[52/52-Challenge] Proteste

Mittwoch, 10. Juni 2015 | Kommentieren
Die letzte Szene ist geschafft!
In den nächsten Tagen werde ich noch ein kleines Fazit ziehen. Dann erfahrt ihr auch, aus welchen Szenen vielleicht mehr wird ;)

Stichwort: Wasser
Wörter: 593

Proteste

"Gebt uns endlich ordentliches Wasser!"
"Wer soll diese Preise zahlen?!"
"Meine Kinder sind durch das Dreckwasser in den Seen gestorben! Wie viele sollen denn noch ihr Leben verlieren?!"
Immer wieder erhoben sich klare Stimmen aus dem Gewirr von Rufen und Beschimpfungen. Sie schallten über den Platz vor dem Regierungsgebäude, auf dem sich mehrere hundert Menschen - Frauen, Männer, selbst Kinder - eingefunden hatten, um zu protestieren.
Sie forderten sauberes Wasser für alle.
Seit mehreren Jahrzehnten war das Wasser in Flüssen, Seen und sogar das Salzwasser der Meere immer weiter verseucht worden - hauptsächlich durch die zahllosen Industriebauten - bis es ungenießbar geworden war. Es brachte Krankheiten mit sich. Wer es trank, konnte an den darin enthaltenden Bakterien in wenigen Stunden sterben. Zum Waschen taugte es noch, wenn es zuvor mühsam gefiltert und abgekocht wurde. Wer Trinkwasser wollte, musste es zu hohen Preisen kaufen. Nur die Regierung verfügte über die geeignete Technik, um das Wasser zu Trinkwasser aufzubereiten. Nur sie regelte den Preis, der in den Jahren immer weiter gestiegen war, während die Löhne kontinuierlich sanken.
Es war ein Teufelskreis geworden. Wer das Geld für Trinkwasser nicht aufbringen konnte, wagte sich in der Not an die verdreckten Seen und Flüsse. Krankheiten breiteten sich aus. Zwei gesellschaftliche Klassen waren entstanden - die einen mit, die anderen ohne oder mit kaum Zugang zu sauberem Wasser.
Zum wiederholten Male hatten sich Menschen mittlerweile auf dem Platz eingefunden, um Änderungen zu fordern. Ihre Rufe fanden - wieder einmal - kein Gehör.
Regungslos stand eine Kette aus Polizisten vor dem Gebäude und schirmte es ab. Die Fenster blieben dunkel. Niemand trat an die Scheibe, um zu sehen, was auf dem Platz geschah. Keine Gardine wurde beiseite geschoben. Kein Fenster wurde geöffnet. Nicht einmal eine einzige Bewegung war in den Räumen zu erkennen, obgleich die Beamten der Regierung und sogar die Regierung selbst an diesem Tag in dem Gebäude sein sollten. War ihnen die eigene Bevölkerung so wenig wert?
Ihre fehlende Reaktion schien die Protestanten von Neuem zu befeuern. Rufe wurden lauter. Einige Männer und Frauen, die in den ersten Reihen vor den Polizisten standen, begannen, sie zu beschimpfen und endlich eine Regung aus dem Regierungsgebäude zu fordern. Vereinzelte kleine Prügeleien entwickelten sich in der Masse, als grundsätzlich gleiche, doch sich im Detail unterscheidende Positionen aufeinandertrafen.
Die Schreie begannen, als die ersten Schüsse fielen.
Waren es zuvor noch Protestrufe gewesen, waren sie nun Ausdruck der aufsteigenden Panik. Wer konnte, floh in die verwinkelten Straßen, aber die meisten waren gefangen in der Masse. Noch immer fielen Warnschüsse - die meisten in die Luft, wenige in die Menge. Neben der sich ausbreitenden Panik waren nun auch Schmerzensschreie zu vernehmen.
"Zurück!" Es war das erste Mal, dass einer der Polizisten die Stimme erhoben hatte. Er stand auf der breiten Treppe, die hinauf zum Haupteingang des Regierungsgebäudes führte, und hielt ein Megaphon an seine Lippen. "Zurück in eure Häuser!"
Schreie wurden lauter. Noch immer vielen Schüsse. Kinder weinten. Menschen flohen, soweit sie dazu fähig waren.
Eine halbe Stunde dauerte es, dann war der Platz leer. Die letzten Schüsse waren gefallen. Die Schreie und das Weinen waren verstummt. Bis auf vier Wachposten hatte sich die Polizeikette aufgelöst. Zurückgeblieben waren einige stille Körper - Menschen, die von den Kugeln getroffenen worden waren oder die in der panischen Masse erstickt waren. Zwei Polizisten hatten damit begonnen, sie in Tücher zu wickeln und davonzutragen.
Es war vorbei.
Ein leiser Fluch war aus einer der schmalen Seitengassen zu vernehmen, dann huschte die Gestalt davon. Sie hatte die Vorfälle beobachtet, ohne eingreifen zu können. Nun wurde es Zeit zu handeln.

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