[52/52-Challenge] (R)Ausblicke

Samstag, 23. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Fenster
Wörter: 788

(R)Ausblicke

Ich sitze auf meinem Bett, in dem kleinen Zimmer, dass ich Mein nennen darf. Es hat keine Tür und das einzige Fenster, auf das ich Tag für Tag starre, ist zugemauert worden, bevor ich hierher kam. Es ist dunkel; nur ein kleiner Schimmer von dem Kristall, der in die Wand eingelassen ist, wo sich vielleicht einmal die Tür befand, spendet einen Hauch von Licht.
Von irgendwo und nirgends hüllt mich ein seichter Lufthauch ein. Ich habe Tage, vielleicht sogar Wochen damit zugebracht, seine Quelle zu finden. Erfolglos.
Mein Zeitgefühl habe ich schon vor einer halben Ewigkeit verloren - vielleicht war es auch erst gestern. Wer weiß das an diesem Ort schon? Für mich gibt es keinen Wechsel von Tag und Nacht, sondern immer nur das ewig gleiche schwache Leuchten des Kristalls. Ich kann keine Tage zählen, keinen Kalender führen, nichts. Eine Zeit lang habe ich jedes Mal, wenn ich aufwachte, mit dem Fingernagel eine Rille in die Wand gekratzt - ein kläglicher Versuch, einen gewissen Lebensrhythmus zu erschaffen. Irgendwann habe ich damit aufgehört.Vielleicht könnte ich an meinem Aussehen ablesen, wie lange ich schon in diesem Zimmer bin - wie sehr ich mich verändert habe - doch ich besitze nicht einmal einen Spiegel. Die Scheiben des Fensters sind matt, auch wenn ich immer wieder darüber wische. Wasser habe ich ebenfalls keines, das als Spiegelersatz dienen könnte.
Wenn ich darüber nachdenke, habe ich mich vielleicht gar nicht verändert. Seit ich in diesem Zimmer bin, kenne ich weder Hunger noch Durst. Möglicherweise ist meine Uhr einfach stehengeblieben und ich werde auf ewig ich sein - unverändert, abgeschottet von der Welt, einsam.
Ich seufze.
Tag ein, Tag aus. Immer das gleiche. Immer die gleichen Gedanken, immer die gleiche Aussicht, immer die gleiche Langeweile.
Für mich gibt es nur einen einzigen wirklichen Lichtblick. Etwas, wohin ich flüchten kann, wann immer ich die eintönige Einsamkeit meines Zimmers nicht mehr ertragen kann. Es ist ausgerechnet das zugemauerte Fenster, die durchsichtig-undurchsichtige Scheibe, die mir diese Flucht ermöglicht, die in Wahrheit keine ist. Ohne Fenster wäre ich verloren, vergessen in meinem stillen Zimmer im Irgendwo. Das Fenster ist mein Schlupfloch in die Welt. Durch das Fenster kann ich mich einmal frei fühlen; einmal das Gefühl haben, von einer Plattform hinab auf die Welt zu blicken und zu sehen, was selbst in den entferntesten Ecken vor sich geht. Einmal das Gefühl haben, nicht eingesperrt zu sein - ferngehalten von der Welt.
Wieder seufze ich, schaue zum Fenster und bewege meinen Arm durch die Luft, als würde ich mit dem Ärmel über die Scheibe wischen, ohne sie zu berühren. Die kaum zu erkennenden Steine hinter dem Glas verschwimmen - es erinnert mich an die Spiegelungen im Wasser, die vergehen, wenn man einen Stein hineinwirft.
Statt der grauen Wand sehe ich hinter der Scheibe einen tiefen Wald, vor dem ein kleines Dorf steht. Rauch steigt aus den Schornsteinen auf. Ich bemerke Bewegungen auf den Straßen, die Menschen kann ich allerdings kaum erkennen. Es ist bereits zu dunkel. Hinter den Bäumen versinkt die Sonne blutrot. Sie blendet meine an die Dunkelheit gewöhnten Augen, aber ich weigere mich, den Blick abzuwenden. Ich heiße die Sonne willkommen und ertappe mich dabei, darüber nachzudenken, wie es sich anfühlen würde, jetzt dort draußen, an diesem Ort, in diesem Dorf zu stehen. Wie die letzten Strahlen der Sonne über meine Haut tanzen, wie der Wind mich umspielt, wie Vögel ihre Lieder in den Kronen der Bäume singen.
Die Gedanken schmerzen, ebenso wie die schwachen Erinnerungen, die in mir aufsteigen und die ich schnell wieder begrabe. Von der Vergangenheit habe ich mich vor langer Zeit gelöst. Sie hat keine Bedeutung mehr.
In meinem Zimmer ist nichts von Bedeutung.
Ich weiß nicht, ob das Bild vor dem Fenster die Realität widerspiegelt, ob die Sonne an diesem mir fremden Ort tatsächlich genau in diesem Augenblick untergeht. Beeinflussen kann ich niemals, was ich sehe. Und während ich darüber nachdenke, während mich die Schmerzen und die Trauer über alles, was ich einst besaß und verloren habe, übermannen, verschwimmt das Bild vor dem Fenster erneut. Der dunkle Mauerstein kehrt zurück.
In dem tiefen Dämmerlicht sinke ich auf meinem Bett zusammen. Schluchzend.

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