[FaWeWo] Zur Abwechslung in der Fantasy

Donnerstag, 21. September 2017 | 9 Kommentare
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Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte ich hier darüber geschrieben, was mich an vielen aktuellen Publikationen nicht nur im Fantasy-Bereich stört. Ähnliche Handlungen und Figuren war nur einer meiner Punkte, weswegen mich nicht mehr so viele Bücher wie noch vor einem oder zwei Jahren begeistern können. Während bestimmte Schemata in meinem zweiten Lieblingsbereich, den Krimis und Thrillern, manchmal einfach dazugehören, fallen sie mir in der Fantasy des Öfteren negativ auf.

Tendiert moderne Fantasy also zum Einheitsbrei?

Klare Antwort: Nein. Selbst wenn ich mir nur die Fantasyprogramme der großen Publikumsverlage anschaue - und in dem Bereich lese ich nun mal am häufigsten - unterscheiden sich die Bücher durchaus. Einige Ähnlichkeiten insbesondere in der Jugendfantasy fallen trotzdem auf.
Ich will jetzt nicht über Handlungs- und Charakterschemata schreiben. Das Thema ist (vorerst) durch. Vielmehr soll es mir um die Vielfalt der Wesen in moderner Fantasy gehen. Viele fantastische Bücher kommen nicht ohne ein, zwei oder mehr übernatürliche Wesen aus. Ist die Handlung in einer fremden Welt angesiedelt, kommen tendenziell nochmal einige Arten mehr dazu als in der Urban Fantasy.
Die Palette, aus der Autoren Wesen wählen können, ist riesig. Jede Kultur hat ihre eigenen Mythen mit eigenen Wesen, die es im Laufe der Jahrhunderte in unsere gemeinsame Fabelwesen-Sammlung geschafft haben. Manche sind so präsent, dass sie jeder aus dem Effeff aufzählen kann, andere dagegen kennen nur wenige.
Während Vampir und Magier, Dämonen, Elfen und Zwerge in verschiedensten Formen regelmäßig in Fantasybüchern auftauchen, schaffen es andere gar nicht oder nur selten in die Handlungen moderner Fantasyliteratur. Woran liegt das?

Sind manche Wesen einfach nicht gut genug für die Literatur?!

Die Frage kann durchaus aufkommen, wenn man sich die unzähligen Möglichkeiten mal genauer vor Augen führt. In Vorbereitung auf die Fabelwesenwoche war ich selbst überrascht, wie viele Wesen es letztlich doch gibt. Genau hier liegt wohl auch ein springender Punkt: Oftmals fehlt das Wissen.
Kaum ein Autor wird sich wohl im Vorfeld hinsetzen und recherchieren, welche Fabelwesen gut zur Geschichte passen. Warum auch? Der Autor ist frei in seinen Erzählungen. Frei in dem, was er schreibt und worüber er schreibt.
Ich lese und höre ziemlich gern Interviews, in denen Autoren über ihren Arbeitsprozess berichten. Die Mehrheit der Fantasy-Autoren, die ich kenne, hat von vornherein klare Vorstellungen von den Wesen, die eine Rolle spielen werden. Und das sind häufig genau die Wesen, von denen wir verstärkt lesen und die ich als Standardrepertoir der Fantasywelt bezeichnen möchte.
Diese Wesen zu nutzen, ist überhaupt nicht schlimm. Immerhin bieten sie an sich schon eine recht große Bandbreite, sowohl äußerlich als auch charakterlich. Dazu kommen die Möglichkeiten eines jeden Autors, die Wesen noch einmal zu verfremden und individuell zu gestalten.
Es sind eben nur immer die gleichen, bereits bekannten Wesen. Neuen Schwung bringen die für gewöhnlich nicht mit. Und mit dem Reiz des Neuen, Unbekannten kann man bei ihnen kaum spielen.

"Nicht gut genug für die Literatur" ist also keinesfalls eine Kategorie, die sich einige Fabelwesen gefallen lassen müssen.
Vielmehr gibt es für mich zwei Arten von Fabelwesen:
  1. Diejenigen, die alle kennen, die beim Publikum gut ankommen und von denen jeder eine Grundvorstellung hat. Die kann der Autor natürlich auch verändern, aber grundsätzlich weiß (fast) jeder Fantasyleser, was z.B. ein Vampir, eine Hexe oder eine Fee ist.
  2. Die wenig oder nicht bekannten, die bisher nicht (so) oft und erfolgreich beim Publikum getestet wurden und die weder Autor noch Leser oftmals sofort in den Sinn kommen. Die wenigsten haben zu diesen Wesen eine genaue Vorstellung und wissen, was sie erwartet. Was machen Kelpie, Wendigo, Mantikor und Simurgh? Wie sehen sie aus, für was stehen sie? Diese Wesen bieten natürlich das Potential des Unbekannten, kaum Genutzten. Doch gleichzeitig kann es diesen Wesen viel einfacher passieren, dass sie bei den Lesern einfach nicht ankommen.
Zwischen diesen zwei Polen gibt es noch ein paar Wesen, die zwar einigermaßen bekannt, aber trotzdem nicht allzu häufig anzutreffen sind. Zentaur und Greif gehören hier ebenso dazu wie der Ghul und die Sirene. Mit den Namen werden einige Leser etwas anfangen und sich darunter etwas vorstellen können. Für andere dagegen ist es nur ein Begriff, den sie schon mal gehört haben, ohne dass er genauere Assoziationen hervorruft.
Auch bei diesen Wesen kann das Neue, Unbekannte zum Segen oder Fluch werden - abhängig davon, ob es dem Autor gelingt, seinen Lesern das Wesen näherzubringen. Und auch abhängig davon, ob die Leser das Wesen annehmen und interessant finden.

Mythologie und Eigenkreation

Ein weiterer Punkt, den ich bisher noch nicht weiter angesprochen habe und den ich jetzt auch nur streifen will, ist der der selbst kreierten Fabelwesen.
Es gibt eine ganze Reihe von Autoren, die ihre eigenen Gestalten erschaffen. J. R. R. Tolkien mit dem Hobbit, Michael Ende mit dem Glücksdrachen Fuchur und den Steinbeißern und J. K. Rowling mit den Hauselfen, Dementoren und Acromantulas sind nur drei der bekannteren Beispiele. Hier werden die Autoren im wahrsten Sinne des Wortes zu Schöpfern, verändern bestehende Fabelwesen und lassen komplett Neue entstehen.
Allein diese Möglichkeit eröffnet nochmal ein riesiges Spektrum an Möglichkeiten, was für Wesen Eingang in ein Buch finden.

Braucht es dann überhaupt noch die Mythologie?

Die Frage kann man sich durchaus mal selbst stellen. Ich persönlich bin nach meinen Recherchen für diese Woche noch begeisterter von "existierenden" Fabelwesen als vorher und mag es mir ohne sie nicht vorstellen. Zudem sind viele dieser Wesen, wenn sie schon nicht komplett mit einbezogen werden, doch die Grundlage für selbst geschaffene Fabelwesen.
Eigenkreationen wiederum können auch ihren Reiz haben. Wie oben geschrieben weckt das Unbekannte, Neue (bei mir) Interesse und Neugier. Gänzlich verzichten würde ich hierauf also auch nicht. Für mich macht es einfach die Mischung aus Mythologie und selbst Geschaffenem.

Nebst den genannten Kategorien von Fabelwesen macht sich zunehmend ein Typus Charakter vor allem in der Jugendfantasy breit, dem gute Fabelwesen scheinbar einfach entsprechen müssen, um überhaupt Interesse wecken zu können:

Mysteriös. Sexy. Böse?!

Wenn sie nicht am Rande der Handlung vor sich hin dümpeln wollen, müssen Fabelwesen zunächst einmal eines: gut aussehen. Packen wir noch ein bisschen geheimnisvolle Aura hinzu, ist der Vertrag für den neuen Fantasy-Protagonisten schon so gut wie unterschrieben. Ein Badboy-Image oder zumindest eine gefährliche Ausstrahlung sollten oftmals, gerade wenn die Hauptprotagonistin weiblich ist, auch nicht fehlen. Allein diese Punkte schränken die Auswahl bereits erheblich ein. Wen wundert es da noch, dass wir so häufig über Vampire, Werwölfe, Dämonen und Magier lesen? Also mich nicht mehr ...
Hinzu kommt ein weiterer Punkt für angehende Fabelwesen-Protagonisten, für die in irgendeiner Form eine Liebesgeschichte geplant oder auch nur im Rahmen des Möglichen ist: Das Fabelwesen muss von vornherein menschlich aussehen oder zumindest ein Wandler sein, der ab und zu menschlich aussieht. Meistens, habe ich das Gefühl, wird die geplante Liebesgeschichte nicht einmal gebraucht. Nichtmenschliche Protagonisten haben einfach ein menschliches Aussehen - und alle Probleme rund um evtl. nicht ganz so menschliches Benehmen, Auffallen in der (menschlichen) Öffentlichkeit und Identifikation mit der Figur für den Leser sind gelöst.
Fabelwesen, die nicht menschlich aussehen und die nicht diesem Typus entsprechen, haben es schwer. Zumindest als Protagonist, möchte man meinen. In der Realität sieht es allerdings oftmals so aus, dass es nicht menschlich aussehende Fabelwesen häufig selbst als Nebenfigur nur in kleine Rollen schaffen.

Vielleicht liegt es an den Wünschen und Vorlieben der Leser. Zugegeben, ich selbst lese bsp. auch lieber von Beziehungen zwischen zwei menschlich aussehenden Charakteren als von einer menschlich und einer nicht menschlich aussehenden Figur. Dennoch sind Liebesbeziehungen keine absolut notwendigen Bestandteile des Genres - es ginge also auch ohne! Und demzufolge mit nichtmenschlichen Fabelwesen in gewichtigeren Rollen.
Daneben erhoffe ich mir einfach, wenn ich schon Fantasy lese, wenigstens mal nicht menschlich aussehenden Figuren zu begegnen. (Und ich meine keine Glückstreffer mit Seltenheitswert.) Das wäre ein Anfang!

Vielleicht liegt all das auch daran, dass sich die Standardfantasywesen einfach bewehrt haben. Wozu Experimente wagen, wenn die bisherigen Wesen beim Publikum gut ankommen? Wenn sich die Bücher verkaufen und es keine großen Protestaufschreie nach dem Motto "Wir wollen was Neues!" gibt?

Vielleicht liegt es auch des Öfteren am fehlenden Wissen über weniger bekannte Fabelwesen.

Und vielleicht - das ist wohl das Wahrscheinlichste - liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte von allen drei Punkten.

Im Gespräch

Wie steht ihr zur Abwechlung in der Fantasy?
Seid ihr zufrieden mit dem Angebot an Fabelwesen, die sich aktuell in der Literatur tummeln oder wünscht ihr euch mal was Neues, das es noch nicht so häufig gibt?
Seid ihr eher "Team Mythologie" oder doch "Team Eigenkreation"?
Was haltet ihr von nicht menschlich aussehenden Fabelwesen, egal ob als Protagonist oder Nebenfigur?

9 Kommentare

  1. Hi Sarah,

    interessante Überlegungen :)
    Ich bin da eindeutig eher Marke Mythologie. Ich finde aber den Themenkomplex an sich spannend und hab daher Vorkenntnisse sowohl bei griechischer M. als auch bei römischer M. und auch ein bisschen nordische M.
    Daher kann ich dann doch spontan sagen, warum ich mit einem Wendigo lieber nicht in einem Raum sein möchte ;)

    Bei Eigenkreationen hab ich oft schlechte Erfahrungen gemacht. Im Sinne von "Nehme zwei Fabelwesen und baue sie zu was Neuem zusammen". Aber das ist eben streng genommen weder was eigenes noch was Ganzes, wenn du verstehst was ich meine!
    VG Jennifer

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    1. Hi Jenni,
      danke dir!
      Ein Wendigo ist tatsächlich kein sonderlich guter Mitbewohner ^^

      Das ist ja schade, dass dich Eigenkreationen nicht immer überzeugen konnten. Da merkt man mal wieder, wie schwierig es sein kann, Fabelwesen überzeugend rüberzubringen.
      Was du meinst, versteh ich absolut. Wobei wir dann ja den gesamten Begriff Eigenkreation in dem Bezug in Frage stellen können. Entweder sie sind an bereits existente Fabelwesen angelegt oder an existierende Tiere. So komplett eigene habe ich bisher noch fast gar nicht gefunden ;)

      Liebe Grüße
      Sarah

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  2. Hallo Sarah,

    ich persönlich finde die Mainstream-Fabelwesen mittlerweile ermüdend. Deshalb bin ich auch so begeistert von Nina Blazons und Lynn Ravens Büchern. Dort gibt es Eigenkreationen wie Lamia, Kereshtai, Tandraj, Echos, Feuernymphen, Regenbogenpferde, Nosferatu, etc. Natürlich lese ich auch mal Bücher über Vampire, Dämonen oder Engel, dafür muss der Plot dann umso überzeugender sein, damit ich mich nicht langweile. Gegen Wesen aus der griechischen, römischen oder nordischen Mythologie habe ich nichts auszusetzen, im Gegenteil. Es gibt noch hunderte Fabelwesen aus der Mythologie, die uns völlig unbekannt sind. Natürlich kann es dann, wie du oben ausführst, sein, dass diese "neuen" Wesen bei den Lesern nicht gut ankommen. Menschen sind Gewohnheitstiere, ein Vampirroman hat etwas Vertrautes, der Leser weiß ungefähr, was ihn bei der Lektüre erwartet. Ich jedenfalls bin von Eigenkreationen noch nicht enttäuscht worden, vor allem nicht, wenn sie aus der Feder von Nina Blazon und Lynn Raven stammen.

    Liebe Grüße
    Violetta

    http://wispertraeume.blogspot.de/

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    1. Hallo Violetta,
      danke dir für deinen Kommentar!
      Die Bücher werde ich mir mal merken. Ist ja mittlerweile wirklich ein Glücksgriff, wenn man mal neue/ andere Wesen entdeckt.

      Liebe Grüße
      Sarah

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  3. Hey, Sarah,

    bin gerade durch die Stöberrunde auf deinen Blog gestoßen und bleibe gerne als Leserin da! Dein Blog und deine Posts gefallen mir sehr gut, ich schaue ab jetzt öfter vorbei:)
    Vielleicht hast du ja Lust auf einen Gegenbesuch bei mir - ich würde mich sehr darüber freuen!

    LG und ein schönes WE,
    Claudia :)
    www.claudiasbuecherhoehle.blogspot.de

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    1. Hallo Claudia,
      super, das freut mich! Bei dir schau ich auf jeden Fall auch mal vorbei :)

      LG Sarah

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  4. Hey Sarah, ich finde es schade dass die meisten Urban Fantasy Bücher wirklich nur auf Vampire, Hexen und Werwölfe beschränkt sind. Ich denke aber auch dass der Grund dafür ist, dass diese (zumindest meistens) ein menschliches Aussehen haben und deshalb auch unauffällig in dieser Welt existieren können, was für das Genre ja schon wichtig ist. Außerdem würde sonst ja der "oh mein gott, du bist gar kein Mensch"-Moment zwischen den Charakteren wegfallen :D
    Ich muss aber sagen, dass ich das gar nicht schlecht fände. Abwechslung ist immer gut, aber ich denke es ist einfach schwieriger, nicht-menschliche Figuren als wirkliche Charaktere einzubauen und nicht nur als Wesen die am Rande eine Rolle spielen oder bekämpft werden sollen.
    Was mir sehr positiv aufgefallen ist, ist die "Flames n Roses" Reihe, in der alle möglichen Wesen vorkommen.

    Liebe Grüße!

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    1. Hey Jacquy,

      man könnte ja immer noch mit Zaubern o.ä. arbeiten, die nicht menschlich aussehende Fabelwesen zumindest für Menschen oder andere bestimmte Gruppen menschlich aussehen lassen ;-)
      Ich denke, Möglichkeiten, nicht menschlich aussehende Wesen einzubauen, gäbe es selbst in der Urban Fantasy einige. Aber ausgetretene Pfade laufen sich vermutlich meist einfach besser, wenn du verstehst, was ich meine.

      Die Reihe werd ich mir mal merken, kannte ich bisher noch nicht!

      Liebe Grüße
      Sarah

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    2. Ja, da hast du recht, daran habe ich gar nicht gedacht. Wenn Magie im Spiel ist, ist ja im Prinzip alles möglich.
      Aber stimmt, da wird dann gerne der Hype genutzt. Allein diese Vampirphase nach Twilight war krass, da hatte man natürlich direkt viel bessere Chancen, sein Vampirbuch zu verkaufen, als eins über Drachen oder sonst ein Wesen. Die Leute greifen eben doch oft lieber zu einer Geschichte die ähnlich ist wie eine, die ihnen bereits gefallen hat.

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