Die Traumfabrik - Teil 2

Sonntag, 25. Dezember 2016 | Kommentieren

Das Lächeln der Frau wird noch eine Spur breiter. "Sehr gern. Dann also das Sternenstaub-Zimmer." Sie kritzelt etwas auf den Gutschein und schiebt ihn in eines der Ablagefächer. "Kommen Sie." Sie winkt sie hinter sich her und geht voraus in die Dunkelheit. 
Tief durchatmend folgt sie ihr. Sobald sie den Lichtkreis verlassen haben, klickt eine andere Lampe und erhellt ein Stück Weg, während das Licht hinter ihnen erlischt. Bewegungssensoren, vermutet sie. Die Lichtkreise sind zu klein, um wirklich etwas von der Halle zu sehen. Ab und an glaubt sie, dunkle Vorhänge ausmachen zu können, aber sicher ist sie sich nicht. Halten sich hier noch weitere Personen auf? Sie lauscht in die Dunkelheit, doch sie kann nur das Tap-Tap-Tap ihrer eigenen Schritte und die klackernden Absätze der Rothaarigen hören. Sie sind erst wenige Schritte gegangen, doch sie kann bereits nicht mehr abschätzen, in welcher Richtung der Ausgang ist. Es weckt seltsamerweise kein Unbehagen in ihr.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die sie stumm durch die dunkle Halle gelaufen sind, bleibt die Frau stehen. Vor ihnen, knapp über ihren Köpfen, klickt eine weitere Lampe und beleuchtet eine unscheinbare Holztür, an die mit bunt glitzernder Farbe "Sternenstaub-Zimmer" geschrieben wurde.
"Da wären wir." Die Rothaarige dreht sich noch immer lächelnd zu ihr herum. "Ich muss Sie bitten, alle technischen Geräte, die Sie bei sich tragen, abzuschalten. Es ist unbedingt notwendig, dass Sie durch nichts gestört werden."
Sie zögert einen winzigen Moment, ehe sie ihr Handy aus der Jackentasche zieht und es - nach einem weiteren Zögern - abschaltet. Es surrt noch einmal kurz, dann erlischt der Bildschirm und sie schiebt es zurück in die Tasche.
Die Frau nickt zufrieden, wendet sich wieder ab und öffnet die Tür. Dahinter ist es - dunkel. Sie blinzelt einmal, zweimal, dann ist sie sich sicher, dass es nicht die gleiche pechschwarze Dunkelheit wie im Rest der Halle ist. Sie glitzert. Als die Frau vor ihr das Zimmer betritt und erneut eine Lampe anspringt, versteht sie warum. Die Wände sind voller schillerndem Glitzerpuder. Gold und Silber, Rot und Dunkelblau, Violett und Schwarz. Fasziniert tritt sie ebenfalls in den kleinen Raum. Selbst die Zimmerdecke ist damit überzogen - und durchsetzt von den kleinen, Sterne imitierenden Lichtern, die sie bereits in der weitläufigen Halle gesehen hat. Ihre Schritte sind auf dem dunklen Teppich beinahe nicht zu hören, als sie sich einmal um sich selbst dreht und den Raum ganz begutachtet. Zum ersten Mal, seit sie die Halle betreten hat, kann sie alle vier Wände des Raumes sehen. Er ist leer, bis auf ein Bett aus kunstvoll gedrehten und verwobenen schwarzen Stäben, auf denen die helle Matratze zu schweben scheint.
"Legen Sie sich einfach hin und und lassen Sie die Eindrücke auf sich wirken. Ich hole Sie später wieder ab." Hinter der Frau schließt sich die Tür mit einem leisen Klick.
Sie lauscht einen Moment angespannt auf einen Schlüssel, der sich im Schloss dreht, doch nichts dergleichen geschieht. Seufzend lässt sie sich auf die Matratze sinken - versinkt regelrecht, so weich ist sie. Sie lässt ihre Hand über den weichen dunkelblauen Stoff der Decke wandern, die gefaltet am Fußende liegt. Was soll sie nur eine Stunde hier machen?
Ihr Blick gleitet hinauf zu dem künstlichen Sternenhimmel. Nach einem Moment, den sie gedankenlos hinaufgestarrt hat, legt sie sich hin und starrt weiter nach oben. 
Das Licht im Zimmer erlischt - und in dem Augenblick beginnt die Musik. Sanfte Klänge, die von überall und nirgends zu kommen scheinen und sich mit dem Glitzern an den Wänden und dem Blitzen der Stern-Lichter mischen. Sie hüllen sie ein, wiegen sie hin und her ... 
Sie blinzelt, plötzlich schläfrig. Hätte sie nicht wenigstens Schuhe und Jacke ausziehen sollen? Über ihr blinken die Sterne. Sie gähnt. Blinzelt gegen die aufkommende Müdigkeit an - 
Und steht plötzlich hellwach mitten im Park. 
Verdutzt reibt sie sich die Augen. Nichts glitzert mehr. Über ihr färben schwere Wolken den Himmel grau. Kalter Winterwind lässt sie frösteln. 
Hat sie nur geträumt? 
Sie sucht in ihren Taschen nach dem Gutschein, bis ihr einfällt, dass die Rothaarige ihn genommen hat. Oder, wenn alles nur ein Traum war ... hatte sie nie einen Gutschein? Sie zieht ihr Handy aus der Tasche, um im Browserverlauf nach ihren Suchen nach der "Traumfabrik" zu schauen. Es ist augeschaltet - natürlich, immerhin hat sie es selbst in der "Traumfabrik" abgeschaltet! - und braucht einen Moment, ehe sie den Browser öffnen kann. Sie braucht nicht weit zu scrollen, schon findet sie die Sucheinträge von gestern. 
Kein Traum. Oder?
Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass sie vor einer knappen halben Stunde vor der Lagerhalle stand. Sollte sie dort nicht eine Stunde bleiben? Warum erinnert sie sich nicht daran, gegangen zu sein? Warum ist ihr, als sei sie eben erst im Park aufgewacht? Und warum fühlt sie sich noch immer vollkommen entspannt, statt angesichts der fehlenden Erinnerung beunruhigt zu sein?
Ein lauthals lachender Vogel rauscht an ihr vorbei. Sie schaut der Amsel hinterher und- 
Lachend?! 
Das Geräusch hallt noch immer in ihren Ohren nach. Sie blickt sich um; sucht vergeblich nach lachenden Kindern. Die Amsel ist einige Meter vor ihr auf einem Ast gelandet. Als sie sie anschaut, spreizt sie einen Flügel ab und schlingt ihn um den Körper. Ihr Kopf senkt sich in einer leichten Verbeugung, dann öffnet sie den Schnabel. Das anfängliche Kichern, das absolut falsch aus dem Amselschnabel klingt, wird zu einem weiteren lauten Lachen, während sie sich hinauf in die Lüfte schwingt. Zwei Sperlinge gesellen sich zu ihr, umkreisen sie verspielt. Gemeinsam fliegen sie davon.

Teil 3 »

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