[52/52-Challenge] Kristallklar

Freitag, 15. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Kristall
Wörter: 1338


Kristallklar

"Was, denkst du, ist so besonders an diesen Kristallen?"
Benji zuckte mit den Schultern und kletterte vor mir auf einen riesigen umgestürzten Baum. "Was weiß ich. Solange wir gut dafür bezahlt werden, ist es mir egal." Er schlug seinen Dolch in das Holz und zog sich daran hoch, ehe er auf der anderen Seite hinuntersprang.
"Ich meine nur, dass es merkwürdig war, wie gierig der Priester nach den Kristallen zu sein schien", warf ich ein und folgte ihm über den Stamm. Er war rutschig. Rinde bröckelte unter meinen Fingern weg und ich brauchte einen Augenblick, um genügend Halt zu finden, damit ich mich auf die andere Seite schwingen konnte. "Ich traue dem Ganzen nicht."
Er wandte sich einen Augenblick zu mir um und verdrehte die Augen. "Stell dich nicht so an. Ein paar glitzernde Steinchen haben die mächtigsten Männer um den Verstand gebracht. Davor ist auch ein Priester nicht sicher."
"Mag sein, aber warum dürfen wir sie auf keinen Fall anfassen?"
Benji zuckte mit den Schultern und schwieg.
Wir kämpften uns noch ein paar Meter durch den dichten Dschungel, dann erreichten wir endlich die Lichtung, nach der wir die vergangenen drei Tage gesucht hatten. Es war nicht nur irgendeine Lichtung. Im Grunde war es überhaupt keine Lichtung, sondern eine Wiese, über der sich die Äste der Bäume zu einer geschlossenen Kuppel verflochten hatten. Das Wichtigste war allerdings der alte Tempel, der direkt unter dem Zentrum der Kuppel erbaut worden war: ein prächtiges Gebäude mit unzähligen kleinen und großen Säulen und kunstvollen Mustern, die in den mittlerweile mit Moos bewachsenen Stein geritzt worden waren. Es war vollständig verschlossen, ganz ohne Fenster und Türen.
"Und jetzt?"
Benji stellte seinen Rucksack ins Gras und wühlte darin herum, bis er eine Karte fand, die er vor sich ausrollte. Mehrmals blickte er von der Karte zum Tempel und wieder zurück, bis er seinen Finger auf eine Stelle der Karte legte. "Wir sind hier." Er fuhr über das Papier und umrundete mit dem Finger den eingezeichneten Tempel. "Dem Priester zufolge sollte es hier einen Eingang geben..." Er schulterte seinen Rucksack und behielt die Karte zusammengerollt in der Hand. "Lass uns mal schauen, was wir finden. Irgendwo wird es diesen Zugang schon geben."
Wir gingen zu der Rückseite des Tempels, die nicht anders als die Vorderseite aussah, die wir eben hinter uns gelassen hatten. Lediglich zwei Säulen schienen größer und noch detaillierter verziert als ihr Pendant auf der anderen Seite. Kein Eingang.
Ich trat zwischen die zwei Säulen und betrachtete die eingeritzten Muster - Linien, einfache Formen, fremdartige Schriftzeichen.
"Das muss uralt sein." Benji war neben mich getreten und fuhr fasziniert mit den Fingern über den Stein.
Ich nickte und folgte dem Muster mit den Augen, bis mir eine Rille auffiel, die ein auf dem Boden beginnendes großes Rechteck zeichnete. Konnte das die Tür sein? Aber wie sollte man sie öffnen? Es musste irgendwo... Genau, da!
 "Benji?" Er schaute mich an und ich deutete auf eine Form, die einer Hand ähnelte. "Leg deine Hand darauf."
Zwar sah er mich irritiert an, tat es allerdings. Die Form war ein wenig größer als seine Hand. Genau gegenüber fand ich fünf Kreise und ein Oval darunter, die mich entfernt an den Pfotenabdruck eines Tieres erinnerten. Ich legte meine Fingerspitzen auf die Kreise und setzte den Handballen auf dem Oval ab.
"Versuch, dagegen zu drücken."
Benji nickte und als wir zeitgleich unsere Hände gegen die Formen drückten, sackten sie ein kleines Stück in das Mauerwerk. Sofort wichen wir beide zurück. Staub rieselte herab. Das Rechteck, das ich zuvor entdeckt hatte, trat aus der Wand hervor und glitt anschließend mit einem schleifenden Geräusch zur Seite. Ich grinste Benji zufrieden an und wir schauten zusammen in das dunkle Innere des nun offenen Tempels.
"Jetzt müssen wir nur noch die Kristalle finden."
Ich löste die Fackel von meinem Rucksack und zündete sie an. "Los." Wir betraten das Tempelinnere. Es roch muffig. Der Staub kitzelte in meiner Nase und ich musste mehrfach niesen. Glücklicherweise legte sich der Staub, je tiefer wir vordrangen. Es gab nur einen einzelnen Gang, der in einen einzigen - dafür sehr großen - Raum, der fast schon eine säulengestützte Halle war, mündete. An den Wänden, jeweils von zwei mit Gold geschmückten Säulen eingerahmt, standen Figuren, die vermutlich uralte Götter darstellten. Auch sie waren mit Gold verziert. In den Augenhöhlen saßen funkelnde Rubine. Kristalle - ja. Nur nicht die, die wir suchten.
An der Decke gab es kleine Rillen, durch die Licht in die Halle fiel. Es brach sich in den kristallenen Augen der Götterfiguren und tauchte die Halle in ein faszinierendes Licht. Ich steckte meine Fackel in eine leere Halterung an einer der Säulen. Vorerst brauchte ich sie nicht mehr.
"Schau dir das an!"
Benji hatte sich bereits weiter vorgewagt. Ich entdeckte ihn vor fünf klaren kristallenen Figuren. Feine rote Linien und milchig scheinende Flecken waren in die Figuren eingearbeitet, die ich auf den zweiten Blick als Menschen erkannte - eine Frau und vier Männer. Welches Volk hatte diese prächtigen, detaillierten Figuren geschaffen?
Sie waren in einem Halbkreis um eine unscheinbare steinerne Truhe errichtet. Benji schlängelte sich zwischen den Kristallfiguren hindurch und schob den Deckel der Truhe beiseite.
"Wow." 
Die kleinen runden Steine, die zum Vorschein kamen, glitzerten in den unterschiedlichsten Farben und schienen diese sogar wechseln zu können, denn als ich ein Stück näher herantrat, waren sie plötzlich nicht mehr rot, gelb und violett, sondern blau, grün und silbrig.
"Das sind sie."
Benji nickte und streckte die Hand nach ihnen aus.
"Lass das. Du weißt, was der Priester gesagt hat."
Benji schnaubte. "Altes Geschwätz." Er griff eine handvoll Steine und betrachtete sie genauer. Plötzlich riss er den Kopf nach oben und starrte mich an. "Niall?"
"Was", begann ich, doch die Worte blieben mir im Hals stecken, als ich zusah, wie Benji die Steine zurück in die Truhe fallen ließ und sein Körper auf merkwürdige Weise erstarrte. Sein Mund öffnete sich noch einmal, doch es kam kein Ton heraus. Kurz darauf ertönte mehrmals ein Knirschen, als würde Eis brechen, dann begann Benjis Körper zu glänzen, als wäre er von einem Kristall eingeschlossen.
Ich wich zurück und kniff erschrocken die Augen zusammen, als das Licht sich zu intensivieren schien. 
Knack. Knack. Knack.
Stille.
Unsicher blinzelte ich, schaute zu Benji und holte erschrocken Luft. Benji! Er... er war fort. Zumindest so, wie ich ihn kannte. Statt ihm stand dort eine Kristallfigur, gänzlich durchscheinend. Nur einige der Stellen, an denen sich Knochen oder Organe befunden hatten, waren milchig weiß. Auch die roten Linien hatte er. Es waren nicht nur Linien, wie ich feststellen musste. Das Rot stellte Blutbahnen dar.
"Wir sollten sie nicht berühren", flüsterte ich, unfähig, tatsächlich zu realisieren, was geschehen war.
Mit einem Mal ertönte erneut ein Knirschen, dieses Mal tief in dem Gang, aus dem wir gekommen waren. Ich rannte los. Was war das? Brach der Tempel zusammen?!
Nein.
Als ich den Gang endlich erreicht hatte, empfing mich Schwärze. Kein Licht war zu sehen, wo der versteckte Eingang offen liegen sollte. Ich war gefangen.

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