Fachwissen in Büchern.
Oder: Was wissen Figuren und Leser?

Freitag, 20. Oktober 2017 | 6 Kommentare
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Beim Lesen stolpere ich immer mal wieder über Fachbegriffe oder Bezeichnungen, die vermutlich meist nur denen bekannt sind, die sich intensiv(er) damit befassen. Das kann ein Arzt sein, dessen Diagnose oder Fachgespräch klingt wie der Lateinunterricht, den ich nie hatte. Oder der Gangster oder Polizist, der (natürlich) nicht nur den Begriff "Pistole" oder "Waffe" kennt, sondern gefühlt hundert verschiedene Ausführungen und Marken davon. Oder der Seemann, der munter über Schiffsteile und Wellenbewegungen spricht, dessen Worte aber statt Kopfkino nur ein großes Fragezeichen bei mir erzeugen. Oder der Autor selbst, der detailreiche Beschreibungen zu Architektur und Landschaft gibt. Oder ...
Es gibt zig Varianten, wo und wie Fachwissen auftauchen kann. Direkt im Dialog oder in der Beschreibung, in Gedankengängen oder in einem unscheinbaren Nebensatz, als Dreh- und Angelpunkt eines Handlungsstücks oder als beiläufige Erwähnung.

Was dabei als Fachsprache oder unbekanntes Wort wahrgenommen wird und was nicht, hängt selbstredend immer vom persönlichen Wortschatz ab. Wer sich selbst z.B. mit IT, Medizin oder Architektur befasst, wird weniger Probleme mit dem zugehörigen Fachjargon haben als jemand, der sich nicht oder nur wenig damit beschäftigt. Eine klare Linie, welche Worte gefahrlos (und für jeden verständlich) in Büchern verwendet werden können, gibt es daher nicht. Es soll mir heute auch nicht darum gehen, welche Begrifflichkeiten nun Fachsprache sind oder was zum Fachwissen gehört und was zum Alltagswissen.
Viel eher soll es mir um die Wirkung der Fachsprache gehen - bezogen auf den Leser und auf den Kontext, in dem sie verwendet wird. Beispielsweise kann sich das Bild eines Arztes verändern, je nach dem ob er Fachausdrücke verwendet oder nur in Alltagssprache spricht. Ein Sicherheitsbeamter kann anders wirken, wenn er die Marken und Spezifika einzelner Waffen kennt, als wenn er generell alles nur als "Waffe" bezeichnet. Und ein IT-Spezialist, der keinen Fachjargon spricht, sondern ständig nur so, dass ihn selbst die verstehen, die einen Computer nur vom Namen her kennen ...? Ich denke, ihr versteht meinen Punkt.

In den vergangenen Monaten habe ich - mal mehr, mal weniger bewusst - darauf geachtet, wie eingebautes Fachwissen eigentlich wirkt, was es mit mir macht und ob es in den Kontext passt. Daraus entstanden ist eine kleine Übersicht, die ich gern mit euch teilen und diskutieren möchte.

Die Wirkung von Fachwissen

I. Aus Sicht der Leser

Das Fachwissen ist bekannt.
Hier gibt es keine Probleme. Fachbegriffe, besondere Abkürzungen, Jargon, Markennamen u.a. werden gelesen, ohne sie genauer zu beachten.

Das Fachwissen ist nicht bekannt.
Häufig führt das zunächst einmal zu Irritation beim Lesen und kann u. U. den Lesefluss unterbrechen.
Manchen gelingt es, einfach darüber hinwegzulesen. In vielen Fällen ist es immerhin nicht von absoluter Notwendigkeit, jedes einzelne Wort zu verstehen.
Tauchen Begrifflichkeiten allerdings häufiger auf, liegt nahe, dass sie von größerer Bedeutung sind. Eine Klärung der verwendeten Bezeichnungen kann in diesem Fall ratsam sein. Ebenso trifft das bei denjenigen zu, die die unklaren Worte beim Lesen nicht ignorieren können.

II. Aus Sicht der Figuren

Das Fachwissen ist bekannt.
Innerhalb der Geschichte kann die Figur problemlos mit den Begrifflichkeiten umgehen. Je nach dem, ob die Worte in höheren Bildungsschichten als bekannt vorausgesetzt werden können, oder ob sie zu einer bestimmten Fachsprache gehören, erscheint eine Figur, die diese Begriffe kennt, zudem als gebildet und/ oder als Spezialist in einem bestimmten Bereich.

Das Fachwissen ist nicht bekannt.
Ähnlich zur Reaktion von Lesern auf unbekannte Worte reagieren Figuren innerhalb der Handlung meist irritiert. Manche Figuren ignorieren sie, so gut es geht, andere fragen offen nach oder rätseln zumindest in Gedanken, was es damit auf sich haben könnte.
Nach außen erscheinen die Figuren meist als Durchschnittspersonen mit normalem Bildungsgrad. Seltener sind sie auch Spezialisten, die sich jedoch in dem Bereich, der zu dem angesprochenen Fachwissen gehört, nicht auskennen.

Das Fachwissen kann theoretisch nicht bekannt sein, ist es aber.
Es sind seltene, aber nicht unmögliche Fälle: In der vorhergehenden Handlung wurde bereits umrissen, welches Wissen eine Figur hat und in einer Szene trumpft sie plötzlich mit ganz neuem (Fach-) Wissen auf, das sie theoretisch (nach dem Wissen des Lesers) nicht haben kann.
Solche Fälle können dazu beitragen, die Figuren weiter zu charakterisieren, indem erklärt wird, was sie noch alles wissen. Sie können aber auch zum Problem werden, wenn das (Un-) Wissen nicht (weiter) thematisiert wird.
Ein Beispiel eines solchen Falles ist mir erst kürzlich in "Ein Meer aus Tinte und Gold" von Traci Chee begegnet: Sefia hatte bisher offensichtlich noch nicht viel mit Schiffen zu tun. Dennoch finden sich in Handlungsbeschreibungen aus ihrer Sicht Begriffe wie Hauptdeck, Achterdeck, Takelage und Rahe. Einerseits war ich als Leserin froh über solche Beschreibungen, da sie das aktuelle Geschehen genau wiedergaben. Andererseits stellte sich mir die Frage, ob diese Worte in Sefias Welt zum Allgemeinwissen gehören, sie sie in der Vergangenheit gelernt hat oder Sefia sie eigentlich gar nicht kennen kann. Und sollte letzteres der Fall sein: Wie können diese Begriffe dann in Beschreibungen auftauchen, die aus ihrer Sicht verfasst sind?

III. Zwischen Lesern und Figuren

Das Fachwissen ist beiden bekannt.
Die unproblematischste aller Situationen: Es gibt keine Verständnisprobleme. Figuren und Leser sind auf einer Wissensebene.

Das Fachwissen ist nur einem von beiden bekannt.
Dieser Fall kreiert eine Form der Überlegenheitssituation. Einer weiß mehr als der andere.
Versteht der Leser mehr als die Figur, gibt es zunächst einmal keine Probleme mit dem Lesefluss. Der Leser kann dem Text problemlos folgen, ist aber möglicherweise nicht sensibilisiert für das Unwissen der Figur.
Versteht die Figur mehr als der Leser, hemmt das zunächst den Lesefluss und erfordert u. U. eine kurze Begriffsrecherche. Die Figur erscheint als (sehr) gebildet und/ oder Spezialist auf dem Gebiet. Sie hebt sich damit von anderen (auch vom Leser selbst) ab.

Das Fachwissen ist keinem bekannt.
Wie schon im ersten Fall befinden sich Leser und Figur auf einer Wissensebene. Dennoch kann das Unwissen den Leser hier in seinem Lesefluss hemmen. Die genaue Wirkung einer solchen Situation hängt stark davon ab, ob das Unwissen der Figur in der Handlung thematisiert und Wissenslücken möglicherweise (für Figur und Leser) gefüllt werden.

Bei all diesen Beschreibungen von Wissen und Unwissen hängt immer wieder vieles vom individuellen Wortschatz ab. Natürlich kann ein Autor, wenn er weiß, dass er Fachwissen einbringt, auch Figuren einbauen, die für den Leser nachfragen und Wissenslücken klären. Oder der Autor selbst kann in Beschreibungen ein paar Erklärungen einfließen lassen. Aber auch diese Möglichkeiten können nicht bei jedem Leser jede Wissenslücke überbrücken. Wer kann schon abschätzen, was ein Gegenüber weiß und was nicht? Wo er Erklärungen braucht und wo nicht?

Letzten Endes können wir uns wohl nur in einem wirklich sicher sein: Es gibt Fachwissen in Büchern (auch wenn es jeder anders definiert) und dieses Fachwissen - ob bekannt oder nicht - hat seine Wirkung auf Figuren und Leser. Doch auch das kann nicht über eine Frage hinwegtäuschen, die mir spätestens beim Schreiben dieses Posts immer wieder im Kopf herumgeistert:

Müssen wir immer alle Begriffe in einem Buch verstehen oder kann es auch seinen Reiz haben, als Leser einmal unwissend zu sein?


Im Gespräch

Schreibt mir gern eure Meinung zu dieser Frage und generell zum Thema in die Kommentare!
Wie geht ihr mit Fachwissen in Büchern um? Wie reagiert ihr auf unbekannte Begriffe?

6 Kommentare

  1. Huhu!

    Ein sehr interessanter Beitrag!
    So explizit hab ich noch nie darüber nachgedacht.

    Aber während dem Lesen ist die Frage auch schon in meinem Kopf herumgespukt. Eben dann, wenn mir ein Begriff über den Weg läuft, den ich nicht kenne - kommt ja in Fantasygeschichten doch recht häufig vor.

    Manchmal ergibt sich die Erklärung dann aus dem Sinn des Satzes, manchmal taucht ein Erklärbär auf und manchmal steht man blöd da weil man keine Ahnung hat, um was es geht *lach

    Aufgefallen ist mir sowas tatsächlich ab und zu. Fachbegriffe finde ich nicht schlecht, aber wie du schon schreibst: es muss passen. Jemand der sich auskennt darf ruhig solche Wörter benutzen, aber eben nicht zuviel, so dass ich mir als Leser blöd vorkomme. Klar kann das "der Autor" schlecht einschätzen, aber das ist "sein Job" :D
    Am besten ist eine Balance aus "Fremdwörtern", deren Sinn sich man aus dem Text denken kann, mit Wörter die man eben kennt.

    Aber das ist echt schwer zu verallgemeinern, weil jede Figur und Geschichte anders ist und es ganz unterschiedlich passt.

    Mir fällt dazu grade "Orphan X" ein, ein Agententhriller und der Prota bzw. der Autor schwelgt in Beschreibungen seiner Waffen oder auch seinem Whiskey und wie er ihn zu sich nimmt ... ja, war manchmal etwas viel, aber ich les da einfach drüber weg. Wenn die Handlung packend ist dann stört mich sowas nicht - aber auch auf die Balance kommt es hier an.

    Wenn es natürlich nicht stimmig ist, also die Figuren etwas wissen, womit sie noch nie zu tun gehabt haben, find ich es schon etwas doof. Da kommt es auch auf die Perspektive an. Wenn es jetzt keine Ich-Perspektive ist, forme ich in meinem Kopf das so um, dass der Autor als Allwissender das in diesen Worten erzählen kann, weil sie/er ja noch gar nicht weiß wie das heißt (jetzt zu dem Beispiel von oben mit Sefia und den Schiffen, wobei ich das Buch noch nicht gelesen hab ...)

    Also so direkt kann ich das nicht beantworten, weil das immer sehr drauf ankommt wie oben gesagt ;)

    Bin gespannt wie es da anderen beim Lesen geht.

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hey Aleshanee,
      danke dir für deinen ausführlichen Kommentar!

      Eine Balance aus bekanntem und unbekanntem ist natürlich immer am besten, aber gerade, wenn unter den Figuren Spezialisten sind, stelle ich es mir als Autorin auch ziemlich schwer vor, das Gleichgewicht zu finden. Klar ist das der Job der Autoren, so etwas überzeugend rüberzubringen, aber das scheint echt eine Leistung zu sein, das zu schaffen.

      An "Orphan X" musste ich lustigerweise die ganze Zeit denken, als ich hier über Spezialisten geschrieben habe. *lach*

      Bei der Ich-Perspekive stimme ich dir absolut zu! Da geht es für mich gar nicht, wenn die Figur was weiß, was sie eigentlich nicht wissen kann. Bei "Ein Meer aus Tinte und Gold" ist es ein personaler Erzähler - geht also gerade noch so, auch wenn ich es da schon merkwürdig fand ;-)

      Liebe Grüße
      Sarah

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    2. Guten Morgen!

      Ich hab deinen Beitrag heute in meiner Stöberrunde verlinkt ;)

      Liebste Grüße, Aleshanee

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  2. Hallo Sarah. Danke für den Beitrag. Ich finde es immer wichtig, wenn Figuren auch Wissen haben, dass zu ihrem Charakter passt, auch wenn der Leser es nicht kennt. Anders herum ist es dann genauso normal, dass ich über manche Dinge mehr Bescheid weiß, als die Figur.
    Einerseits kann das natürlich irritieren, aber es gehört zur Tiefe von Figur und Handlung.
    Wenn es aber nicht mehr zusammenpasst, weil die Figur Dinge weiß, die sie nicht wissen dürfte, verdrehe ich als Leserin auch die Augen. Vielleicht hilft es dem Lesefluss, aber der Geschichte selbst leider gar nicht. Eine knifflige Sache für Autoren, auf jeden Fall.

    LG Eva

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    1. Hallo Eva,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Wie geht es denn dir selbst, wenn die Figur mehr weiß als du? Stört das deinen Lesefluss oder kannst du es problemlos akzeptieren und darüber hinweg lesen?

      Liebe Grüße
      Sarah

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