[52/52-Challenge] Wiedersehen

Sonntag, 17. Mai 2015 | Kommentieren
Die heutige Szene ist nicht nur ein potentieller Teil eines größeren Projekts, sondern schon fest eingeplant. Vor einiger Zeit habe ich beschlossen, meine alte Idee zum Romanprojekt "Der Zirkel" umzuarbeiten. Die folgende Szene ist eine der Anfangsszenen dieses Projekts.

Stichwort: Krieg
Wörter: 924

Wiedersehen

Es war noch dunkel, als ich die Augen aufschlug. Kühle Luft wehte durch das offene Fenster. Nachtluft.
"Liz, bist du endlich wach?"
Ich zuckte zusammen, setzte mich auf und tastete gleichzeitig nach dem Schalter meiner Nachttischlampe. Das Licht ging an. Ich blinzelte und sah mich um.
Woher kannte ich diese Stimme?
"Liz?"
Mein Blick folgte der Stimme. Für einen Augenblick stockte mein Atem. In der Ecke zwischen Fenster und Schreibtisch hockte eine Gestalt. Ein dunkelhaariger Mann. Nein, eher ein Jugendlicher. Ich stand auf und trat näher an ihn heran. Angst hatte ich keine. Als er zu mir aufsah, begriff ich auch warum. "Nicor?!"
Ich sank vor ihm auf die Knie und legte meine Hand an seine zerschrammte Wange. Wimmernd zog er den Kopf zurück.
"Was tust du hier? Was ist passiert? Warum bist du nicht in Merindar?"
Er lächelte gequält. "Die Zeiten haben sich geändert seit damals."
Es war Jahre her, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Fast ein Jahrzehnt. War er früher der Jugendliche gewesen, zu dem ich aufgeblickt hatte, waren wir heute nahezu gleich alt. Er hatte sich kein bisschen verändert. Er sah noch immer aus wie siebzehn, obwohl er längst Ende zwanzig sein müsste.
"Ich hab dir gesagt, dass die Zeit in Merindar anders läuft", kommentierte er, als er meinen Blick bemerkte. Sein Grinsen wurde zu einer schmerzerfüllten Grimasse, als der Schnitt an seiner Wange aufriss und neues Blut herauslief.
"Was ist mit dir passiert, Nicor? Wie kommst du überhaupt hierher?"
"Ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte. Du weißt, dass ich zwischen den Welten springen kann." Ich nickte. Natürlich, so war er früher hierher gekommen. Darauf hätte ich selbst kommen können. Mein Fantasiefreund mit weniger Fantasie und mehr paralleler Realität...
"Merindar ist nicht mehr so friedlich wie früher. Es herrscht Krieg... Saoul, ein dunkler Magier, regiert jetzt das Land und jagt alle, die ihm nicht gehorchen. Ich hatte mich einer Gruppe weißer Magier angeschlossen, aber wir wurden von Saouls Leuten aufgespürt..." Er schüttelte den Kopf und als er mich wieder ansah, standen plötzlich Tränen in seinen Augen. "Sie sind tot. Alle tot."
Unbeholfen nahm ich ihn in den Arm, doch wieder zuckte er zusammen und zog sich zurück. "Nicor?"
Er zitterte und als ich ein Stück von ihm zurückwich, tasteten seine Hände über seinen Bauch. Seine Fingerspitzen waren rot, als er sie zurückzog.
"Verdammt, du blutest! Warum hast du nichts gesagt?!"
"Nicht so schlimm."
Ich war mir nicht sicher, ob ich es mir nur einbildete, doch deine Stimme klang schwächer als zuvor. "Bleib hier. Ich bin gleich wieder da." Ich stand auf und lief aus meinem Zimmer. Nur einen Augenblick lauschte ich, ob irgendjemand von meiner Familie wach war, aber ich hörte nichts, also schlich ich weiter ins Badezimmer und holte den Erstehilfekoffer aus dem Schrank. Ich wickelte einige Blätter Tiolettenpapier ab und feuchtete sie an. Ein blutiger Waschlappen wäre zu auffällig. Anschließend schlich ich zurück in mein Zimmer, schloss leise die Tür hinter mir und hockte mich wieder vor Nicor.
"Ich muss deine Verletzung versorgen."
Er schaute mich einen Augenblick stumm an, dann nickte er und zog sich schwerfällig das zerrissene Hemd aus. Über seine Brust zog sich ein breiter, tief aussehender Schnitt. Mehrere kleine sah ich ebenfalls, doch die hatten bereits aufgehört zu bluten.
"Hattest du nicht gesagt, es sei ein magischer Krieg?" Ich wischte das Blut von seiner Brust. Dreck schien nicht in die Wunde gekommen zu sein. Hoffte ich. Ich hatte keine Ahnung von Wundversorgung. Der Erste-Hilfe-Kurs in der Schule war viel zu lange her.
"Viele von Saouls Soldaten sind keine Magier. Und die, die es sind, können meistens nicht magisch töten. Au!" Er biss die Zähne zusammen, als ich den Schnitt mit desinfizierenden Tüchern abdeckte und einen Verband um seine Brust wickelte.
Als ich endlich damit fertig war und auch die Schnitte in seinem Gesicht gereinigt hatte, lehnte ich mich zurück und wischte mir die Hände an dem letzten Rest sauberen Toilettenpapiers ab. Soweit ich sehen konnte, hatte er ansonsten nur Schrammen, um die ich mich auch morgen kümmern konnte. "Das sollte erst einmal reichen."
"Danke. Kann ich vorerst hierbleiben?"
Ich nickte. "Solange dich meine Eltern nicht erwischen, sicher. Komm, du brauchst Ruhe." Ich half ihm auf und zu meinem Bett. Es fühlte sich merkwürdig an, ihn wieder hier zu haben. Irgendwie wie früher und gleichzeitig so vollkommen anders...
"Danke", sagte er nochmal. "Du hast nicht zufällig noch etwas zu trinken?"
Ich lächelte. "Bin gleich wieder da. Ruh' dich aus." Ich nahm das Toilettenpapier und den Erstehilfekoffer mit, als ich das Zimmer verließ. Ersteres spülte ich in der Toilette herunter, letzteres stellte ich zurück in den Schrank, als wäre nichts geschehen. Ich schlich hinunter in die Küche und holte ein Glas Wasser, mit dem ich zurück nach oben ging.
"Schon wieder da." Ich erhielt keine Antwort. Nicor war bereits auf meinem Bett eingeschlafen.

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