[Rezension] Traci Chee: Ein Meer aus Tinte und Gold

Sonntag, 2. Juli 2017 | Kommentieren
Quelle: Carlsen

480 Seiten | Hardcover | Carlsen | Deutsch

Original: The Reader: Sea of Ink and Gold
Übersetzer: Sylke Hachmeister

Reihe: Das Buch von Kelanna Bd. 1

Erschienen: 25. November 2016

ISBN: 978-3-551-58352-9
Preis: 17,99 €

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Klappentext

Seit dem Tod ihrer Eltern kämpft Sefia mit ihrer Tante Nin ums Überleben. Aber dann wird Nin entführt und die einzige Spur zu ihr ist ein Buch: ein scheinbar nutzloser Gegenstand in einem Land, in dem fast niemand um die Existenz des geschriebenen Wortes weiß. Doch kaum berührt Sefia das makellose Papier, spürt sie eine magische Verbundenheit und lernt die Zeichen zu deuten. Das führt sie auf eine gefährliche Reise - und an die Seite eines stummen Jungen, der selbst voller Geheimnisse steckt.

Meine Meinung

Wie ein Märchen aus Büchern und Magie

Dies ist ein Buch.
Der Satz scheint banal, doch in Kelanna ist er ein Novum, das Fragen aufwirft: Was ist ein Buch? 
Kelanna ist eine Welt voller gesprochener Geschichten. Heldentaten, historische Ereignisse, Abenteuer, Erfahrungen... alles wird von Generation zu Generation durch Geschichten weitergegeben. Eine Schriftkultur scheint nicht zu existieren. Nur eine kleine Gruppe ausgewählter Menschen kennt das geschriebene Wort und kann die Magie, die sich dahinter verbirgt, erkennen. Um das Geheimnis zu wahren, nehmen sie sogar den Tod von Menschen in Kauf.

"Ein Meer aus Tinte und Gold" erzählt vier Geschichten, die sich nach und nach miteinander verweben:
Die Hauptgeschichte ist die von Sefia, die früh ihre Eltern verlor und deren Tante Nin nun auch noch entführt wurde. Als letztes Überbleibsel ihrer Vergangenheit besitzt sie einen merkwürdigen Kasten voller Papier: Ein Buch. Während sie es allmählich zu lesen lernt, eröffnet sich ihr eine Welt voller goldener (und gefährlicher) Magie. Gemeinsam mit einem stummen Jungen macht Sefia sich schließlich auf, ihre Tante Nin zu finden.
Daneben finden sich Geschichten von Käpt'n Lees und seiner Mannschaft, die auf dem Meer allerhand Abenteuer erleben, und von zwei Personen aus dem Kreis der Eingeweihten.
Anfangs machten mir die unterschiedlichen Handlungsstränge und Charaktere ein wenig Probleme. Es fehlte der größere Zusammenhang zwischen ihnen und ein greifbares Bild von der Welt, um die Gedanken und Handlungen der Figuren richtig verstehen zu können. Nach den ersten Kapiteln, in denen ich die Welt besser kennenlernte, besserte sich das jedoch und die unterschiedlichen Perspektiven boten eine angenehme Abwechslung: Durch sie erlebte ich nicht nur verschiedene Handlungsorte und konnte mir ein besseres Bild von Kelanna machen, sondern konnte einzelne Situationen auch aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Daneben erzeugte der Wechsel zwischen den Perspektiven unterschwellig Spannung - entweder, weil Szenen mit einem Cliffhanger endeten, oder weil ich als Leserin zwischenzeitlich mehr wusste als einzelne Charaktere und dadurch bsp. noch vor den Charakteren ahnte, in welcher Gefahr sie schweben.
Die Spannung - auch wenn ich sie nicht als so mitreißend wie bei anderen Fantasybüchern empfand - war ein Grund, warum sich die Geschichte unglaublich schnell lesen ließ. Ein anderer ist die Sprache: Durch sie wirkt "Ein Meer aus Tinte und Gold" wie ein Traum oder ein Märchen. Die Sprache ist einfach und dennoch ausdrucksstark gehalten. Für mich hat sie perfekt die Magie der Worte, die in Kelanna so eine große Rolle spielt, transportiert.
Die Charaktere waren in sich logisch und abwechslungsreich gestaltet. Sehr angenehm fand ich die äußere Gestaltung der Figuren, denn obwohl das Buch zur Jugendfantasy gehört, sind Traci Chees Charaktere endlich einmal nicht alle wunderschön und perfekt.
Was ich dagegen mit der kleinen Liebelei zweier Protagonisten anfangen soll, weiß ich noch nicht so wirklich: Ihre Freundschaft fand ich glaubhaft und schön beschrieben. Die Annäherungen gegen Ende klangen für mich dann allerdings mehr wie "Das ist ein Jugendbuch, also muss(!) hier noch eine Liebesgeschichte rein. Irgendwie." Mal sehen, wie sich das in Band zwei entwickelt. Vielleicht stört es mich hier auch einfach nur, weil ich gehofft hatte, mal ein Jugend(fantasy)buch zu haben, das ohne (gekünstelte) Liebesgeschichte auskommt.

Schlussendlich noch ein Wort zur Gestaltung des Buches selbst und warum ich euch definitiv empfehlen würde, zum Hardcover zu greifen: Zunächst einmal sieht das Buch, das sich unter dem schicken goldenen Schutzumschlag versteckt, aus wie das von Sefia. Darüber hinaus sind die Seiten grafisch gestaltet: Mal findet sich ein schwarzer Fingerabdruck auf den Seiten, mal eine handschriftliche Notiz, geschwärzte Textstellen oder ein mysteriöses Symbol, dem im Laufe der Handlung eine größere Bedeutung zukommt. Einzelne Kapitel sind in anderen Schriftarten gestaltet und z.T. wirken die Seiten wie aus einem alten, fleckigen Buch. Und wer ganz genau hinschaut, entdeckt neben den Seitenzahlen ab und an ein Wort und kann so Seite für Seite und Wort für Wort eine kleine Botschaft entdecken.
Insgesamt hat die Gestaltung sehr gut zur Handlung und zur Sprache des Buches gepasst. Sie hat mich regelrecht noch einmal tiefer mit in die Geschichte genommen - und mir gleichzeitig ein klein wenig der Wortmagie aus Kelanna dagelassen.

Fazit: "Ein Meer aus Tinte und Gold" ist kein typisches Fantasybuch mit ausgekauten Motiven und schon x-mal gelesenen Handlungsmustern. Vielmehr wirkt es wie ein modernes Märchen über Bücher und die Magie zwischen den Zeilen: Ein fantastisches, wundervoll geschriebenes Buch mit kleinen Mankos, das Lust auf mehr macht.


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