[52/52-Challenge] Spiegelbild

Montag, 18. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Figur
Wörter: 815

Spiegelbild

Er starrte auf die spiegelnde Fläche vor ihm. Sein eigenes Gesicht schaute zurück, blass und eingefallen, mit Augenringen, die fast dunkler als seine Augen waren. Die Haare hingen ihm in fettigen Strähnen vom Kopf. Er hatte sie sich vor nicht allzu langer Zeit mit dem Rasiermesser geschnitten, dass sie ihm einmal in der Woche gaben. Besonders schön war seine Frisur nicht geworden, doch wenigstens waren die Haare seitdem kürzer und hingen ihm nicht mehr vor den Augen.
Er atmete tief durch und verbannte jeden Gedanken aus seinem Kopf. Sein Blick verlor sich in den Tiefen des Spiegels, bis er nichts mehr wahrnahm - nichts um ihn herum und nichts von seinem Spiegelbild. Vor seinen Augen, in einem Abgrund inmitten des Spiegels, den nur er sehen konnte, entstand ein Strudel aus flirrenden Farben, der sich immer tiefer grub. Mehr und mehr fixierte sich seine Wahrnehmung auf diese endlos scheinende Tiefe, bis kein Geräusch, kein Bild und kein Geruch aus seiner Umgebung mehr zu ihm durchdrang.'Zeige mir die Quelle Alter Magie', dachte er.
Als hätte er inmitten des Strudels ein Tor geöffnet, wurde es plötzlich hell vor seinen Augen und in dem Licht ohne Quelle erschienen lange Wände mit Regalen voller Bücher und unzähligen Tischen dazwischen. Die Bibliothek. Mal wieder. Zu dieser Zeit saßen Studenten an den Tischen und arbeiteten. Ein grummeliger Bibliothekar schlurfte an ihnen vorbei und bestrafte jeden Ton mit einem energischen "Psssst!". Ihm schien es, als dürften die Besucher der Bibliothek nicht einmal zu laut atmen.
Ein leichtes Zupfen an seinem Bewusstsein zog ihn fort aus dem Lesesaal. Er folgte ihm, ließ sich treiben. Wie lange suchte er eigentlich schon? Wann hatte ihn der magische Rat aufgefordert, die Quelle zu finden? Die Quelle zur einzigen Magie, die gegen Dämonen funktonierte. Der Alten Magie. Eine schier unlösbare Aufgabe, zumal er nicht wusste, was diese Quelle war. Ein Spruch? Ein Buch? Ein Kristall? Ein Schmuckstück? Geheiligtes Wasser? Es könnte alles sein. Nicht einmal der Rat wusste, wonach er suchen sollte, was ursprünglich genau der Grund gewesen war, aus dem er den Auftrag abgelehnt hatte. Letztendlich hatten sie ihm keine Wahl gelassen. Er war der einzige, der, nach offiziellen Aufzeichnungen, über die Gabe des Sehens verfügte.
Nun war er irgendwo in einem Gefängnis des Rates gefangen. Die Versorgung war dürftig, Kontakt nach außen hatte er keinen. Eine Chance auf Freiheit bestand nur, wenn er die verdammte Quelle fand. Ein Ziel, dem er in den letzten fünf Monaten kein Stück näher gekommen war.
Seine Gedanken schweiften ab, die Konzentration schwand. Das Bild vor seinen Augen begann zu verschwimmen und verschwand schließlich komplett in dem zurückkehrenden Strudel. Dieses Mal drehte er sich nicht nach unten, sondern nach oben, als wollte er ihn ausspucken. Für einen Augenblick kehrten seine Wahrnehmungen halbwegs zurück, dann änderte der Strudel plötzlich wieder seine Richtung und eine weitere Szene tauchte vor ihm auf.
Er befand sich in einem historisch anmutenden Arbeitszimmer: ein kunstvoll gewebter Teppich, Gemälde an den Wänden, Regale mit in Leder gebundenen Büchern, ein schwerer Eichenschreibtisch, zwei mit rotem Samt bezogene Stühle.
Die Raumgestaltung überwältigte ihn für einen Augenblick, dann gelang es ihm, sich auf die beiden Männer zu konzentrieren, die sich am Tisch gegenüber saßen. Den einen erkannte er sofort: Marcel Lecroix, einer der wichtigsten Männer des Rates. Es musste sein Büro sein. Den anderen Mann hatte er schon einmal gesehen, konnte sich ab er an keinen Namen erinnern.
"Wie lange wird es noch dauern?"
Lecroix zuckte mit den Schultern. "Egal. Er wird es finden."
"Und dann? Niemand darf davon wissen."
Ein durchtriebenes Lächeln stahl sich auf Lecroix's Lippen. "Was soll mit ihm geschehen? Er ist nur eine Figur. Ein dummer Bauer. Sobald er uns den Standort geliefert hat, wird er entfernt. Es sei denn, er könnte noch etwas für uns finden... Aber vielleicht haben wir bis dahin schon eine andere Figur."
Der andere Mann lachte.
Plötzlich war der Strudel wieder da. Er versuchte, sich an das Bild zu klammern, doch das Zimmer verschwand mit einem letzten hellen Aufblitzen, dann spuckte ihn der Strudel aus. Er war zurück in seiner Zelle. Aus dem Spiegel starrte ihn sein Spiegelbild an; genauso verwirrt, wie er es war. Seit wann war die magische Barriere fort, die verhinderte, dass er den Rat beobachten konnte?
Und was noch viel wichtiger war: Hatten sie gerade über ihn gesprochen?

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