[52/52-Challenge] Kleiner Schnüffler

Dienstag, 9. Juni 2015 | Kommentieren
Stichwort: Liebe
Wörter: 738


Kleiner Schnüffler

Ich beobachte dich schon eine ganze Weile über die Überwachungskamera. Ich kann mich einfach nicht dazu durchringen, zu dir nach unten zu gehen. Noch nicht. Ich weiß, dass ich dann wieder eine Rolle spielen muss; eine Maske tragen, die immer weniger zu mir passt. Zumindest, wenn ich in deiner Nähe bin. Normalerweise fällt es mir nicht schwer, vollkommen kalt und unberechenbar zu wirken. Ich hatte geglaubt, genau so zu sein. Bis du in mein Leben stolpertest und mir eine ganz neue Seite an mir selbst zeigtest. Eine Seite, die niemand sehen darf. Nicht einmal du. Sie würde dich endgültig ins Verderben reißen, wenn das nicht schon deine erste Begegnung mit mir getan hat.
Warum musstest du dich einmischen, kleiner Schnüffler? Es könnte so viel leichter sein. Vor allem müsstest du nicht hier sein. Natürlich genieße ich es, dich jetzt hier über die Kamera zu beobachten und zu wissen, dass uns beide nur eine einzige Etage trennt. Doch weißt du eigentlich, in welche Gefahr du dich gebracht hast? Hast du auch nur die geringste Ahnung, was von mir erwartet wird, seitdem sie dich dabei erwischt haben, wie du auf dem Gelände herumschnüffeltest?! Mein kleiner Idiot... Wie soll ich dich vor den ganzen Abgründen in dieser Stadt schützen, wenn du eine Gabe dafür hast, dich in Schwierigkeiten zu bringen?
Gerade hast du dich wieder auf den Stuhl hinter den Tisch gesetzt und trommelst mit den Fingern auf die Tischplatte. Viel mehr gibt es in dem kleinen grauen Raum nicht - nur einen Tisch und zwei ungepolsterte Stühle. Vermutlich kennst du Räume dieser Art, doch dieses Mal sitzt du nicht auf der sicheren Seite. Dieses Mal musst du warten; seit mittlerweile vier Stunden. Ich konnte beobachten, wie du von erzwungen ruhig und angeblich so selbstbewusst zu einem unruhigen Nervenbündel wurdest, das nervös durch den Raum tigert und in unregelmäßigen Abständen fordert, endlich mit jemandem reden zu können. Selbstverständlich hat niemand darauf reagiert.
Weißt du überhaupt, bei wem du dich befindest? Ahnst du, dass ich auf der anderen Seite der Kamera sitze und dich beobachte?
Mein kleiner Schnüffler, warum musst du es uns so schwer machen? 
Mir ist klar, dass es nie funktionieren würde mit uns beiden. Ich weiß alles von dir, doch wüsstest du auch nur über einen Bruchteil meiner Geschäfte Bescheid, würdest du dich augenblicklich abwenden. Du und ich - wir sind unbereinbar. Los komme ich von dir trotzdem nicht und ich kann es nicht einmal bedauern.
Vielleicht könnte ich dich vergessen, wenn du mir nicht immer wieder dazwischenfunken würdest. Du und deine verdammte Neugier - ist dir überhaupt klar, dass sie dich schon mehrfach umgebracht hätte, wenn ich meine Hand nicht über dich halten würde?
Was soll ich nur mit dir machen?
Wäre ich tatsächlich so kühl und unberechenbar, wie ich alle glauben lasse, würde dich niemand mehr finden. Ich müsste dafür sorgen, dass du niemals über das sprechen kannst, was du gesehen hast, denn du hast zu viel gesehen. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie viel zu viel.
Verdammt, du solltest nicht hier sein, kleiner Schnüffler! 
Seufzend stehe ich auf, schalte den Bildschirm aus und mache mich auf den Weg nach unten. Ich will dich gehen lassen. Wirklich. Du solltest absolut nicht hier sein. Doch ich kann dich nicht gehen lassen. Ich kann es einfach nicht. 
Ich sage normalerweise weder "Bitte" noch "Danke", doch - bitte - gib mir irgendetwas, mit dem ich dich unter Kontrolle halten kann. Irgendeine Information, die dich davon abhalten wird, mit jemandem über mich und meine Geschäfte zu reden. Ich fürchte, deine Liebe wird nicht genügen. Ich könnte dich gehen lassen, wenn ich nur den einen bedeutsamen Funken hätte, den mir all die Daten über dich und dein Leben bisher nicht geliefert haben. Ich müsste dich nicht zwingen, hier zu bleiben. Freiwillig würdest du es nicht tun. Das ist nicht deine Welt, in der ich lebe. Sie würde dich zerstören.
Entschlossen stoße ich die Tür auf, obwohl ich noch immer nicht weiß, was ich sagen soll. Du zuckst auf deinem Stuhl zusammen. Während ich die Tür hinter mir schließe, spüre ich deinen schockierten Blick auf mir. Er versetzt mir einen Stich, den es nicht geben sollte, doch mein Herz kümmert die Logik nicht. Hast du wirklich nicht damit gerechnet? Glaubtest du tatsächlich, ich wäre ein unbedeutender Handlanger?
Mein kleiner Schnüffler, ich liebe deine Naivität und gleichzeitig hasse ich sie. Sie wird dich ins Grab bringen, davor werde ich dich kaum bewahren können.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Vielen Dank für jedes Kommentar.