[Rezension] Jan Kilman: Heldenflucht

Mittwoch, 21. Juni 2017 | 3 Kommentare
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Bildquelle: Bloggerportal
512 Seiten | Klappenbroschur | Heyne | Deutsch

Originalausgabe

Reihe: Einzelband

Erschienen: 13. März 2017

ISBN: 978-3-453-43837-8
Preis: 9,99 €

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Rezensionsexemplar

Ganz anders als erwartet

Deutschland 1918: Der Erste Weltkrieg ist vorbei. Während die Daheimgebliebenen im aufkommenden Winter um das tägliche Überleben kämpfen, kehren erste Soldaten von der Front zurück. Eines Tages findet ein Junge in einem Wald nahe dem Dorf Kirchbach in der Eifel eine Leiche. Kurz darauf ist sie verschwunden. Als wenig später ein stummer französischer Soldat in Kirchbach auftaucht, kocht die Stimmung hoch ...

Erst einmal vorweg: "Heldenflucht" ist ein klassisches Beispiel dafür, dass man dem Klappentext nicht immer trauen sollte. Teile der Handlung, die dort erwähnt werden, finden erst im letzten Viertel des Buches statt - und dann auch nicht so, wie dort angeteasert wird. Auch dem Cover sollte man nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken: Es sieht gut aus, hat aber weder mit der Handlung, noch dem Handlungsort etwas zu tun.
Die Geschichte selbst hat zunächst einmal wenig mit einem historischen Krimi zu tun. Ich gehöre zu den Klappentext-Lesern. Daher bin ich von vornherein mit einer gewissen Erwartung an das Buch herangegangen - und wurde nach dem Prolog enttäuscht. "Heldenfluch" ist eher ein historischer Roman. Um die Aufklärung eines Todesfalls geht es nur ab und an am Rande. Zentrum der Handlung ist etwas ganz anderes: Das Leben der Menschen. Wie gingen die Daheimgebliebenen mit der Situation um? Wie lebten die Menschen auf dem Land, als die Industrialisierung langsam Einzug in ihr Leben hielt? Welche Sorgen, Nöte und Ängste beherrschten das Leben? Und wie erging es den Kriegsrückkehrern, die zum Teil mit Problemen zu kämpfen hatten, von denen die Medizin bis dato noch nicht einmal etwas gewusst hatte?
Diese und weitere Fragen bestimmen die Geschichte, die aus der Sicht verschiedener Personen erzählt wird. Die Protagonistin ist Agnes Papen, die es zwar zur Kriegsberichterstatterin gebracht hat, nun aber arbeitslos ist, weil ihr als Frau nichts zugetraut wird. Neben ihr kommen eine ganze Reihe weiterer Figuren zu Wort, die an ihrem Schicksal teilhaben lassen und es mir ermöglichten, ein umfangreiches Bild von der Situation in Kirchbach zu entwickeln. Die meisten Figuren waren mir schnell sympathisch und ich habe gern ihre Geschichte verfolgt - trotz falscher Erwartungen.
Der erzählerische Teil wird einerseits ergänzt von Feldbriefen, die von der Situation an der Front berichten und in ihrer Art echter Feldpost nachempfunden sind. Sie haben mir manches Mal eine Gänsehaut beschert und den Blick für das Grauen des Krieges noch weiter geschärft. Andererseits gibt es zu jedem Tag, der erzählerisch behandelt wird, eine Übersicht wichtiger Ereignisse im Nachkriegsdeutschland. Sie ermöglichten zwar eine interessante historische Einordnung, hatten aber, im Vergleich zu den Briefen, nichts mit der Handlung zu tun. Dadurch wirkten sie auf mich wie nettes, aber überflüssiges Beiwerk.
Ansätze eines Krimis, wie ich ihn erwartet hatte, habe ich schlussendlich im letzten Viertel gefunden. Während die Geschichte zuvor interessant aber meist eher ruhig verlief, zog hier die Spannung deutlich an. Auf wenigen Seiten passierte - gefühlt - mehr als im ganzen bisherigen Buch. Tatsächlich konnte ich dann auch verstehen, was mit der Gewaltspirale im Klappentext gemeint war, auch wenn sie so plötzlich da war, dass sie mir zu gekünstelt erschien. Mehr Andeutungen im Vorfeld oder eine langsamere Steigerung der Dramatik hin zum Finale hätten mir besser gefallen.

Fazit: Krimi gesucht - Nachkriegsroman gefunden. Wer sich einmal vom Klappentext verabschiedet (oder ihn gar nicht erst gelesen) hat, findet in "Heldenflucht" eine spannende, menschennahe Geschichte aus einer Zeit, die im Allgemeinen wenig thematisiert wird. Dennoch mangelte es mir zum einen an der Umsetzung. Zum anderen fand ich das Ende nicht ganz gelungen.

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Klappentext

Der Krieg ist vorbei - Ein Mörder erwacht

1918 – Deutschland nach dem großen Krieg … Das Land wird von Hungersnöten geplagt, die Daheimgebliebenen warten sehnsüchtig auf die Kriegsrückkehrer. In dieser düsteren Zeit begibt sich die Kriegsberichterstatterin Agnes Papen in die Eifel, in ihr Heimatdorf, das von den Wunden des Krieges heimgesucht wird, wie sich bald zeigt. Als die Bewohner einen stummen französischen Soldaten stellen, kommt eine Spirale der Gewalt in Gang. Menschen verschwinden spurlos, und in den Wäldern wird eine Leiche gefunden. Agnes beschließt, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen ...

3 Kommentare

  1. Schade um das Buch :(
    Gut, dass mich mein innerer Instinkt gewarnt hat und ich erst einige Kritiken dazu abwarten wollte. Da hat wohl jmd versucht auf den Zug der 1./2.Weltkriegs-Krimi-Phase aufzuspringen und nicht geschafft.

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  2. Wirklich!
    Wobei ich das Gefühl hatte, dass der Klappentext (und das Cover) einiges kaputt gemacht haben. Dadurch wurden Erwartungen an das Buch geweckt, die einfach nicht erfüllt wurden. Das Buch an sich - Klappentext mal beiseite - fand ich über weite Strecken recht gut. Mit einem passenderen Klappentext hätte es mir sicher auch noch besser gefallen.

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    1. Da sieht man mal, wie viele einen Cover und Klappentext - unbewusst - beeinflussen :D

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Vielen Dank für eure Kommentare!