[52/52-Challenge] Trapped

Sonntag, 10. Mai 2015 | Kommentieren
Heute eine Warnung vorangestellt: Die kommende Szene enthält explizite Gewaltdarstellungen. Leute mit schwachen Nerven sollten nicht unbedingt weiterlesen.

Stichwort: Leben
Wörter: 1650

Trapped

Ein Fenster zersplitterte, als eine fehlgeleitete Kugel es durchschlug. Weitere Schüsse hallten durch die leere Lagerhalle, gepaart mit schmerzerfüllten Schreien und wildem Fauchen. 
Es waren zu viele. 
Oder sie zu wenige. Sein Atem kam stoßweise, er fühlte sein Herz rasen und seine Muskeln gegen die Anstrengung protestieren. Er musste es schaffen. Überleben. Irgendwie.
Mit der Waffe in seiner Hand zielte er erneut auf einen der Vampire, doch noch bevor er abdrücken konnte, wurde sie ihm aus der Hand geprellt. Ein scharfer Schmerz schoss von seinem Handgelenk seinen Arm hinauf. War es gebrochen? Verstaucht? Oder war alles in Ordnung und der Schmerz nur kurzweilig? Er hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern. Ein kräftiger Arm packte seine Schulter, Krallen bohrten sich durch seine Haut. Er ächzte vor Schmerz, drehte sich in dem festen Griff, der ihm beinahe die Knochen zu brechen drohte, und trat nach seinem Angreifer. Entfernt hörte er den Schrei eines Jägers aus seinem Zirkel, der abrupt verstummte. Er ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
Endlich bekam er den Dolch an seinem Gürtel zu fassen, zog ihn aus dem Halter und hieb damit nach dem Vampir, der plötzlich nicht mehr vor ihm stand. Noch ehe er einen Gedanken formen konnte, traf ihn etwas am Rücken. Er taumelte nach vorn, gleichzeitig packte eine Hand seinen Arm und riss ihn grob zurück. Er schrie auf, als sich die Spannung in seiner Schulter in einem grausamen Schmerz löste, der in einer brennenden Welle durch ihn jagte und das Bild vor seinen Augen verschwimmen ließ. 
Klappernd fiel der Dolch zu Boden.
Er spürte, wie seine Füße die Haftung zum Boden verloren. Im nächsten Moment - ein Krachen wie das Brechen zahlloser Holzbretter. Nur langsam holte ihn sein Bewusstsein ein und drängte den Schmerz weit genug zurück, um halbwegs klares Denken zu ermöglichen. Er fand sich in den Resten leerer Holzkisten wieder. Splitter gruben sich in seine Haut. Der Arm mit der verwundeten Schulter wurde langsam taub - angenehm nach den heftigen Schmerzen. Wo er auf die Kisten geworfen worden war, brannte seine Haut. Er betete, dass es keine ernsthaften Wunden waren. Er wollte leben.
Ächzend stemmte er sich mit der unverletzten Hand nach oben. Um ihn herum tobten die Kämpfe. Leblose Körper von Jägern, die er nur allzu gut kannte, lagen am Boden, ebenso wie der eine oder andere Vampir. Für einen Augenblick spürte er Tränen der Verzweiflung in seinen Augen brennen, dann stand er entschlossen auf. Er würde kämpfen. Er musste es nur bis auf die andere Seite der Halle schaffen, zum Tor, dann könnte er fliehen.
Seine Beine zitterten, als er loslief. Auf dem Boden entdeckte er ein mit Blut beschmiertes Kurzschwert, dass er an sich nahm. Es würde nicht anders zu führen sein als der Dolch, mit dem er normalerweise kämpfte.
Wie durch einen Tunnel nahm er alles wahr, sah nur das Tor und die leere Straße dahinter. Die Schreie drangen nicht länger zu ihm durch. Er wich einem Angreifer aus und rammte ihm die Klinge in den Rücken. Keine Zeit sich zu versichern, ob der Vampir außer Gefecht gesetzt war. Er musste hier raus. Zwei Jäger flohen aus der Halle, gefolgt von einem Vampir. Er musste entkommen. Nur raus hier. Fort von den Vampiren.
Ein Luftzug warnte ihn. Zeit zu reagieren blieb ihm keine. Im nächsten Moment spürte er, wie sich Zähne in die empfindliche Stelle gruben, an der die Schulter in den Hals überging. Der Vampir trank nur wenige Schlucke, ehe er sich löste - ihm dabei den Hals aufriss - und ihn mit einigen kräftigen Schlägen zu Boden schickte. Er wollte sich wehren; schlug mit dem Kurzschwert nach ihm. Einen Schlag und ein widerliches Knacken später schlitterte das Schwert über den Boden davon. Tritte in Rücken und Bauch raubten ihm fast das Bewusstsein. Ihm wurde schlecht, schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen und seine Ohren gaukelten ihm vor, unter Wasser zu sein, so gedämpft klang alles.
Schritte. Vor seinem Gesicht tauchten Füße auf. Er hatte keine Kraft, den Kopf zu drehen. Wo kam all der Schmerz her? Er musste hier raus! Er wollte nicht sterben. Ein Fuß bewegte sich. Noch stärkere Kopfschmerzen. Das flimmernde Schwarz am Rand seines Blickfeldes wuchs rasend.
Er musste das Bewusstsein verloren haben. Was war... Die Vampire! Sie hatten sie während eines Treffens des Jägerzirkels hinterhältig angegriffen. Der Kampf... Warum war er noch am Leben?
Blinzelnd öffnete er die Augen. Er lag am Boden, noch immer in der Lagerhalle. Schritte waren um ihn herum zu hören, gedämpfte Stimmen und schleifende Geräusche. Jede Regung schickte neue Schmerzen durch seinen geschundenen Körper. Er wollte sich aufsetzen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Alles war taub.
Hatte er geschafft? Hatte er tatsächlich überlebt? War es den anderen gelungen, die Vampire in die Flucht zu schlagen?
"Nicolai, dein Spielzeug ist wieder wach."
Er erstarrte. Nein. Das durfte nicht... konnte nicht wahr sein! Warum hatten sie ihn nicht getötet? Warum war er noch am Leben?
Schritte näherten sich ihm. Er spürte, wie er zitterte - wollte es unterdrücken, seine Angst nicht offen zeigen - und konnte es doch nicht verhindern. Ein Schatten fiel auf ihn, Hände griffen nach ihm - ohne Krallen, aber mit einer Kraft, die neue Schmerzwellen auslöste. Er wurde auf den Rücken gedreht. Eine blasse Hand schloss sich um seinen Hals, drohend, aber ohne ihn zu würgen. Unsicher sah er auf. Ein dunkelhaariger Mann blickte auf ihn hinab, seine menschliche Hülle ließ ihn wie Ende zwanzig erscheinen. Kalte grüne Augen bohrten sich in seine und zwangen ihn, seinen Blick abzuwenden. Das kühle Lächeln entging ihm trotzdem nicht.
Sein Atem erstarrte. Er hatte den merkwürdigen Geruch schon vorher wahrgenommen. Nun begriff er, was er gerochen hatte. Einige Meter entfernt brannte ein Feuer, doch statt Holz lagen menschliche Körper in den Flammen; einige mit dem Kopf in seine Richtung.
Jäger. Freunde. Familie.
Tot.
Tief in sich spürte er, wie etwas zerbrach.
Wieder brannten ihm Tränen in den Augen und dieses Mal konnte er sie nicht zurückhalten. Kühl rannen sie ihm über die Wangen, ohne den Schmerz zu lindern, der in seinem Inneren tobte. Sie waren tot. Warum war er noch am Leben? Wollten sie ihn bei lebendigem Leib verbrennen, grausam wie sie waren?
Kalte Finger legten sich an sein Kinn und drehten seinen Kopf zurück. Abermals blickte er in das Gesicht des Vampirs, das vor seinen tränennassen Augen verschwamm und allmählich zu flimmern begann. Was sprach dagegen, einfach die Augen zu schließen? Aufzugeben, fort von diesem Schmerz zu treiben? Wofür sollte er leben, wenn seine Familie auf diesem widerlichen Scheiterhaufen brannte?
"Fuck."
Er registrierte schnelle Bewegungen über sich. Den Blick fokussieren konnte er jedoch nicht. Eigentlich war es egal, oder? Es machte keinen Sinn mehr.
Sie waren tot.
Etwas Feuchtes benetzte seine Lippen. Tränen? Wasser? Er versuchte, den Kopf zu drehen. Wozu noch trinken? Es änderte nichts. Es brachte seine Familie nicht zurück.
"Trink endlich, du dummer Junge."
Trotz seiner benebelten Sinne hörte er die Stimme über sich klar und deutlich. Den Sinn der Worte konnte er allerdings nicht erfassen.
Das Feuchte drückte sich fester gegen seine geschlossenen Lippen, gleichzeitig presste sich etwas gegen seine Nasenflügel. Die Luft wurde ihm genommen. Er konnte nicht mehr atmen. Er wusste, dass es ihm Angst machen sollte. Dass er sich wehren sollte, aber sein Körper sträubte sich.
Ohne Sauerstoff würde er sterben. Tot wäre er wieder mit seiner Familie vereint. Seine Lungen lechzten bereits nach Luft, die sie nicht bekamen. Ein schwaches Lächeln verzog seine Lippen oder vielleicht bildete er sich das auch nur ein.
Dann übernahmen seine Instinkte. 
Sein Mund öffnete sich, er nahm einen tiefen Atemzug und fühlte die fremde Feuchtigkeit in seinem Mund. Er schluckte. Metall. Es schmeckte metallisch...
Nein!
Mit einem Mal begriff er. Verstand, was der Vampir getan hatte. Er bäumte sich auf und versuchte, dem festen Griff zu entkommen. Er hatte Vampirblut geschluckt. Er hatte... nein. Er musste fort! Musste dieses verdammte Blut aus seinem Kreislauf bekommen! Es würde ihn heilen, ja. Aber zugleich würde es seine Seele an den Vampir binden. Ihn zu einem abhängigen Spielzeug machen.
Zu spät.
Während der Griff des Vampirs sich langsam lockerte, spürte er, wie das Blut zu wirken begann. Seine gebrochenen Knochen bogen sich zurück in ihre richtige Position. Die Haut um die offenen Wunden spannte. Es löste keine neuen Schmerzen aus. Möglicherweise spürte er sie auch einfach nicht mehr. Doch die Heilung kostete Kraft. Energie, die er nicht mehr hatte.
Ein letztes Mal erkannte er das verschwommene Bild des Vampirs über sich, dann wurde es schwarz. Er hatte überleben wollen. Aber so, als Spielzeug eines Vampirs?

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Vielen Dank für jedes Kommentar.