[52/52-Challenge] Seelenessenz

Sonntag, 31. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Seele
Wörter: 1382

Seelenessenz

"Ist das deine Vorstellung von einem Zauberladen?" Skeptisch sah ich mich um. Angus hatte vor einem verfallenen zweistöckigen Gebäude in einer noch verfallener wirkenden Straße geparkt. Es stank nach Abfall und der Himmel war grau vom Rauch aus der nahen Fabrik. Die Fenster des Hauses waren im Erdgeschoss vernagelt und darüber stellenweise eingeschlagen; die Wände waren mit unlesbarem Graffiti besprüht.
Angus warf mir einen finsteren Blick zu und ging an mir vorbei zu der verschlossenen Tür. "Halt die Klappe, wenn du keine Ahnung hast."
Für einen winzigen Augenblick sah ich, wie sich seine Lippen bewegten, dann drückte er die Klinke nach unten. Die Tür schwang auf. Ich verdrehte die Augen, während Angus wortlos nach drinnen verschwand. Warum brachte er mir nie so etwas bei? Warum musste ich mich stundenlang mit Latein herumplagen, Tränke anrühren und komplizierte Symbole lernen, die ich angeblich brauchte, um zaubern zu können, wenn ihm ein einziges Wort genügte, dass er noch nicht einmal laut aussprechen musste?! Es mochte sein, dass er sich bereit erklärt hatte, mich in der Zauberei zu unterrichten - was abgesehen von ihm kein anderer hatte tun wollen - aber allmählich keimte in mir der Verdacht auf, er wolle mich für dumm verkaufen.
Ich folgte ihm in den dunklen Flur und sah ihn einige Meter entfernt in einen Raum auf der linken Seite verschwinden. Typisch Angus. Warum sollte er warten? Mittlerweile hatte ich mich an seine Art gewöhnt. Vor ein paar Wochen hätte ich noch behauptet, er könne mich nicht leiden, aber so langsam glaubte ich, es besser zu wissen. Vermutlich war er es einfach nicht gewohnt, andere Menschen um sich zu haben... Inzwischen waren fast drei Monate vergangen, seitdem ich zu ihm gekommen war, und kein einziges Mal hatte er Besuch bekommen oder selbst jemanden besucht. Keine Telefonate. Von SMS oder Mails brauchte man bei ihm nicht erst anfangen. Er hasste die gesamte moderne Technik. Sein Auto war lediglich eine Ausnahme, weil es für einen Einzelgänger wie ihn bequemer war als Bus oder Bahn - vermutete ich zumindest.
Ein Qietschen und kurz darauf ein Knall hinter mir ließen mich zusammenzucken. Ich sah über die Schulter zurück. Die Tür hatte sich von selbst wieder geschlossen, vermutlich magisch gelenkt. Ab und zu war diese Zauberei gruselig...
"Steh da nicht dumm herum und komm endlich."
Ich hatte weder bemerkt, dass ich stehengeblieben, noch dass Angus zurückgekommen war. "'tschuldigung", murmelte ich - tatsächlich etwas verlegen. Ich folgte ihm in den Raum und sah mich staunend um. In einem Haus wie diesem hätte ich Schutt, Müll und jede Menge Staub erwartet, aber keine vollgestellten Regale. In den meisten standen beschriftete Kisten und Flaschen. Es mussten einige Wände entfernt worden sein, denn der Raum glich mehr einem kleinen Saal als einem Zimmer. Aus dem hinteren Teil hörte ich Vogelstimmen und ein Zischeln, das ich nicht deuten konnte. Anders als im Rest des Hauses leuchteten hier sogar Lampen - kleine Kugeln orangefarbenen Lichts, die auf den Regalen verteilt waren. Noch vor drei Monaten hätte ich behauptet, es wären LED-Lichter, aber wahrscheinlich war auch das Magie.
Angus führte mich zwischen den Regalen hindurch zu einer Art Tresen an einer der hinteren Wände. Dahinter war eine geschlossene Tür; vielleicht der Durchgang zu einem Lagerraum.
"Angus, wie schön, dich wiederzusehen!" Schritte näherten sich uns von rechts. Hinter einem Regal tauchte ein Mann auf, dem Aussehen nach in seinen frühen Fünfzigern. "Oh, und sogar in Begleitung." Er musterte mich einen Moment voll unverhohlener Neugier. Irgendetwas an seinem Blick schreckte mich ab. Ich konnte nicht sagen, was es war. Seine braunen Augen sahen nicht anders aus als die von Angus. Der Ausdruck in ihnen war ruhig. Dennoch empfand ich es als eine merkwürdig trügerische Ruhe.
"Henry", grüßte er den Mann nickend und reichte ihm eine Liste. "Ich brauche ein paar Dinge." Natürlich bezog er mich mal wieder nicht ein. Was hatte ich erwartet? Die meiste Zeit schien ich für ihn ein nerviges Anhängsel zu sein, dass er zu ignorieren versuchte.
Henry überflog die Liste kurz und nickte eifrig. "Kein Problem. Sollte alles da sein."
"Hast du auch frische Seelenessenz und Blutasche?" Das war wohl nichts für meine Ausbildung. Zumindest hatte ich bisher nichts davon gehört...
Er zögerte einen Moment, dann nickte er langsam. "Habe ich, ja... Lass mich kurz zusammensammeln, was du hier aufgeschrieben hast, dann schauen wir, ob ich das richtige für dich habe." Henry verschwand zwischen den Regalen und kurz darauf hörte ich das Schleifen von Kartons auf krümeligem Boden.
"Angus?" Augenblicklich richteten sich seine dunklen Augen auf mich und jagten mir einen Schauer über den Rücken. Sein Blick war nicht so merkwürdig wie der von Henry, aber wütend wollte ich ihn dennoch ungern erleben. "Dieser stumme Zauber, den du vorhin an der Tür verwendet hast... Bringst du mir das auch irgendwann bei?"
Er nickte wortlos. Immerhin etwas...
Etwas mutiger fragte ich: "Wofür brauchst du diese Dinge, die du noch kaufen willst?"
"Das geht dich nichts an", erwiderte er unwirsch und wandte sich ab.
Zur gleichen Zeit kam Henry mit einem kleinen Karton zurück. "Alles gefunden", berichtete er zufrieden und drückte mir den Karton in die Hände. Ich entdeckte darin ein Buch, Kreidestifte, Pergament, ein Messer und allerhand kleine Fläschchen, deren Inhalt ich nicht erkennen konnte. Brauchte ich das tatsächlich alles, um zaubern zu lernen? Wenigstens zwang Angus mir keinen lächerlichen Zauberstab - oder noch besser: gleich einen Hexenbesen - auf. Vielleicht nahm er mich doch wenigstens ein bisschen ernst.
Henry verschwand hinter dem Tresen, tauchte kurz ab und förderte eine kleine, dickbauchige Flasche hervor. Angus betrachtete sie einen Moment und studierte die glänzenden Wirbel darin, die von einer sich bewegenden Flüssigkeit zu kommen schienen.
"Ganz frisch", erklärte Henry. "Habe sie sogar selbst abgefüllt. 1A-Qualität. Wegen der Asche müsstest du kurz mit nach hinten kommen." Er öffnete die Tür hinter dem Tresen.
Angus nickte. "Warte hier. Und fass bloß nichts an", meinte er zu mir und verschwand mit Henry in dem Hinterzimmer, das wohl wirklich ein Lagerraum war.
Seufzend stellte ich den Karton auf den Tresen und musterte die Flasche. Sollte das diese mysteriöse Seelenessenz sein? Wozu brauchte man das? Die Flüssigkeit hatte sich wieder beruhigt und schimmerte hinter dem braunen Glas leicht vor sich hin. Neugierig berührte ich die Flasche, zog meine Hand jedoch sofort wieder zurück, als das Glas warm zu pulsieren schien.
"Lass mich raus." Die leise Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Was war das? "Bitte, lass mich raus."
Ich unterzog der Flasche einer genaueren Betrachtung. "Bist du das?", fragte ich leise und kam mir dabei extrem bescheuert vor. Ich stand in einem Zauberladen und redete mit einer Flasche. Wie tief konnte ich noch sinken?
"Bitte."
"Was bekommst du für alles zusammen?" Ich zuckte erschrocken zurück, als Angus und Henry zurückkamen, und fühlte mich augenblicklich ertappt, obwohl ich nichts gemacht hatte außer zu gucken.
"335."
Angus nickte, zog ein Bündel Geldscheine aus der Innentasche seiner Jacke und zählte den Betrag ohne zu murren ab. Den Rest verstaute er zusammen mit der Flasche und einem kleinen Päckchen, das vermutlich die Asche enthielt, in seiner Jackentasche. "Nimm den Karton. Und trödel nicht wieder herum", wies er mich an, verabschiedete sich mit einem Nicken von Henry und lies mich allein stehen.
Ich seufzte. Typisch... Ob er mir wenigstens verraten würde, ob Seelenessenz sprechen kann?

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