[52/52-Challenge] Virus

Samstag, 6. Juni 2015 | Kommentieren
Stichwort: Katze
Wörter: 906

Virus

"Was können Sie mir sagen, Professor?"
Der Mann im weißen Kittel richtete sich hinter seinem Schreibtisch auf und musterte mich durch seine kleine Brille. "Ah, Mr. Sawyer, richtig... Nun, es handelt sich definitiv um einen Virus. Wir konnten allerdings noch nicht herausfinden, was die exakten Folgen einer Infektion sind." Er erhob sich. "Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen."
Er trat an mir vorbei, führte mich aus seinem Büro heraus und zu den Laboren. Zwei Assistenten waren gerade dabei, Proben zu präparieren und sie unter elektronischen Mikroskopen zu untersuchen. Der modernen Laboreinrichtung widmete ich nur einen kurzen Blick. Ich war oft genug hiergewesen, um sie nahezu auswendig zu kennen, obwohl ich niemals hier gearbeitet hatte.
Wir blieben vor einer Reihe Bildschirmen stehen, auf denen gerade die Ergebnisse diverser Analysen eingeblendet wurden. Der Professor gab einige Befehle über die Tastatur ein, dann öffnete sich die Live-Übertragung mehrerer Überwachungskameras in den einzelnen Zimmern der Isolationsstation. Zwei Zimmer waren leer, in den anderen fünf war jeweils ein Patient untergebracht."Was ist mit Nummer sechs?" Gestern waren es noch sechs Infizierte gewesen, sofern die Zahlen stimmten, die mir der Professor gestern Nachmittag per Mail geschickt hatte.
"Er ist heute Morgen kurz vor sieben Uhr an Herzversagen verstorben. Die Untersuchungen laufen noch, ob es eine direkte Folge der Infektion war oder ob sein Herz für die Auswirkungen der Infektion zu schwach war."
Ich blickte weiter auf die Bildschirme. Zwar war es der erste Todesfall, jedoch machte mir der Virus allmählich Sorgen. Erst vor einer Woche hatte mich der Professor darüber informiert, nachdem er die ersten Infizierten im örtlichen Krankenhaus entdeckt hatte. Seitdem hatten wir eine vollständige Isolationsstation eingerichtet, auf der mittlerweile siebenundzwanzig Patienten lagen und darauf warteten, dass der Professor und sein Team eine wirksame Medikation zusammenstellten. Tendenz steigend. Die bisherigen Versuche, den Virus zu bekämpfen, waren erfolglos geblieben.
Die Anzeigen auf dem Bildschirm wechselten und statt der zwei leeren und fünf belegten Betten wurden nun sieben andere Patienten gezeigt.
"Warum sind sie fixiert?", fragte ich, als mir die blauen Bänder auffielen, mit denen die Hände der Patienten an den Seiten der Betten befestigt waren. Auf den zweiten Blick sah ich ähnliche Bänder auch um die Fußgelenke der Patienten sowie einen breiteren, der sich über den Oberkörper spannte.
Der Professor nickte langsam - wohl als Anerkennung, dass es mir aufgefallen war. "Einen Augenblick bitte." Er gab erneut Befehle ein, dann bat er mich, ihm zu dem großen Bildschirm zu folgen. Darauf wurde einer der Patienten angezeigt, den ich eben noch über die Kamera in seinem Zimmer gesehen hatte. Der Signatur zufolge handelte es sich um eine Aufnahme aus der vergangenen Nacht. Zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht fixiert gewesen. Ich konnte nicht ein einziges blaues Band entdecken.
"Die Fixierungen dienen lediglich dem Schutz der Patienten. Sehen Sie selbst." Er deutete auf den Bildschirm, auf dem sich der junge Mann in dem Krankenbett angefangen hatte, zu regen. Seine Bewegungen schienen ruckartig, abgehackt. Nur langsam wurde mir klar, dass es Krämpfe waren, die den schmalen Körper quälten. Er bäumte sich auf dem Bett auf, verdrehte seinen Körper. Sein Mund öffnete sich immer wieder. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich Schreie hätte hören können, wenn es eine Tonaufnahme gegeben hätte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis eine Krankenschwester in dem Zimmer erschien und ihm ein Beruhigungsmittel spritzte.
"Bisher hatten zwei weitere Patienten solche Krampfanfälle. Einer der beiden war der Verstorbene. Das Risiko, dass sie sich zusätzlich zur Infektion selbst verletzen, war zu groß."
Ich nickte. Verständlich. "Gibt es neue Erkenntnisse zum Ursprung des Virus?"
Der Professor wandte sich vom Bildschirm ab und beendete die Wiedergabe der Aufnahme. "In der Tat, die gibt es. Alle Infizierten hatten vorher Kontakt zu Katzen. Einer meiner Assistenten war vorhin bei der Familie einer der Patienten und hat Proben von ihrer Katze genommen. Der Virus befand sich in ihrem Blut, war jedoch inaktiv. Da es sich um keine Wohnungskatze handelte, können wir bisher nicht sagen, wie die Katze den Virus aufnahm."
"Wo ist die Katze jetzt?"
"Ebenfalls in der Isolation im veterinärmedizinischen Klinikum, genau wie die Katzen der anderen Patienten, bei denen der Virus bereits nachgewiesen werden konnte. Ein Großteil der Untersuchungen läuft noch. Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass auch Straßenkatzen infiziert sind. Wir können bisher nicht sagen, ob Katzen die einzigen Übertrager sind, aber selbst wenn ist die Gefahr von Neuinfektion angesichts der vielen Katzen, die es allein hier in der Stadt gibt, enorm."
"Professor?" Wir blickten beide auf, als eine Krankenschwester aus der Tür zum Isolatonstrakt trat und zu uns kam. "Es gibt einen zweiten Todesfall. Reanimationsversuche scheiterten."
"Verdammt", entfuhr es mir. Noch jemand mit schwachem Herz? Ich wollte es hoffen, aber die Befürchtung, dass der Virus allein tödlich war, drängte sich mir mehr und mehr auf.
"Ich komme. Mr. Sawyer, Sie entschuldigen mich?" Geistesabwesend nickte ich, während der Professor zusammen mit der Schwester auf die Station eilte.

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