Es gibt mehr als Sherlock Holmes.
Arthur Conan Doyle: Die vergessene Welt

Mittwoch, 20. Juni 2018 | Kommentieren
klassiker

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ARTHUR CONAN DOYLE: DIE VERGESSENE WELT

Original: The Lost World
Erstveröffentlichung: 1912

Genre: Science-Fiction/ Abenteuerroman

Gelesene Ausgabe:
Übersetzerin: Leslie Giger | 312 Seiten | Hardcover | 1992 | Haffmans Verlag | Büchergilde-Gutenberg-Lizenzausgabe

Arthur Conan Doyle? Das ist doch der Autor von Sherlock Holmes! Der hat noch andere Bücher geschrieben?

So ähnlich könnt ihr euch meine Gedanken vorstellen, als ich feststellte, dass Arthur Conan Doyle eben nicht nur Autor von Sherlock Holmes ist, sondern auch von anderen, durchaus bekannten Büchern. Die Bekanntheit des Detektivs überstrahlt natürlich Vieles und so sind beispielsweise, insbesondere im deutschsprachigen Raum, Doyles Romane um den exzentrischen Professor Challenger eher wenig bekannt.

"Die vergessene Welt" ist der erste von fünf Challenger-Bänden und gehört zu den frühen englischsprachigen Science-Fiction-Romanen. Zudem lässt er sich thematisch in die gleiche Sparte einordnen wie Michael Crichtons verfilmtes Buch "Jurassic Park", denn Dinosaurier spielen in diesem Buch eine wichtige Rolle.

Hinweis: Ich werde mich viel auf inhaltliche Aspekte konzentrieren, daher können kleine Spoiler möglich sein.

Die Handlung

Dinosaurier sind noch am Leben - wenigstens auf einem Hochplateau im südamerikanischen Dschungel. Das behauptet der verschrobene Professor Challenger und erntet damit bei seinen Londoner Kollegen nichts als Hohn und Spott. Dennoch macht sich eine kleine Expeditionsgruppe auf den gefährlichen Weg in den Amazonas und entdeckt dabei ganz Außerordentliches.

Ein journalistischer Briefroman

Anfangs scheint "Die vergessene Welt" noch ein gewöhnlicher Roman mit einem Ich-Erzähler zu sein, später wird aber deutlich, dass die Erzählform, die Doyle für dieses Werk wählte, eine andere ist. Bei den Kapiteln handelt es sich um Briefe, in denen der Erzähler von seinen Erlebnissen und Abenteuern berichtet.
Dabei ist der Erzähler gar nicht Professor Challenger, wie ich anfangs annahm. Die Briefe stammen von Edward Malone, einem Journalisten und damit einem Vertreter jener Zunft, gegen die Challenger höchste Abneigungen hegt. Entsprechend sind die ersten Begegnungen von Challenger und Malone auch eher als schwierig zu bezeichnen - wie so vieles, was mit Challenger tun hat.

Ein Name ist Programm.

Professor Challenger trägt die Herausforderung (Challenge) bereits im Namen. Und er ist tatsächlich eine Herausforderung für alle, die ihm begegnen.
Als rechthaberischer, aufbrausender, mitunter zu Gewalt neigender Charakter gehört Challenger von Beginn an zu den schwierigeren Zeitgenossen. Es verwundert daher kaum, wenn bei Malones erster Begegnung mit Challenger die Fäuste fliegen oder wenn Gespräche mit Challengers Kollegen Professor Summerlee jedes Mal aufs Neue in endlose Diskussionen ausarten - die nicht einmal mehr Malone, der sonst alles detailliert festhält, ausführlich niederschreibt, sondern nur noch frei nach dem Motto "Sie haben schon wieder gestritten" kommentiert.
Eine Freundin von Challenger bin ich während des Lesens überhaupt nicht geworden und war im Verlauf der Geschichte tatsächlich dankbar, dass nicht Challenger die Geschichte erzählt, sondern Malone. Der Journalist erschien mir manches Mal zwar zu naiv für eine Expeditionsreise, aber immerhin wurde ich mit ihm eher warm als mit Challenger.

Ein jurassisches Abenteuer

Geschichten mit Dinosauriern waren mir bislang vor allem durch die "Jurassic Park"-Filme bekannt, deren neuestes Sequel gerade erst angelaufen ist. Dass gerade Doyle, den ich sonst nur mit Sherlock Holmes in Verbindung brachte, sich ebenfalls in diesem Bereich bewegte, war mir vollkommen neu.
Wer jetzt aber ausführliche Vergleiche anstrebt, kann das gleich wieder lassen. "Die vergessene Welt" mit den actionreichen Abenteuern von "Jurassic Park" zu vergleichen, macht wenig Sinn. Während in "Jurassic Park" der Fokus auf actiongeladenen, fesselnden Handlungen und gefährlichen Urzeitwesen liegt, geht "Die vergessene Welt" deutlich bedachter zur Sache. Zentral ist die Forschungsexpedition, die das Erlebte aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet und die Malone mit beinahe kindlicher Neugier und Begeisterung beschreibt. Die Geschichte ist spannend erzählt und natürlich gibt es auch hier gefährliche Wesen, die Menschen als Futter und/ oder Feind betrachten. Aber wo in der Natur gibt es die nicht? Selbst wenn die hier beschriebene Natur mitunter überdimensioniert daherkommt.

Typischer Zeitgeist vs. heutige Perspektiven

Während ich die Handlung selbst spannend fand, haben mir andere Punkte immer wieder etwas Bauchschmerzen bereitet.
Die gesamte Geschichte ist sehr androzentristisch. Der (weiße) Mann steht im Zentrum. Er ist der Wissenschaftler, der Forschungsreisende, der Berichterstatter, der Jäger. Fast alle Figuren sind Männer und die zwei Frauen, die tatsächlich etwas genauer beschrieben werden und nicht in irgendeiner beiläufig beschriebenen Masse untergehen, wirken auch eher wie Stereotype der Zeit, denn wie eigenständige Persönlichkeiten.
Auch Rassismus spielt während der Reise immer wieder eine Rolle. Nichtweiße Personen werden mit diskriminierenden und beleidigenden Bezeichnungen und Beschreibungen versehen, die immer wieder deutlich machen, dass sie nicht als eigenständige Personen, sondern als Vertreter eines Volkes mit - im Bewusstsein der Weißen - klar festgelegten Charaktereigenschaften betrachtet werden. Fast alle genauer beschriebenen nichtweißen Charaktere in der Handlung stehen zudem im Dienste der Weißen und wirklich alle - egal, ob genauer beschrieben oder beiläufig benannt - werden den Weißen in ihrem Bewusstsein untergeordnet und von ihnen von oben herab behandelt/ betrachtet.

Das alles entspricht natürlich Doyles Zeitgeist. Die Geschichte wurde vor mehr als einem Jahrhundert geschrieben, als Kolonialismus beispielsweise noch etwas vollkommen Normales und Frauenrechte und Gleichberechtigung kein Thema waren. Dementsprechend dürften mir diese Beschreibungen gar nicht so sehr an die Nieren gehen.
Trotzdem haben sie es getan. Gerade daran habe ich (wieder einmal) gemerkt, wie wir uns in unserem Denken verändert haben. Was vor einem Jahrhundert noch normal war, wird heute als riesengroßer und mehr als zu Recht verurteilter und scharf kritisierter Mist betrachtet.

Auf der einen Seite ein spannendes Werk der frühen Science Fiction, auf der anderen Seite ein Symbol für den damals herrschenden Zeitgeist: "Die vergessene Welt" hat mir bewiesen, dass Arthur Conan Doyle mehr als nur "der Autor von 'Sherlock Holmes'" ist.

Ich kann das Buch definitiv all jenen empfehlen, die sich für Science Fiction und deren Anfänge und/ oder die Werke von Doyle interessieren!

Im Gespräch

Waren euch "Die vergessene Welt" bzw. die Challenger-Romane ein Begriff? Oder kanntet ihr bislang auch nur die Geschichten von "Sherlock Holmes" aus Doyles Feder?

Wie geht ihr mit Beschreibungen von Rassismus, Kolonialismus, Unterdrückung von Frauen etc. in älteren Werken um? Stört ihr euch daran oder gehört es für euch einfach dazu und ist ein Zeichen der Entstehungszeit des Buches?

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