene Sprache eingeführt, die innerhalb der Partei zunehmend verwendet wird: Neusprech. Übersetzerin dafür werde ich definitiv nicht, dafür ist mir die Sprache zu verwirrend. Dankbar habe ich daher Winstons Übersetzungen angenommen.
Nichtsdestotrotz ist mir das Ziel dieser Sprache unheimlich: Nebenbedeutungen von Worten sollen getilgt werden, bis jedes Wort nur noch eine eindeutige Bedeutung hat. Metaphern, Sprachspiele, Synonyme, Antonym - alles wird aus der Sprache gestrichen, bis nur noch ein Gerüst übrig bleibt, dass gerade so zum Austausch über das Nötigste reicht. Diskussionen, Kritiken - überhaupt komplexe Gedankengänge - werden auf diese Weise unmöglich. Und somit auch jegliche Kritik an der Partei und Gesellschaft.
Konformität auf höchstem Niveau - das ist Neusprech. Eine gruselige Vorstellung.
Die Ausführungen zur Wortbildung und Bedeutung von Neusprech im Anhang der Geschichte haben die Gänsehaut nur verstärkt und mir verdeutlich, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, uns ausdrücken zu können. Nicht nur verbal, sondern auch gedanklich, denn unsere Sprache ist massiv dafür verantwortlich, was wir denken (können).

Wer die Vergangenheit kontrolliert...

Menschen lernen aus der Vergangenheit, nicht wahr? Die Vergangenheit beeinflusst damit maßgeblich die Gegenwart und Zukunft. Menschen können vergangene Entwicklungen, Fehler und Erfolge rekapitulieren und daraus Schlüsse für ihr künftiges Verhalten ziehen.
Das hat auch die Partei erkannt. Sie ist es nun, die die Vergangenheit kontrolliert. Vergangenheitsfälschung gehört für die Partei zum Alltagsgeschäft. Alles, was jemals erschien, wird so angepasst, dass es mit den Aussagen der Partei übereinstimmt. Texte, Bilder, Aufnahmen werden in schieren Massen gefälscht und die Originale vernichtet.
Woher wissen wir von unserer Vergangenheit? Aus Quellen, egal in welcher Form. Stellt euch vor, all diese Quellen werden vernichtet. Nur Fälschungen, falsche Informationen bleiben erhalten. Wie sollen wir dann noch die Wahrheit von der Lüge unterscheiden? Woher wissen, was unsere echte Vergangenheit ist? Und wie überhaupt auf den Gedanken kommen, dass das, was wir da erfahren, eine Lüge ist?

Permanente Beobachtung

Die Räume sind in "1984" mit Teleschirmen ausgestattet, über die nicht nur Unterhaltung und Information geboten wird, sondern die auch als permanente Überwachungsorgane dienen. Du weißt, dass dieses Ding da ist. Du weißt, dass du darüber beobachtet werden kannst. Du weißt nur nicht, wann sie dich beobachten. Ob sie es gerade in diesem Augenblick tun. Ob sie es schon immer tun. Oder niemals. Dazu noch unscheinbare Abhöreinrichtungen, die selbst in Bäumen versteckt sein können. Wo ist man da noch sicher?
Diese ständige Beobachtung, verbunden mit der Ungewissheit, ob man gerade abgehört wird, bescherte mir eine zermürbende Unsicherheit während des Lesens. Die permanente Überwachung und damit Drohung, irgendeiner Abweichung von der Parteidoktrin beschuldigt zu werden (selbst wenn es nur im Schlaf genuschelte Worte sind!), fand ich absolut gruselig. Der Slogan der Partei, "Der Große Bruder sieht dich!", unterstützte das noch.

Nieder mit dem sozialen Wesen

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Freunde, Partner, Kollegen, Bekannte, Vertraute... Wir leben in einem komplexen sozialen Gefüge. Wir haben die unterschiedlichsten sozialen Beziehungen.
Genau an diesem Punkt setzt die Partei die Schere an. Schnipp-schnapp, soziale Beziehungen weg. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: In "1984" sind nicht plötzlich alle Menschen asoziale Einzelgänger. Ganz im Gegenteil, die Familie ist ein hohes Gut und kollegiale Beziehungen gibt es immer noch. Nur erscheinen all diese Beziehungen wie leere Hüllen.
Familienmitglieder - bei den Kindern angefangen - werden dazu angehalten, einander zu bespitzeln und bei Abweichungen von der Parteilinie anzuzeigen. Vertrauen und Sicherheit gibt es nicht mehr. Nirgends. Liebe und sexuelle Befriedigung werden abgeschafft. Es geht nur noch um Fortpflanzung im Namen der Partei und um Zweckzusammenkünfte, um dieses Ziel zu erreichen.
Das ist doch wirklich eine Traumvorstellung für die Gesellschaft! *Ironie Ende*

Letzte Rettung: Proles

Die Proles sind in "1984" das Volk - eine anonyme, wenig gebildete Masse von Arbeitern und Armen. Ihre Lebensumstände sind kritisch. Trotzdem wünschte ich mir während des Lesens zunehmend, nicht länger dem Parteimitglied Winston zu folgen, sondern in der anonymen Masse untertauchen zu können. Dort gibt es kein Neusprech und keine Teleschirme. Soziale Beziehungen haben noch ihre Bedeutung und sind keine hohlen Phrasen.
Zwar ist auch das Leben der Proles nicht unbeeinflusst von der Partei und ihnen fehlt die Bildung, um wirklich kritische Gedanken entwickeln zu können (mit denen sie dann wiederum in den Fokus der Partei rücken würden, aber gut). Trotz der Missstände, in denen sie leben, erschien mir ihr Leben jedoch reizvoller, weil freier und ehrlicher.

Ungebrochene Aktualität

Die gesellschaftlichen Veränderungen, die Orwell beschreibt, sind nicht eingetreten. Die Teleschirme, die er zwischen 1946 und 1948, in der Entstehungszeit des Buches, erfand, wirken, wenngleich niemals in der Form entwickelt, heute veraltet. 1984 liegt lange hinter uns.
Also alles Schnee von gestern? Ein Buch unter vielen, mit interessantem Inhalt, aber mehr auch nicht? Falsch.
Mag sein, dass "1984" stellenweise veraltet wird. Auch unglaubwürdig kann es erscheinen. So ganz überzeugend empfand ich die Verwandlung der Gesellschaft nämlich nicht.

Eindringlich ist die Geschichte dennoch. Und sie regt zum Nachdenken an.

Nachdenken über die Digitalisierung, die der Überwachung Tür und Tor öffnet. Das Bild des gläsernen Menschen, von dem so gern die Rede ist - ihr erinnert euch? Auch ohne Teleschirme stehen wir heute an einem vergleichbaren Punkt wie die Partei in "1984": Einzig die Gedanken der Menschen sind noch ein Buch mit sieben Siegeln. Alles andere kann herausgefunden werden. Jeder, der sich im digitalen Raum bewegt, kann auch überwacht werden (*hust* NSA *hust*). Dass in der Zeit, als ich das Buch las, gerade die DSGVO in Kraft trat, bekam vor dem Hintergrund dieser Geschichte eine ganz neue Bedeutung ...
Nachdenken über die Rechte und Möglichkeiten, die wir haben. Wir haben das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wir haben die Möglichkeit, uns öffentlich kritisch zu äußern, unsere eigene Meinung zu vertreten und tausend verschiedene Ansichten zu einem Thema zu haben. Wir sind priviligiert, sagen zu dürfen, was wir wollen und denken. "1984" schaffte bei mir für dieses Privileg ein ganz neues Bewusstsein.
Nachdenken über persönliche und gesellschaftlich gelobte Ziele. "Höher, schneller, weiter" - das ist heute vielfach die Devise. In "1984" würde das bedeuten, in der Partei immer weiter aufzusteigen und blind der Parteidoktrin zu folgen. Eine Gruselvorstellung. Stattdessen wirkten die Proles - die niedrigste aller gesellschaftlichen Klassen - für mich verlockender denn je. Freiheit und Individualität statt Konformität und Überwachung. "1984" macht nicht nur deutlich, wie wertvoll und wichtig die Meinungsfreiheit ist, sondern auch, wie eine Gesellschaft ohne Individualität, Freiheit und echte soziale Gefühle sein kann. Das ist definitiv nichts, was es anzustreben gilt!

Wahrscheinlich könnte ich noch weiter schreiben; noch mehr Punkte aufzählen, die mich beeindruckt und zum Nachdenken gebracht haben. Trotzdem höre ich hier auf. Das, was ich sagen wollte, habe ich getan.

Fakt ist: Ich werde den Terminus "Big Brother" - ob im Reality TV oder sonst wo - nie wieder hören wie vorher. "1984" oder "Orwell" werden für mich nicht mehr nur vage Bezeichnungen für eine Dystopie sein, sondern Begriffe voller Inhalt.

Das Ende dieses Buches weckt keine Hoffnungen. Eine Dystopie in Reinform. Die Gedanken, die die Geschichte weckt, sollten jedoch Grund genug sein, dieses Buch zu lesen.
Lest es, um der Zahlenfolge "1984" eine Bedeutung zu geben, die viele andere bereits kennen und gern in Diskussionen einfließen lassen.
Lest es, um euer Bewusstsein für Meinungsfreiheit und Individualität zu schärfen.
Lest es, um zu sehen, was Überwachung mit einer Gesellschaft machen kann.
Und macht euch dazu eure Gedanken.

Ich kann dieses Buch definitiv empfehlen!

Im Gespräch

Kennt ihr das Buch oder geht es euch (noch) wie mir vor dem Lesen und ihr habt lediglich davon gehört?
Was haltet ihr von der Geschichte? Wie seht ihr selbst ihre Bedeutung für unsere heutige Zeit?

2 Kommentare

  1. Ich habe das Buch damals in der Schule gelesen und finde es gehört auf jeden Lehrplan. Wie du schreibst, hat es an Aktualität nicht verloren und regt zum Nachdenken an. Viele Entscheidungen zur Überwachung werden im Namen der Sicherheit getroffen, aber vollkommene Sicherheit gibt es nie und man sollte dabei die Freiheit auf keinen Fall opfern.
    Grüße, Katharina von kathakritzelt.com

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    1. Ich würde es auch so gern auf jedem Lehrplan sehen. Neben dem Anspruch, ein Klassiker zu sein, ist es einfach ungebrochen aktuell, auch wenn die Technologien von "1984" anders sind als unsere Realität.
      Leider wurde es bei mir nicht mal erwähnt und ich bin froh, es später entdeckt zu haben.

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