[52/52-Challenge] Tec-Junge

Samstag, 23. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Maschine
Wörter: 693

Tec-Junge

Er betrat den Club. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und sperrte die lauten Straßen der Großstadt aus. Dunkle Klänge hüllten ihn ein. Sie waren nur Hintergrundklänge, doch nach den lauten Straßen schienen sie ihm in der Ruhe des Clubs für einen Moment ungewöhnlich laut für dieses Etablissement.
Nach einem kurzen, nur schwach beleuchteten Flur erreichte Damian den Hauptraum. An den kleinen runden Tischen vor der leeren Bühne saßen nur wenige Menschen. Überwiegend Männer, soweit er erkennen konnte. Hinter der Bar stand ein Kellner und wusch Gläser aus. Eine Treppe zwischen Wand und Bar führte hinauf zu einer Galerie, von der zahlreiche Türen abzweigten. Leise Geräusche klangen von dort hinunter. Gespräche, vermutete er, konnte es jedoch nicht genau sagen.Die ruhige Atmosphäre, die Damian an diesem Ort so sehr schätzte, war ihm bekannt. Dass die sonst so rege Betriebsamkeit beinahe gänzlich fehlte, überraschte ihn. Es war bereits früher Abend, doch weder waren viele Gäste anwesend, noch wurde die Bühne bespielt. Ungewöhnlich.
Damian zuckte gedanklich mit den Schultern und ging zu dem Kellner hinter der Bar. "Ist Sykes frei?"
Der Kellner schaute auf, während er weiter Gläser auswusch. "Ja, Sir. Sein Zimmer ist-"
Gelangweilt hob Damian eine Hand und unterbrach ihn damit. "Ich weiß. Danke." Er wandte sich ab und ging nach oben. Die Dielen knarzten leise unter seinen Schuhen; seine Schritte wurden von dem dicken Teppich gedämpft. Er ging bis zu der Tür mit der silbernen Nummer Fünfzehn. Ohne anzuklopfen trat er ein und ließ die Tür leise hinter sich ins Schloss fallen. Durch das Fenster fiel der letzte Rest Licht des Tages in das kleine, fast leere Zimmer. An der Wand rechts von der Tür stand eine winzige Kommode, links das große Bett. Mehr konnte er nicht entdecken.
Irritiert machte Damian einen Schritt vorwärts, blieb dann allerdings noch verwirrter stehen, als er die schlafende Gestalt auf dem Bett bemerkte.
Schlafend - Sykes! Der Tec-Junge schlief niemals. Er konnte es nicht!
Langsam trat er näher an das Bett. Sykes hatte man das Aussehen eines blonden Jugendlichen von etwa sechzehn Jahren gegeben. Sein Körper war schmal mit klar definierten Muskelsträngen unter der hellen Haut. Wer es nicht wusste, konnte meinen, es mit einem gewöhnlichen Menschen zu tun zu haben, und nicht mit einem Tec-Diener. Einem Roboter, der das menschliche Aussehen, Reaktionen, Emotionen perfekt imitieren konnte.
Seine Augen waren normalerweise türkis. Augen, die er im Augenblick geschlossen hielt. Sein Brustkorb hob und senkte sich in Nachahmung des menschlichen Atmens. Langsam, als würde er tatsächlich schlafen. Damians Blick wanderte zu dem dünnen Band um Sykes' Hals, das direkt mit seinem Stromkreis verbunden war. Das winzige Lämpchen leuchtete grün. Es war alles in Ordnung. Er wurde auch nicht geladen.
"Sykes?"
Der Tec-Junge reagierte nicht.
"Sykes", wiederholte Damian und berührte ihn an der Schulter. Sykes zuckte zusammen und starrte ihn aus weit aufgerissenen türkisen Augen an.
"S-Sir", stotterte er unsicher, während er sich langsam aufsetzte.
Damian lächelte leicht und setzte sich neben ihn. "Beruhig dich. Es ist in Ordnung. Du schläfst also?"
"I-ich... ich tu nur so, Sir. Ich kann nicht schlafen." Für den Bruchteil eines Augenblicks erkannte Damian Unsicherheit und Traurigkeit in Sykes' Blick. Und... Müdigkeit? Warum täuschte er vor, müde zu sein? Von keinem Tec-Diener wurde erwartet, Erschöpfung oder sogar Müdigkeit zu imitieren.
"Ich weiß. Dafür, dass du es überhaupt nicht brauchst, kannst du erstaunlich gut so tun als ob."
Sykes senkte stumm den Kopf und zog die Beine dichter an seinen Oberkörper.

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