[52/52-Challenge] Ohne Titel

Samstag, 16. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Blau
Wörter: 941

Ohne Titel

Du stehst am Fenster und schaust hinaus in den verschneiten Garten. Eine hohe Steinmauer mit schneeweißer Krone umfasst ihn. Einnerst du dich, wie du versucht hast, darüber zu klettern? Wie du um Verzeihung gebettelt hast, während du mit verstauchtem Fuß und gebrochenem Arm vor mir kauertest?
Die zwei großen Eichen sind nur Gerippe ihrer selbst, ganz ohne die riesige Blätterkrone und nur mit den kahlen schneebedeckten Ästen. Erinnerst du dich, wie du am Stamm einer der Eichen standest, die Hände daran festgebunden, der Rücken mit blutigen Striemen überzogen? Wie du dich anfangs gewehrt hast, bis du dich deiner Strafe schließlich weinend fügtest?
Die erhöhte hölzerne Terrasse ist leer. Die Möbel sind über den Winter eingelagert. Erinnerst du dich, wie du in jenem ersten Winter dort auf dem Holz im Schnee knietest, die Hände und Füße gefesselt, nur in Jogginghose, T-Shirt und Socken? Wie ich dich irgendwann in der Nacht halb bewusstlos ins Haus geholt habe; wie du geschrien und geweint hast, als sich dein Körper langsam wieder erwärmte?
Es ist Vergangenheit. Lange her.Heute stehst du am Fenster und beobachtest, wie Vögel Körner aus dem Vogelhaus picken, das ich dir geschenkt habe. Du lächelst. Ganz leicht nur und doch fällt es mir sofort auf. Du lächelst selten. An den wenigen Malen, die du mir abends auf dem Sofa Gesellschaft leisten darfst und um ein wenig sanfte Aufmerksamkeit bittest, lächelst du auch. Es sind schöne Abende. Viel zu selten. Der letzte bereits viel zu lange her.
Ich trete an dich heran und lege eine Hand auf deine Schulter. Du wendest den Blick von den Vögeln ab und schaust mich fragend an. Immer nur das. Dieser Blick aus deinen hellen blauen Augen. Ich erinnere mich nicht daran, wann ich das letzte Mal deine Stimme gehört habe. Leider. Deine Stimme war wundervoll, auch wenn du mich - soweit meine Erinnerung reicht - nur beschimpft hast.
Mein kleiner Rebell...
So lange ist das her. So vieles ist seitdem geschehen.
Aber warte einen Moment... Einmal hast du mich nicht beschimpft. Einmal - ich erinnere mich, dass du einen harten Tag hinter dir hattest und kaum bei Bewusstsein warst - hast du mich gefragt, ob ich dir helfen könnte. Dich beschützen. Vor ihm. Gänzlich wach hättest du das wohl niemals getan, doch in diesem Moment... Deine Stimme klang ungewohnt weich, schläfrig. Und verzweifelt. Es tut mir noch heute leid, dass ich deine Frage verneinen musste. Es ging nicht anders. Ich glaube, allmählich hast auch du es verstanden.
Ich lehne mich neben dir an, mit dem Rücken zum Fenster, und streiche dir erst durch die Haare, dann über die Wange. Du lehnst dich leicht gegen meine Hand und schließt für einen kurzen Augenblick die Augen - das leichte Lächeln weiterhin auf den Lippen.
Ich seufze und wende mich ab, spüre deinen traurigen Blick auf meinem Rücken. Traurig... So vieles hat sich geändert. Erinnerst du dich, wie du mich damals angegriffen hast, als ich dir den Rücken zuwandte? Dreimal hast du es versucht und jedes Mal verloren. Dreimal bist du mit einigen Prellungen und blauen Flecken davongekommen. Du wolltest nicht lernen. Nach dem vierten Mal hast du es trotzdem getan. Nachdem du seine Kugeln in deinen Beinen hattest, in jedem Oberschenkel eine. Es war der erste Schritt, der dich zur endgültigen Aufgabe führte. Bis zu jenem Moment, in dem du dich in deine Rolle als Diener und Spielzeug einfügtest... Es war das erste Mal, dass du dir von mir hast helfen - und die Kugeln entfernen - lassen. Erinnerst du dich, wie sehr du es damals hasstest, dich von mir anfassen zu lassen, obwohl ich dir ausnahmsweise nicht wehgetan habe?
Ich greife das Glas Wasser auf dem Tisch und reiche es dir. Aus meiner Hosentasche hole ich eine kleine Pillendose, öffne sie und nehme zwei blaue Tabletten heraus. Auch sie gebe ich dir. Langsam flackert Verständnis in deinem Blick auf und du senkst den Kopf.
"Es ist besser so, glaub mir."
Du nickst tapfer, doch ich kann die unvergossenen Tränen in deinen Augen sehen, als du den Kopf wieder hebst. Deine Hände zittern, als du die Tabletten zusammen mit dem Wasser herunterschluckst. Ich nehme dir das Glas aus der Hand, stelle es zurück und - nach kurzem Zögern - ziehe ich dich in eine Umarmung. Du versteifst dich einen Augenblick, bist es nicht gewohnt, aber als ich dir über den Rücken streiche, entspannst du dich.
"Ist gut, lass sie wirken. Du weißt, dass sie dir helfen."
Wieder nickst du und dieses Mal spüre ich Feuchtigkeit, die mein Hemd durchdringt. In einer halben Stunde wird er dich holen und erst im Laufe der Nacht, vielleicht auch erst im Morgengrauen zurückbringen. Dann gehörst du wieder mir. Dann darfst du wieder weinen. Ich weiß, dass die blauen Tabletten es dir nur leichter machen können, mehr nicht. Du musst für ihn reagieren, sonst wird er dich bestrafen. Die Pillen lassen wenigstens die Geschehnisse verschwimmen und mildern die Schmerzen ein wenig.
Mehr kann ich nicht tun.

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