[Rezension] Sarah Pinborough: Sie weiß von dir

Sonntag, 12. Februar 2017 | Kommentieren
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Bildquelle: Rowohlt
448 Seiten | Taschenbuch | Rowohlt Taschenbuch Verlag | Deutsch

Original: Behind Her Eyes
Übersetzer: Ulrike Thiesmeyer

Reihe:: Einzelband

Erschienen:: 20. Januar 2017

ISBN: 978-3-499-27265-3
Preis: 9,99 €

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Rezensionsexemplar

Akzeptable Charaktere - Langatmige Handlung - Realitätsfernes Ende

"Dieses Ende dürfen Sie niemandem verraten." So wird Sie weiß von dir im Rückentext und auf diversen Kanälen beworben. Darin schwingt ein Ton mit, der jeden Thrillerfan neugierig machen dürfte. In Verbindung mit dem angedeuteten Beziehungswirrwarr und einer mysteriösen Intrige war der Grundton für dieses Buch gefunden - und mein Interesse geweckt.
Die Ernüchterung stellte sich dann leider ziemlich schnell ein: Das Buch ist über weite Strecken eine einzige Länge ohne ernstzunehmende Spannung. Statt eines Thrillers hielt ich vor allem in den ersten zwei Dritteln eher eine Charakter- und Beziehungsstudie in den Händen, in der lang und breit die Protagonisten und die Beziehungen zwischen ihnen entwickelt wurden.
Erzählt wird die Handlung abwechselnd aus zwei Perspektiven: von Louise und Adele.
Louise - die im Klappentext fälschlicherweise Louisa heißt - ist eine alleinerziehende Mutter und Sekretärin in einer Gemeinschaftspraxis. Sie ist ein herzensguter Mensch, allerdings leider auch ziemlich einfältig. Wann immer ich für einen Augenblick dachte "Jetzt fängt sie mal an nachzudenken!", fiel sie wieder zurück in die Rolle des kleinen Dummchens. Im Rahmen dieser Rolle waren ihre Gedanken und Handlungen durchaus glaubwürdig - aber auch ziemlich vorhersehbar.
Adele, Davids Frau, war für mich lange ein großes Fragezeichen. Einerseits perfekt in der Opferrolle, andererseits mit psychotischen Anwandlungen, Wissen, das sie nicht haben dürfte, und Gedanken, die lange Zeit keinen wirklichen Sinn machen.
Der dritte Protagonist, David, ist über weite Strecken mehr Spielball als eigenständig handelnde Person. Dadurch werden unterschiedliche Bilder von seinem Charakter geschaffen, die sich erst im letzten Teil des Buches zu einem Bild zusammenfügen lassen.
Die Charaktere an sich werden gut beleuchtet. Auch wenn man ihre Intelligenz und Glaubwürdigkeit mitunter in Frage stellen kann, sind sie akzeptable Träger der Geschichte und gehen in den Rollen, die ihnen zugewiesen wurden, voll auf. Abweichungen von diesen Rollen, die als Selbstständigkeit oder Tiefe gewertet werden könnten, gibt es leider nicht.
Die Beziehungen untereinander werden glaubwürdig entwickelt, auch wenn diese Entwicklung vermutlich die Hauptursache für die spannungslosen Längen des Buches ist. Das Beziehungsdreieck erinnert mehr an Jugend- als an Erwachsenenliteratur und wird so lang und breit - und in fast immer gleicher Weise - ausdiskutiert, das es schon wieder unnötig konstruiert wirkt.
Auch sprachlich lässt sich dieser "Thriller" eher der Jugendliteratur zuordnen. Die Sprache ist einfach und spätestens Formulierungen wie das gemeinsame "in die Heia" gehen an Stelle von "Sex haben" lassen nur noch müde mit dem Kopf schütteln.
Apropos Thriller - da war ja noch was ... So etwas wie Spannung kommt erst im letzten Drittel des Buches auf, wenn sich die ganzen aufgespannten Fäden allmählich zusammenziehen. Dabei ist lange nicht klar, wohin das alles eigentlich führen soll, denn eine Lösung scheint irgendwann, zumindest in diesem Genre, nicht mehr möglich. Die Auflösung ist dann - nun ja, gewöhnungsbedürftig - sofern man sich gedanklich noch nicht in die Bereiche Mystery oder Phantastik verabschiedet hat. Wer einen realitätsnahen Thriller erwartet, wird mit dem Ende zumindest schwer enttäuscht sein.

Fazit: Dieses Ende dürfen Sie niemandem verraten - denn es wird niemand, der einen echten Thriller erwartet, glauben. Was dem Klappentext zufolge ein spannender Thriller hätte werden können, driftet immer weiter in realitätsfernere Genre ab und macht vor allem sprachlich deutlich, dass die Autorin eigentlich im Jugendbuchbereich beheimatet ist. Enttäuschend.

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Vielen Dank an Rowohlt für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares.

Klappentext

Dieses Ende dürfen Sie niemandem verraten.

Beinahe wäre Louisa mit dem netten Mann aus dem Pub im Bett gelandet. Ein paar Tage später dann der Schock: David ist ihr neuer Chef. Und verheiratet.
Kurz darauf lernt Louisa auf der Straße durch Zufall eine Frau kennen. Seine Frau. Bald sind die beiden Freundinnen. Keine gute Idee.
Adele ist sehr schön, und wirkt sehr verletzlich. Nach und nach verrät sie Louisa Eerschreckendes über ihre Ehe. Und Louisa spürt: Sie hat sich in eine heikle Lage gebracht. Was sie nicht weiß: Die Begegnung mit Adele war kein Zufall. Adele hat einen Plan. Doch es ist keine Intrige aus Eifersucht. Es ist viel, viel schlimmer.

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