[52/52-Challenge] Der Rat der Welt

Montag, 8. Juni 2015 | Kommentieren
Stichwort: Schlüssel
Wörter: 891

Der Rat der Welt

"Ein Mensch!" Er spuckte aus. "Seid ihr jetzt vollkommen bescheuert geworden?"
"Reyk, beruhige dich. Wir wussten doch-"
"... Ihr wollt einem minderwertigen Menschen eine so wichtige Aufgabe zuteil werden lassen? Begreift ihr überhaupt, was das für ein Wahnsinn ist?!" Aufgebracht schritt Reyk in dem kleinen Raum auf und ab. Er war groß; sein Kopf berührte beinahe die niedrige Decke. Durch seine schwarzen Haare und die schwarze Kleidung wirkte seine ohnehin blasse Haut nahezu totenbleich. Mit blutroten Augen funkelte er die anderen Anwesenden an. "Ein sterblicher, schwacher Mensch in den Diensten der Ewigkeit - merkt ihr nicht selbst, welcher Irrsinn dem anhaftet?!" Er ließ sich in seinen Sessel fallen und starrte nacheinander die anderen drei an.
Es war der Rat der Welt, der sich in diesem zwischen den Dimensionen gelegenen Raum zusammengefunden hatte. Neben Reyk, dem Herrn über Tod und Finsternis, waren auch Darlynn, die Herrin vom See, der Seher Tamu und Vilania, das wesengewordene Licht, erschienen. Sie waren vollständig zu diesem Treffen und doch waren sie es nicht. Erst vor kurzem hatten sie einen aus ihrer Reihe verloren: Yadek, den Wächter zwischen Himmel und Erde. Er war gefallen im Krieg gegen die Finsternis, der nicht einmal Reyk Einhalt gebieten konnte.
Tamu räusperte sich, was die Anspannung jedoch nur weiter zu steigern schien. "Ich begreife deine Sorge, Reyk, und ich teile sie gewiss. Doch ich kann nur sagen, was ich gesehen habe. Es war ein Mensch, der mir vor dem inneren Auge erschien. Er wird Yadeks Platz einnehmen und der neue Wächter sein."
"Sorge", wiederholte Reyk abfällig, als hätte er den Rest nicht gehört. "Ich sorge mich nicht. Ich weiß, dass ein Mensch dieser Aufgabe nicht gewachsen ist. Menschen sind einfältig. Selbst wenn er unsere Mächte begreifen kann, wird er für die Finsternis ein leichter Fang sein. Yadek war der Älteste unter uns und ihr glaubt, ihn mit so einem Schwächling rechtmäßig ersetzen zu können?!"
"Tamu, vermagst du uns diesen Menschen zu zeigen, der in der Zukunft an unserer Seite stehen soll?" Darlynns Stimme erfüllte den Raum, obwohl sie nur leise sprach. "Ich würde mir gern ein eigenes Bild von ihm machen. Ich teile Reyks Unsicherheit, doch bisher hast du uns nie eine falsche Zukunft gezeigt. Womöglich ruhen in ihm Kräfte, die erst noch erwachen müssen."
Reyk schnaubte, aber Tamu schien froh über diesen Einwand. Er lächelte, was die kleinen Falten in seinem Gesicht noch tiefer in die gebräunte Haut sinken ließ. "Gewiss." Er hielt seine Hände, als fasse er einen Ball an seiner Ober- und Unterseite an, und seine Lippen bewegten sich zu stummen Worten. Ein schwacher Lichtpunkt entstand inmitten der Form, die seine Hände schufen, der mit jedem Moment kräftiger und größer wurde, bis es eine weiß strahlende Lichtkugel war. Während er die obere Hand zurückzog und in seinen Schoß legte, sagte er: "Zeige dich, künftiger Wächter von Himmel und Erde." 
Die Kugel verlor ein wenig von ihrem Strahlen. In ihrem Zentrum entstand das schwache Bild eines unordentlichen Zimmers. Auf dem Bett, in wesentlich kräftigeren Farben, saß ein Jugendlicher an seinem Notebook. Die kurzen bronzefarbenen Haare standen ihm wirr vom Kopf ab. Er trug eine verwaschene Jeans und ein graues Shirt. 
Reyk schnaubte. "Ich dachte, wie sprächen von einem Erwachsenen, aber das ist noch ein halbes Kind. Hat ein erwachsener Mensch schon keine Chance, was sollen wir dann von ihm erwarten? Unter keinen Umständen ist er der nächste Wächter!"
Plötzlich holte Vilania, die bisher vollkommen still gewesen war, geräuschvoll Luft und sank mit einem kleinen Schrei in ihrem Sessel zusammen. Ihre Augen rollten nach innen, bis nur noch der weiße Augapfel zu sehen war. Vor Schreck ließ Tamu seine Hand sinken und die Lichtkugel mit dem Bild verschwand.
Vilanias verkrampfte Haltung hielt nur wenige Sekunden an, dann löste sie sich wieder auf. Sie blinzelte einige Male, dann waren auch ihre Augen wieder normal.
"Eine Vision?", riet Tamu, der dergleichen bereits kannte.
Vilania nickte. "Beinahe mehr als das. Erinnert ihr euch, ich sprach bei unserem letzten Treffen vom Schlüssel der Welt; der Macht, die die Finsternis besiegen wird?" Die anderen drei nickten. "Ich begreife selbst nicht, wie das möglich sein soll, wo die Macht erst vor wenigen Monate die Erde erreichte, doch ich sah sie gerade in diesem Jungen. Er ist der Schlüssel, nach dem wir suchten, obgleich ich nicht einmal erahne, wie derartige Macht in einem menschlichen Körper bestehen kann."
"Bist du dir sicher?", wollte Darlynn aufgeregt wissen. Von ihrer Unsicherheit war nichts mehr geblieben.
Vilania nickte. "So sicher ich mir eines Bildes vor meinen Augen sein kann."
"Wir werden ihn in unsere Reihen holen. Wenn er der Schlüssel ist, brauchen wir ihn. Ob er auch der künftige Wächter sein wird, soll sich zeigen, wenn er unter uns weilt", beschloss Tamu. Vilania und Darlynn stimmten ihm zu.
Einzig Reyk hielt sich zurück. Mit verschränkten Armen saß er auf seinem Sessel und starrte missmutig vor sich hin.
"Reyk? Wir können die Entscheidung nur einstimmig treffen", wies Tamu ihn auf einen ihrer Grundsätze hin.
Nach einem Augenblick nickte Reyk und entgegnete mit grimmigem Blick: "Meinetwegen. Macht, was ihr wollt. Ich glaube noch immer nicht, dass er mehr ist als ein dummer Mensch. Zukunft wandelt sich. Es mögen Trugbilder gewesen sein, die ihr saht, weil eure Sehnsucht nach dem Schlüssel und Wächter zu mächtig war." Er erhob sich und trat aus dem Kreis, den die Sessel bildeten. Im nächsten Moment war er verschwunden.

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