[52/52-Challenge] Wandel

Montag, 1. Juni 2015 | Kommentieren
Stichwort: Vergangenheit
Wörter: 1146


Wandel

Ich liege auf der Wiese im Park - kurzes saftig grünes Gras mit vereinzelten Gänseblümchen. Über mir scheint die Sonne vom blauen Himmel mit den kleinen Schäfchenwolken. Es ist angenehm warm, eine leichte Brise weht - später Frühling. Meine Schultasche steht neben mir. Eigentlich sollte ich bereits mit den Hausausfgaben begonnen haben, aber im Moment will ich einfach nur in der Sonne entspannen und vor mich hin träumen. Vögel zwitschern, ab und an bellt ein Hund. Unter den Schuhen von Joggern und Spaziergängern knirschen die Steinchen auf dem Gehweh.
Ich stütze mich auf meine Ellenbogen und sehe mich um. Neben mir ragen ein paar Ahornbäume auf, deren Schatten mich nicht berührt. Ein kleiner Hund schnüffelt an mir vorbei und rennt mit seinem Ball zurück zu seinem Besitzer. Entfernt, auf der Wiese mit dem aufgemalten Fußballfeld, spielen Kinder.
Es ist friedlich und nahezu traumhaft schön. Der Park ist mein absoluter Lieblingsort, egal zu welcher Jahreszeit.
Mit einem Mal ist dieser Gedanke wieder da.
Ich hatte ihn abgeschüttelt, wenigstens für ein paar Minuten. Nun drängt er sich wieder in mein Bewusstsein und schreit laut: "Illusion! Illusion!"
Seufzend setze ich mich auf und krame mein Geschichtsbuch aus der Tasche. Mr. Withburry, mein Geschichts- und Sozialkundelehrer, war seit langem der erste, der mit uns in der Schule über technische und gesellschaftliche Veränderungen der vegangenen Jahrhunderte gesprochen hat. Für die meisten hat dieses Thema keine Relevanz, aber ich finde es ungeheuer spannend. Ich klappe das Buch auf - die Seite, die mich so aufgeregt hat, habe ich mit einem Post-it markiert. Sie zeigt nur ein paar farbige Bilder - von einem Wald mit einigen toten Bäumen, von einer Meeresbucht, in der Müll angespült wurde, von einer rauchenden Fabrik. Eigentlich könnten sie vollkommen unbedeutend sein, wenn es diese Details nicht gebe. Einen toten Baum glaube ich zuletzt irgendwann in meiner frühen Kindheit gesehen zu haben. Dass Müll im Meer schwimmen könnte, hätte ich mir niemals erträumen lassen. Und diese dreckigen Fabriken gibt es nur weit entfernt von den Städten. Die Luft wird so stark gereinigt, dass kein noch so kleines bisschen aus den Schornsteinen bis in die Städte schweben kann.
Diese Bilder sind, den Beschriftungen nach, alle vor etwa einhundertfünfzig Jahren entstanden. Dreißig Jahre, bevor es unter gemeinsamer Anstrengung der Europäer und Amerikaner zu einer weltumspannenden Revolution kam. Seitdem gibt es nur noch Städte mit mehreren hunderttausend Einwohnern, die immer in perfektem Zustand gehalten werden. Selbst das Wetter wird beeinflusst - über den Städten spannen sich riesige transparente Kuppeln mit Sensoren. Die genaue Funktionsweise erschließt sich vermutlich nur den Meteorologen und Ingenieuren dieser Kuppeln, doch im Chemieunterricht erzählte man uns, dass die Kuppeln winzige Impulse abgeben, die das Wetter verändern. Einen richtigen Sturm oder ein Gewitter kenne ich nur aus Büchern und Filmen, ebenso große Kälte oder Hitze. Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist es schon fast gruselig...
Entfernt von den richtigen Städten gibt es das, was wir Fabrikstädte nennen. Dort leben andere Menschen - Arbeiter. In den Fabrikstädten wird produziert, was auf der ganzen Welt von den Menschen in den Städten gebraucht wird. Einer Studie zufolge gibt es die meisten Fabrikstädte in Asien, Afrika und Südamerika, aber auch auf den anderen Kontinenten finden sie sich vereinzelt.
Ich streiche mit den Fingern über die Bilder und versuche mir vorzustellen, wie die Menschen in dieser gar nicht so fernen Vergangenheit lebten. Wie es war, Fabriken neben Wohnhäusern zu haben und nicht in dieser perfekten Welt zu leben, die ich kenne. Es gelingt mir nicht. Trotzdem bin ich neugierig. Ich blättere durch das Buch, auf der Suche nach weiteren Bildern. Im Internet habe ich bereits gesucht, aber keine gefunden, was wiederum wirklich komisch ist. Im Internet findet man alles - und ich meine wirklich alles. Nur keine alten Fotos. Ich finde die, die auch in meinem Buch abgedruckt sind - zumindest zwei davon - weiter nichts. Stattdessen suche ich nun nach Fotos von Fabrikstädten, doch wieder werde ich nur mit ein paar Karten aus diversen Studien belohnt, nicht mit Fotos.
Seufzend stecke ich das Buch zurück in meine Tasche und schalte das Internet meines Smartbrace aus - einem Armband, das mir so ziemlich alles ermöglicht: Telefonie, Mails schreiben, Internet, Bezahlen - alles, was man in einem modernen Leben brauchen könnte. Ich besitze nicht einmal einen Ausweis. Meine Daten sind alle auf dem schmalen weißen Armband gespeichert, über dem nun das Hologramm mit dem Suchbildschirm verschwindet.
Ich schultere meinen Rucksack und stehe auf. Warum finde ich eigentlich keine Bilder von damals? Warum gibt es nur diese wenigen gemalten Bilder, die wir uns anschauen können, und die paar Fotos aus den Anfängen der Fotografie? Warum dürfen wir uns nicht alles ansehen?
"Hey Maya!" Ich schaue auf und entdecke Tracy, meine beste Freundin seit wir gemeinsam in der Unterstufe waren. Ich winke ihr zu. "Kommst du mit zu Don? Wir wollen zusammen Hausaufgaben machen und später kochen. Sein Vater hat von seiner letzten Reise so einen riesigen Ofen aus Stein mirgebracht, in dem man richtig Feuer machen und darüber Essen grillen kann!", berichtet sie mir begeistert.
Ich lächle. "Super, gern! Wo war er, dass er so ein Teil bekommen hat?"
Sie zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung. Konnte Don mir auch nicht sagen. Er meinte bloß, dass sein Vater irgendwelche Regierungsgeschäfte außer Landes zu erledigen hatte, über die er nicht sprechen darf. Aber ist doch auch egal. Stell dir vor, wir grillen heute fast über offenem Feuer!"
Nun grinse ich ebenfalls. Wo sie Recht hat... Gekocht wird bei uns normalerweise nur auf einem Metallgitter, das durch elektrische Leitung erhitzt wird. "Feuer ist was für die Unterschicht", hat mein Vater mir einmal gesagt. Die Unterschicht sind die Arbeiter in den Fabrikstädten. Für Städter sind Feuer - angeblich - zu gefährlich, deswegen gibt es nur die sichere Variante mit elektrischer Hitze.
Die Faszination für Feuer hat mich dennoch nie ganz verlassen. Ich hake mich bei Tracy unter und wir gehen zusammen mit durch den Park zu Dons Haus. Zum Grillen! So wirklich glauben kann ich es noch nicht...

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