[Rezension] Michael Ende: Die unendliche Geschichte

Sonntag, 5. November 2017 | 8 Kommentare
Es gibt Bücher, die begegnen einem und lassen nie wieder los. "Die unendliche Geschichte" ist so eines. Das Buch habe ich irgendwann als Kind entdeckt und seitdem gehört es zu meinen Lieblingsbüchern. Wie oft ich es schon gelesen und als Film gesehen habe, weiß ich nicht. Zu oft sicher nicht.
Bereits im Zuge von Ellens "Herzensbücher"-Aktion hatte ich Anfang diesen Jahres vorgehabt, die "Unendliche Geschichte" endlich wieder einmal zu lesen. Aber es brauchte dann doch noch Bücherpandas Kurzrezension, um endlich zu sagen: Her mit dem Buch, jetzt muss es wieder gelesen werden!
Nachdem ich in der Vergangenheit schon so oft zu anderen meinte "Das musst du lesen, es ist so toll!", möchte ich dieses Mal auch darüber schreiben, was mir so wahnsinnig gut daran gefällt.


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487 Seiten | Taschenbuch | Heyne | Deutsch

Originalausgabe

Reihe: Einzelband

Erschienen: 1994 (Erstveröffentlichung 1979)

ISBN: 978-3-4530-8516-9

[Nicht mehr auf der Verlagswebseite gelistet.]

Mehr als ein bloßes Fantasyabenteuer

Auf der Flucht vor seinen Mitschülern landet Bastian im Antiquariat von Herrn Koreander. Obwohl er eigentlich nur ein Versteck gesucht hat, wird er dort auf das Buch "Die unendliche Geschichte" aufmerksam. Seine Faszination für dieses Buch ist so groß, dass er es schließlich stiehlt. Als ihm bewusst wird, was er getan hat, versteckt er sich auf dem Dachboden seiner Schule und beginnt, noch immer gepackt von der merkwürdigen Faszination, zu lesen. Damit taucht er ein in das Reich Phantásien, das dringend die Hilfe eines Menschenkindes benötigt.

Ein Buch in einem Buch

"Die unendliche Geschichte" ist im Grunde eine Geschichte über sich selbst, denn das gleiche Buch, was ich in der Hand hielt, spielt in der Handlung eine große Rolle. Es ist die Geschichte des Reiches Phantásien, die in eben diesem Buch seit jeher aufgeschrieben wird. Und es ist eine Geschichte, die gleichermaßen in Phantásien und der Realität begonnen wurde und nun in beiden Welten fortgeschrieben wird.
Darüberhinaus ist "Die unendliche Geschichte" eine einfach großartig konstruierte Geschichte, die die Grenzen zwischen Realität und Fantasie immer weiter verschwimmen lässt. Sie wird von einem allwissenden Erzähler erzählt, der sich im späteren Verlauf selbst als Teil der Geschichte entpuppt.

Großartige Handlung und Figuren

Die Handlung wechselt größtenteils zwischen Bastian in der realen Welt und Atréju in Phantásien. Beide Stränge werden nach und nach immer weiter verwoben, bis für mich das Gefühl entstand, selbst Teil der unendlichen Geschichte zu sein und eingreifen zu müssen, um Phantásien zu retten.
Bastian wird als kleiner, dicker Junge beschrieben, der von seinen Mitschülern gehänselt und von seinem Vater ignoriert wird. Wirklich gut ist er eigentlich nur im Erfinden von Geschichten, aber das interessiert keinen. "Die unendliche Geschichte" wird für ihn nicht nur ein ungewöhnliches Leseabenteuer, sondern eine Reise, die ihn lehrt sich selbst zu lieben.
Wenngleich Atréju ebenfalls als Kind beschrieben wird, trennen die beiden doch in mehr als der offensichtlichen Hinsicht Welten. Wo Bastian ängstlich und unsportlich ist, ist Atréju mutig und kräftig. Wo Bastian belächelt wird, wird Atréju respektiert. Obwohl Atréju also alles hat, was Bastian sich wünscht, wird auch für ihn die Reise zu einer Lehre, die er nie wieder vergessen wird.
Beide Protagonisten beweisen im Verlauf der Handlung eine bemerkenswerte Tiefe und Entwicklung. Neben ihnen sind es aber auch die vielen großartig gestalteten Nebenfiguren, die der Handlung Lebendigkeit verleihen.

Eine Ode an die Fantasie

Phantásien selbst ist für mich der Inbegriff der Fantasie. In modernen Fantasybüchern haben wir meist menschenähnliche, weiße Figuren und Orte, die mehr oder weniger stark an die Realität angelehnt sind. Nicht so in der "Unendlichen Geschichte". Im endlosen Phantásien gibt es nichts, das es nicht gibt. Steinbeißer und Glücksdrachen, Gnomen, Werwölfe und Vampire, Irrlichter, Winzlinge und einen bunten Löwen, Zentauren und Windriesen und eine Vielzahl weiterer Wesen, die mal bekannt, mal gänzlich neu erfunden sind. Selbst Atréju ist kein gewöhnlicher Mensch, sondern gehört zu den "Grünhäuten", einem Jägervolk mit olivgrüner Haut.
Das Reich selbst ist unheimlich facettenreich und besitzt rund um sein Zentrum, den Elfenbeinturm, jede nur erdenkliche Landschaftsform. Wiesen, Steppen, Gebirge und Sümpfe gibt es ebenso wie Meere, eine bunte Wüste und einen Wald, der nur nachts existiert.

Ein Wort zur Gestaltung

"Die unendliche Geschichte" ist nicht nur wegen ihrer Handlung so toll, sondern kann mich auch mit ihrer Aufmachung begeistern - obwohl es eigentlich nur ein einfaches Taschenbuch ist. Schlichten schwarzen Text sucht man hier vergebens. Stattdessen ist alles, was in der Realität spielt, rot und alles, was in Phantásien spielt, grün gedruckt. Darüberhinaus ist der Anfangsbuchstabe jedes Kapitels passend zum Kapitelinhalt auf einer ganzen Seite gestaltet - ebenfalls in rot und grün.
Ein kleines Detail zum Abschluss, das ich selbst erst dieses Mal entdeckt habe: Jedes der 26 Kapitel beginnt, in alphabetischer Reihenfolge, mit einem anderen Buchstaben. Kapitel von A bis Z also - das soll Michael Ende erst einmal jemand nachmachen!

FAZIT

"Die unendliche Geschichte" ist ein Buch, das seinesgleichen sucht. Oberflächlich betrachtet ist es ein großartig konstruiertes Fantasyabenteuer, das die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion auflöst und mit einer Fülle an Details aufwarten kann. Wer etwas tiefer blickt, findet unzählige Anknüpfungspunkte für Interpretationen. Mit ihnen wird aus dem "einfachen" Fantasyabenteuer ein tiefgründiger, märchenhafter Roman, der zum wieder und wieder Lesen einlädt und dabei niemals langweilig wird.

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Rückentext 

TU WAS DU WILLST lautet die Inschrift auf dem Symbol der unumschränkten Herrschaftsgewalt in Phantásien.
Doch was dieser Satz in Wirklichkeit meint, erfährt Bastian erst nach langem, mühevollem Suchen.

8 Kommentare

  1. Ach wie schön dass du mir das Buch wieder in Erinnerung rufst! Das liebe ich auch sehr und sollte ich wohl auch mal wieder lesen ♥
    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Gern geschehen, das solltest du unbedingt! Ich wusste ja, dass ich es liebe, aber jetzt weiß ich erst wieder ganzgenau warum :D
      LG Sarah

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  2. Dieses Buch sollte ich auch nochmal lesen. Auch mich hat damals die Gestaltung fasziniert, neben der wunderschönen Geschichte natürlich.
    Schöner Beitrag, schöne Anregung.
    Viele Grüße
    Silvia
    #litnetzwerk

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    1. Danke dir für deinen Kommentar! Dann wünsch ich dir schon mal viel Spaß beim erneuten Lesen :)
      LG Sarah

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  3. Guten Morgen,
    ich bin gerade auf Deinen Blog gestoßen. Toll hast Du es hier und sehr übesichtlich- und Dein Header *_*
    Michael Ende kenne ich noch von meiner Schulzeit. Im Deutschunterricht mussten wir den Film und das Buch lesen und darüber uns unterhalten. Ein tolles Buch und schön, dass Du es hier nochmal in Erinnerung gerufen hast. Ich denke jeder sollte diese Geschichte gelesen haben.
    Gerne bleibe ich noch hier als Leserin und bin gespannt worüber du noch so schreiben wirst.
    Lg. Andrea
    Vielleicht magst ja mal bei mir vorbei schauen?
    http://www.printbalance.blogspot.de

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    1. Hallo Andrea,
      danke dir!
      Das ist ja cool, dass ihr Michael Ende in der Schule gelesen habt! Bei mir war es irgendwie immer nur Goethe, Schiller, Lessing oder ähnliche ^^ Das modernste war, glaube ich, "Der kleine Hobbit" ;-)

      Liebe Grüße
      Sarah

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  4. Hallo Sarah,
    ich habe damals (nicht nur einmal ;o))den Film gesehen und fand ihn so schön. Das Buch wollte ich schon immer mal gelesen haben. Aber bislang habe ich es irgendwie immer noch nicht getan. Deine Rezension motiviert sehr dieses Buch endlich einzukaufen. Vielen Dank dafür, dass du diese Geschichte noch einmal in Erinnerung rufst.

    Ganz liebe Grüße
    Tnja :o)

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    1. Hey Tanja,
      danke dir!
      Oh ja, du solltest es unbedingt lesen! Der Film ist schon ziemlich gut, aber mit dem Buch kann er (zumindest meiner Meinung nach) nicht mithalten. Zumal sich die Handlung von Film und Buch auch stellenweise ziemlich unterscheiden ;-)

      Liebe Grüße
      Sarah

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