Die Traumfabrik - Teil 3

Montag, 26. Dezember 2016 | Kommentieren
Schon wieder der zweite Weihnachtsfeiertag... Wie war es noch gleich mit der rasenden Zeit?! Damit sind wir auch beim dritten und letzten Teil meiner kleinen Erzählung. Ich hoffe, ihr hattet Freude damit und wünsche euch jetzt noch schöne Rest-Weihnachten :-)


Sie bleibt zurück, verwirrter als zuvor, doch noch immer nicht beunruhigt. Ein schwacher Gedanke an Drogen löst sich aus dem Fragenknäul in ihrem Kopf, doch er verschwindet ebenso schnell, wie er aufgetaucht ist. Die Entspannung bleibt.
Als ein Jogger an ihr vorbeiläuft, löst sie sich aus ihrer Starre und schlendert den Weg entlang. Der Wind weht durch die Büsche und Bäume am Wegesrand. Die Zweige scheinen ihr zuzuwinken; das Rauschen der Blätter wirkt wie eine zart klingende Melodie.
Zwei Kinder - gänzlich weiß wie der Schnee, den sie sich für Weihnachten erhofft - rennen über die Wiese, tollen herum, lachen ein lautloses Lachen, das sie dennoch in ihren Gedanken hören kann. Ein drittes gesellt sich hinzu, schwebend, in einem langen weißen Gewand. Als sie sich auf kleinen weißen Flügeln gemeinsam tanzend in die Lüfte erheben, sich umkreisen, spielend wieder zu Boden gleiten, spürt sie ein Lächeln auf ihren Lippen.
Sie lässt die drei hinter sich. Zwischen Blumenbeeten erscheinen Pferde aus dem Nichts - Einhörner, erkennt sie auf den den zweiten Blick. Sie bäumen sich auf, wiehern, galoppieren durch die Blumen, ohne Spuren zu hinterlassen. Eines hält nur wenige Schritte vor ihr inne. Es senkt den Kopf - ihre Blicke treffen sich. Die Weisheit in den dunklen Augen überrascht sie und raubt ihr einen Augenblick den Atem.
'Die Ewigkeit lockt, lass dich nicht trügen', erklingt eine sanfte Stimme in ihren Gedanken. 'Das Leben ist endlich. Verschenke es nicht im sinnlosen Streben nach Unendlichkeit.' 
Es wiehert - dieses Mal auch für ihre Ohren zu hören - und galoppiert davon in das Nichts, aus dem es gekommen ist. Seine stummen Worte klingen noch eine Weile in ihr nach, während sie schon längst die Blumenbeete hinter sich gelassen hat. Hinter einigen Bäumen taucht ein kleiner Spielplatz auf, auf dem Kinder spielen. Ihr Lachen, ihre freudigen Schreie trägt der Wind zu ihr herüber.
Sie bleibt stehen. Betrachtet die Szene, ohne einen ihrer Gedanken wirklich fassen zu können - ohne es zu wollen. Sie sieht nicht nur die spielenden, herumtollenden Kinder. Sie sieht ein Leben für den Moment, für die Freude, das Glück. Für das Jetzt.
Als würde die Entspannung noch ein wenig tiefer in sie einsinken, spürt sie eine neuerliche Ruhe, die sich gleichzeitig von Herz und Kopf bis in die Fingerspitzen und Zehen ausbreitet. Ihr Atem fließt gleichmäßig. Ihr Herz pulsiert gleichmäßig. Das Lächeln will nicht mehr aus ihrem Gesicht weichen. Es fühlt sich gut an.
Eine leise Melodie lässt sie aufhorchen. Es ist nicht das Rauschen der Bäume. Sie sieht sich um, während die Musik langsam lauter wird, blinzelt-
Und starrt an die Decke ihres Zimmers. Sie richtet sich auf und deaktiviert den Wecker auf ihrem Handy.
Alles nur ein Traum?
Ihre Winterjacke hängt über dem Schreibtischstuhl - nicht im Flur an der Garderobe -, ihre Stiefel stehen daneben. Auf dem Schreibtisch sieht sie den Brief ihres Großonkels liegen. Die Büroklammer, mit der der Gutschein an den Brief geheftet war, liegt noch immer nutzlos daneben.
Sie steht auf und zieht sich an. In der Küche kocht ihre Mutter bereits das Mittagessen. Sie schaut auf, als sie eintritt. "Ich hab dich gestern gar nicht mehr gesehen. Wie war es in der Traumfabrik?"
Sie hält inne. Ist sie tatsächlich dort gewesen? Ohne zu wissen, wie sie von dort zurück nach Hause kam? War sie in der Lagerhalle und später im Park? Hat sie gesehen, was sie gesehen zu haben glaubt? Nein, alles kann sicher nicht wahr gewesen sein ... Nur was war tatsächlich real?
Die stummen Worte des Einhorns kommen ihr wieder in den Sinn. Ob wahr oder nicht - natürlich nicht! ... Leben im Jetzt. Für das Jetzt. Nicht für morgen, für die Zukunft, die Ewigkeit. Nur für den Moment. 
Ist es tatsächlich von Bedeutung, was nun wahr ist und was nicht? Wie viel von der Traumfabrik und ihren Erlebnissen tatsächlich wirklich passiert ist - und wie viel bloß im Traum? Vielleicht sind die Worte des Einhorns nur Worte, die sie irgendwo im Internet gelesen hat. Vielleicht hat ihre Fantasie ihr nur einen Streich gespielt, als sie die Engelsfiguren im Park lebendig werden und eine Amsel lachen ließ wie einen Menschen. Vielleicht hat sie selbst ihren Besuch in der Traumfabrik nur geträumt.
Und doch muss etwas davon wahr sein, immerhin weiß ihre Mutter ebenfalls von dem Ort. Immerhin liegt der Brief als Beweis noch immer in ihrem Zimmer. Sie ist sich sicher, auch ihre Suchverläufe - wie bereits im Park - erneut af ihrem Handy finden zu können. Es kann also nicht vollends ersponnen sein.
Sie löst sich aus der sinnlosen Grübelei. Will sich nicht länger den Kopf über etwas zerbrechen, das sie vielleicht niemals vollständig klären kann. Nicht will. Wozu sich mit der Vergangenheit belasten, solange sie daraus gelernt hat? 
Sie lächelt ihre Mutter an. "Besonders", antwortet sie mit etwas Verzögerung auf die Frage. "Wie ein Traum."

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Vielen Dank für jedes Kommentar.