[Rezension] André Mumot: Muttertag

Montag, 24. Oktober 2016 | Kommentieren
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Bildquelle: Eichborn
493 Seiten | Hardcover mit Schutzumschlag | Eichborn | Deutsch

Originalausgabe

Reihe: Einzelband

Erschienen: 14.10.2016

ISBN: 978-3-8479-0610-0
Preis: 22,- €

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Meine Meinung

Den Thriller, von "to thrill" - "begeistern, erregen, fesseln", charakterisiert eine ausgeprägte Spannung, meist in Form mehrerer Spannungskurven, und häufig ein Blick in moralische, seelische oder physische Abgründe.
André Mumots Debütroman "Muttertag" scheint im ersten Moment alles andere als ein Thriller zu sein. In der beschaulichen Kleinstadt Kronstedt werden die Hauptfiguren, darunter der Jugendliche Philip und der Pensionär Richard Korff, vorgestellt. Ruhig, einträchtig, keine Spannung. Die setzt jedoch ab etwa Seite 60 erst langsam an und nimmt dann sprunghaft immer weiter zu. Psychische Störungen, grauenhafte physische Krankheiten, blutige Rituale und ein Geheimnis, das Jahrzehnte in die Vergangenheit reicht - eine Mischung, die mir mehrfach eine gehörige Gänsehaut bescherte.
Dachte man nüchtern darüber nach, wozu selbst die Menschen fähig waren, die man rein äußerlich für völlig normal hielt, wie sie sich dumpf zusammenrotteten, wie sie bereit waren, auf jeden einzuprügeln, der anders war als sie selbst, war all das hier keine Überraschung.
(Seite 373)
Dabei gab mir André Mumots spezieller, anfangs gewöhnungsbedürftiger Schreibstil regelmäßig das Gefühl, mal von außen beobachtet zu werden, mal die Geschichte nachträglich erzählt zu bekommen und dann plötzlich wieder mitten drin im Geschehen zu stehen. Kaleidoskopartig verschwimmen innerhalb der einzelnen Kapitel die Perspektiven diverser Charaktere miteinander. Ein scheinbar allwissender Erzähler wird von einem personalen Erzähler abgelöst. An einigen Stellen fließen Gegenwart und Vergangenheit ineinander. Mitunter gibt es sogar alles und gleichzeitig nichts sagende Blicke in die erzählerische Zukunft.
Die einzelnen Figuren waren beinahe durchweg schlüssig dargestellt. Lediglich Korffs Redebedürfnis zum Ende hin verwirrte mich etwas. Ansonsten kreiert André Mumot starke Charaktere mit einprägsamen, klaren Persönlichkeiten. Mitunter waren es mir allerdings zu viele Charaktere, um den Überblick immer zu behalten. Da half auch das ausschnitthafte, wenig erklärte Personenverzeichnis am Ende nicht viel.
Insgesamt ergeben Schreibstil, Charaktere und Handlung zusammen ein stimmiges Bild. Eine ereignisreiche, spannende Geschichte voller Wendungen, bei der ich bis zum Ende nicht genau wusste, wie sich jedes einzelne Detail ins Gesamtbild fügt.
Ohne spoilern zu wollen: Gewissermaßen kann man am Ende von einem guten Ende sprechen, ein echtes Happy End sucht man dennoch vergeblich. Mir blieben etwas zu viele Fragen offen.

Fazit

"Muttertag" entführt in menschliche Abgründe und staatliche Geheimniskrämerei und verliert dabei in keinem Moment die Spannung. Ein packendes Debütwerk mit charakterstarken Figuren, einer tragfähigen, jedoch mitunter verwirrenden Handlung und einem prägenden Erzählstil. Dabei ist dieses Buch kein reiner Thriller, sondern eint dieses Genre mit Stilmitteln aus den Bereichen Horror und Mystery.
Insgesamt ein gelungenes Debüt, das lediglich kleine Abstriche hinnehmen muss.

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Klappentext

Du fürchtest, du bist mutterseelenallein?
Du wirst es dir bald wünschen.


Eine verfallene Villa, ein traumatisiertes Dorf und vertuschte Experimente. Menschen, die sich vor dem Tag verstecken, und eine einsame Kapelle, in der Gläubige ein Mädchen ohne Gedächtnis anbeten. Lange hat sie sich verborgen, doch nun kehrt eine skrupellose Sekte zurück, um ihre blutigen Pläne in die Tat umzusetzen. Ausgerechnet der vermeintlich harmlose Pensionär Richard Korff gerät dabei ins Fadenkreuz, und bald verfängt sich auch der Rest seiner Familie im tödlichen Spiel einer Mutter, die keine Gnade kennt.

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