[52/52-Challenge] Brüder

Donnerstag, 4. Juni 2015 | Kommentieren
Stichwort: Maus
Wörter: 735


Brüder

"Hattest du etwa Schiss vor dem Kerl?" Lachen.
Ich ging gerade die Treppe nach unten, als die Stimmen vor der Haustür deutlicher wurden. Seit wann brachte Markus Freunde mit nach Hause? Ich dachte, mit den Idioten träfe er sich nur in der Stadt oder, wenn sie denn mal da waren, in der Schule...
Markus und ich waren Stiefbrüder. Seine Mutter und mein Vater hatten vor knapp zwei Jahren geheiratet, anschließend waren er und seine Mutter bei uns im Haus eingezogen. Verstanden hatten wir beide uns von Anfang an nicht besonders gut, aber seitdem wir in einem Haus lebten, war es wirklich schlimm. Wenn wir uns nicht ignorierten, stritten wir uns. Vor ein paar Tagen hatte Markus meinen Schulaufsatz angezündet, an dem ich vier Tage lang gesessen hatte und den ich am nächsten Tag abgeben musste. Angeblich war ihm langweilig gewesen, aber nach dem boshaften Ausdruck in seinen Augen hatte er mich einfach nur ärgern wollen. Glücklicherweise hatte ich mir Notizen gemacht und konnte den Aufsatz noch einmal neu schreiben, auch wenn dafür fast meine gesamte Nacht draufgegangen war.
"Vor dem?! Sicher nicht", hörte ich Markus' Antwort vor der Tür. Kurz darauf wurde sie geöffnet.
In der Küche angekommen, holte ich mir einen Apfel und ging wieder nach oben, ohne Markus und seinen Freund, den ich nicht kannte, zu beachten.
"'kay. Wir seh'n uns dann morgen. Oh, hey, Streber!" Ich wusste, dass das mir galt, dennoch reagierte ich nicht darauf. Warum auch? Es war nur immer wieder das gleiche. Besonders kreativ waren diese Typen nicht.
"Hey, Elay! Wir reden mit dir!"
Ohne auf der Treppe innezuhalten, hob ich desinteressiert die Hand und rief: "Ich nicht mit euch."
"Der ist ja sogar zuhause 'ne kleine Prinzessin." Die beiden lachten.
Ich verdrehte die Augen und schloss meine Zimmertür hinter mir. Idioten. Und Markus war der Oberidiot. Womit hatte ich den eigentlich verdient? Ich biss ein Stück von meinem Apfel ab und setzte mich auf mein Bett, um weiter "Kabale und Liebe" zu lesen. Es war unser aktuelles Thema im Deutschunterricht. Ich konnte wetten, dass Markus nicht einmal eine Seite davon gelesen hatte oder noch lesen würde. Wahrscheinlich schnorrte er sich die Lösungen für die Aufgaben, die wir zum Werk bekommen hatten, mal wieder. Nur sicher nicht von mir. Den Fehler hatte ich einmal gemacht. Nur einmal.
Ein Schrei im Erdgeschoss ließ mich zusammenzucken. Ich klappte das Buch zu und sprang vom Bett. 
"Elay!" Das war eindeutig Markus. Warum schrie er so herum und warum klang er dabei so schockiert? Ich ging die Treppe nach unten.
"Elay!" 
Ich fand ihn in der Küche. Markus saß auf dem Esstisch, wie er es manches Mal tat, nur hatte er dieses Mal die Beine so weit angezogen, dass seine Fersen auf der Tischkante standen. Er stützte sich mit den Händen auf dem Tisch ab, als wolle er sich nach oben drücken. Sein Blick war zum Boden gerichtet. Als ich eintrat, sah er mich mit großen Augen an.
"Was schreist du hier herum?", wollte ich gelangweilt wissen. War das eine seiner neuen Strategien, um mich in den Wahnsinn treiben zu wollen?
"D-Da-", begann er, hielt dann aber inne und schien allmählich zu begreifen, was für ein Bild er abgeben musste. Seine angespannten Schultern lockerten sich und er sprang vom Tisch. "Nichts."
"Wegen nichts schreist du das Haus zusammen. Alles klar." Ich aß den Rest von meinem Apfel und entsorgte das Gehäuse. Ein leises Quietschen ließ mich aufsehen und ich sah gerade noch, wie ein dünner Schwanz hinter dem Schrank verschwand. Ein Mauseschwanz. Grinsend erhob ich mich und drehte mich zur Markus um, der noch immer vor dem Tisch stand. "Sag bloß, der große Markus fürchtet sich vor Mäusen?"
"Halt die Klappe." Er schnaubte und verließ die Küche. Die Treppe knarrte unter seinen Schritten.
Ich blieb noch einen Augenblick stehen und schüttelte grinsend den Kopf. Markus gab sich selbst als unendlich mutig, stark und natürlich extrem selbstbewusst. Als könnte ihm nichts und niemand das Wasser reichen.
Abgesehen von einer Maus.

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