[52/52-Challenge] ROD

Donnerstag, 7. Mai 2015 | Kommentieren
Heute gibt es mal eine Szene, bei der der Titel wirklich nichts verrät. ;)

Stichwort: Löwe
Wörter: 1418

ROD

Sonnenstrahlen erhellten das weitläufige Büro hoch über den Dächern der Stadt. Durch die gläsernen Wände, die an drei Seiten verliefen, bot sich ein atemberaubender Blick über die riesige Stadt. Nur wenige Tower erreichten die Höhe dieses Büros. Die Welt schien wie von Ameisen erbaut und von ihnen bewohnt, so klein wirkte alles aus dieser Höhe. Die Menschen unten auf den überfüllten Straßen waren kaum zu erkennen, die Autos nur farbige bewegliche Kästchen.
Das Büro selbst war spärlich, doch edel eingerichtet. An einem Ende, nahe der einzigen Tür des Raumes, stand ein großer Schreibtisch mit ledernem Stuhl dahinter. Lediglich einige Blöcke, Stifte und dünne Akten veteilten sich auf der Tischplatte, kein Computer, keine Bücher. Eine kleine Zahl an Ordnern stand in einem Regal an der einzigen undurchsichtigen Wand. Auf der anderen Seite befand sich eine kleine Sitzgruppe - ein niedriger Tisch, umgeben von einem ledernen Ecksofa, dessen Rückseite sich den Fenstern zuwandte - zudem ein niedriger geschlossener Schrank, in dessen gläsernem Aufsatz Gläser verschiedener Art auf die Benutzung warteten.Es klopfte und eine junge Frau stöckelte herein. "Mr. Gordon wäre nun anwesend, Sir."
"Lass ihn rein." Eine Gestalt löste sich vom Fenster hinter dem Schreibtisch und wandte sich um. Er war jung, noch keine Dreißig. Das schwarze Sakko mit der ebenso dunklen Hose und dem weißen Hemd schienen ihm auf den Leib geschneidert zu sein. Die Kleidung ließ ihn schlank, fast schon zerbrechlich wirken, doch seine düstere gleichsam autoritäre Ausstrahlung unterband jedweden Gedanken in diese Richtung augenblicklich.
Während die Frau aus dem Raum eilte, trat er an seinen Schreibtisch und klappte eine Akte zu. Aus einem Fach unter der Platte zog er ein zusammengeklapptes Notebook hervor, schaltete es kurz ein, um etwas zu prüfen, und versetzte es zurück ins Standby. Er ließ es auf dem Tisch liegen.
Die Tür öffnete sich ein weiteres Mal, statt der Frau trat jedoch ein Mann mittleren Alters und mit kurzen schwarzen Haaren ein. Er trug einen Anzug mit Krawatte, der bei jeder Bewegung leise raschelte.
"Ian, wundervoll, dass du Zeit für mich hast." Sie gaben sich die Hand, doch was aus der Ferne wie das Zusammentreffen zweier Gleichgestellter wirkte, war im Grunde die Begegnung eines Löwen mit einem potentiellen Opfer. Sie wussten es beide - darüber konnte auch die ungezwungene Sprache nicht hinwegtäuschen. Das leicht nervöse Flackern im Blick des Älteren und das kühl-unnahbare Lächeln des Jüngeren zeugte mehr als deutlich davon, wer der beiden der Mächtigere war. "Du hast eine neue Sekretärin?"
Ian zuckte mit den Schultern. "Ich konnte mir die andere nicht mehr leisten." Es war keine Geldfrage, gewiss nicht, auch wenn Geld keine unbedeutende Rolle spielte. Er betätigte einen kleinen unscheinbaren Knopf auf der Schreibtischplatte. Ein kaum zu hörendes Knacken ertönte. "Zwei Kaffee." Ein weiteres Mal drückte er den Knopf und deutete zu der Sitzecke auf der anderen Seite des Büros. "Setzen wir uns. Samuel." Dem Namen verlieh er eine merkwürdige, kaum zu deutende Betonung - eine Mischung aus Bitte, Befehl und Drohung. "Wir sollten uns unterhalten."
Sie ließen sich auf den Sofa nieder, jeder auf einer Hälfte, sodass sie sich beinahe gegenübersaßen. Die Tür öffnete sich und die Sekretärin kehrte mit einem Tablett zurück. Zwei leere Tassen, eine Kanne Kaffee sowie Milch und Zucker standen darauf. Sie stellte alles auf dem Tisch ab, goss den Kaffee ein und zog sich wortlos wieder zurück.
Ian wartete, bis sich die Tür wieder geschlossen hatte. Seinen Kaffee ignorierte er. "Wie läuft es in Downtown?", fragte er ruhig. Seine Tonlage hätte beinahe als Desinteresse gedeutet werden können. "Ich habe gehört, die Idioten von ROD machen mal wieder Probleme?" ROD war eine Gruppe junger Männer und Frauen - einige von ihnen fast noch Kinder - die vorwiegend in Downtown seine Geschäfte zu sabotieren versuchte. Nervig und vollkommen sinnlos. Sie glaubten tatsächlich, es würde helfen, die Polizei auf seine Spur zu bringen. Gegen solche lästigen Unternehmungen hatte er schon vor langer Zeit vorgesorgt. Die Polizei interessierte sich nicht mehr für ihn, egal, was er tat. Sie scherten sich nicht einmal mehr darum, wenn - rein zufällig - jemand aus den Reihen von ROD verschwand oder leblos in irgendeiner Gegend gefunden wurde.
Samuel schluckte kurz, ehe er seine Ruhe wiederfand und seine Schultern in einer Geste der angeblichen Selbstsicherheit zurückzog. "Es gab kurzzeitig Schwierigkeiten, aber die sind bereits wieder behoben. Mir ist einer ihrer Leute in die Hände gefallen." Ian zog eine Augenbraue nach oben. "Ich habe ihn umgedreht. Selbstverständlich wird er ständig überwacht. Wenn er Probleme macht oder nicht mehr gebraucht werden sollte, kann er jederzeit abgeschaltet werden."
"Gut." In dem einen Wort lag so viel Kälte, dass Samuel augenblicklich anfing zu frösteln. In dem kleinen Kreis der Ausgewählten, die überhaupt regelmäßigen Kontakt zu Ian pflegten, war sein Hass auf ROD hinlänglich bekannt. Er war professionell genug, es nicht offen nach außen zu tragen. In seiner Sprechweise wurde es dennoch deutlich. "Ich will keine weiteren Störungen. Der Deal mit Lao muss glatt über die Bühne gehen."
Samuel nickte und griff nach seiner Tasse. "Selbstverständlich." Er trank einen Schluck Kaffee. "ROD wird nichts tun, solange das Leben ihres lausigen Anführers auf dem Spiel steht."
Entspannt lehnte Ian sich zurück und verbarg damit geschickt den Funken Neugier, der sich in ihm ausbreitete. "Rede", befahl er ruhig, sich seines Einflusses vollkommen bewusst. Er war der Löwe in diesem Spiel, Samuel nicht mehr als austauschbare Beute, die er lediglich für den Moment nicht antasten würde.
Samuel schauderte. Er war an die Treffen mit Ian und die Gefahr, die von dem jungen Mann ausging, gewöhnt. Dennoch stellte ihn jede Unterhaltung auf eine neue Probe. "Der Kerl von ROD hat mir Informationen geliefert, wo Kol für gewöhnlich schläft. Die letzten zwei Nächte hatte er leider störende Begleitung, doch ab morgen sollte er dir gehören." Samuel zuckte gespielt ungezwungen mit den Schultern und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. "Zu deiner freien Verfügung, als kleine Entschädigung für die vergangenen Schwierigkeiten. Selbst wenn er stirbt, wird es nicht schwer sein, ROD in dem Glauben zu lassen, er wäre noch am Leben."
Sichtlich zufrieden gestattete Ian sich ein kleines Lächeln und trank nun erstmals ebenfalls einen Schluck Kaffee. "Bring ihn her, sobald du ihn hast. Keine Übergriffe. Für jede unnötige Verletzung zahlt einer deiner Leute." Er musterte seinen Gegenüber mit kühlem Blick. Jede Spur eines Lächelns war wieder verschwunden. "Oder du."
Samuel schluckte. Er hatte geahnt, dass Ian auf das Vorrecht bestand, dem ROD-Anführer etwas anzutun, sobald er sein Gefangener sein würde. Sollte Kol sich wehren, würden Verletzungen allerdings kaum zu vermeiden sein...
"Du kannst gehen."
"Danke." Samuel trank seinen letzten Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab und erhob sich. "Darf ich dich heute Nacht anrufen, sobald wir ihn haben?"
Ian nickte. Seine Sekretärin brauchte davon nichts wissen. Er hatte keine Lust, sich schon wieder nach einer Neuen umsehen zu müssen.
Samuel verabschiedete sich und verließ das Büro. Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, schaute Ian angewidert auf seinen mittlerweile kalten Kaffee, erhob sich und trat ans Fenster; das kalte Lächeln erneut auf den Lippen. Der Anführer von ROD - sein Gefangener. Diese verdammte Truppe würde es noch bereuen, sich mit ihm angelegt zu haben.

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