[52/52-Challenge] Kranke Magie

Montag, 11. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Fieber
Wörter: 1048


Kranke Magie

"Doktor?"
"Er hat hohes Fieber. Es steigt noch immer."
"Ist er krank? Eine Erkältung? Oder ist es wirklich das Fieber?"
Der Doktor seufzte und packte seine Instrumente zurück in die Tasche. "Es tut mir leid. Sie sollten dem Konzil schnellstmöglich Bescheid geben. Wenn das Fieber weiterhin so schnell steigt, wird er die nächsten zwei Tage kaum überleben."
Die Stimmen entfernten sich zusammen mit den Schritten seiner Mutter und des Doktors. Er blieb allein in seinem abgedunkelten Zimmer zurück. Allein in der Stille. Nicht einmal ein Vogel war zu hören, kein Rasenmäher im Nachbarsgarten, der die sonntägliche Ruhe bekämpfte, keine Autos oder spielenden Kinder auf der Straße. 
Er zog sich die Decke über den Kopf. Zitterte. 
Nicht das Fieber.
Die letzten Tage hatte er immer wieder gebetet, schließlich sogar gefleht, dass es nur eine Erkältung war. Er hatte gezittert, geweint, geschrien, geflucht. Seine Mutter hatte versucht, ihn zu beruhigen. Sie hatte versucht, ihm Mut zu machen. Genützt hatte all das nichts.
Noch war er ein Hexer - ein Minderjähriger mit magischen Genen. Gerade einmal vierzehn Jahre alt. In der magischen Gesellschaft, zu der er gehörte und die unerkannt unter den Menschen existierte, wurde man in diesem Alter zu einem vollwertigen Mitglied der Gemeinschaft. Das magische Erbe erwachte vollständig. Aus einem Hexer wurde ein Magier, der richtige Zauber und nicht nur die einfache, intuitive Kindheitsmagie wirken konnte. 
Es sei denn, man bekam das Fieber.
Das Konzil behauptete, jeder dritte Hexer und jede fünfte Hexe würden es bekommen. Manchmal war der Körper nicht stark genug, die magische Energie, die im vierzehnten Lebensjahr freigesetzt wurde, zu ertragen. Die Magie drängte nach außen, ohne vom Körper bewältigt werden zu können. Der Körper zerstörte sich selbst. Er bekam Fieber. Unbehandelt stieg es immer weiter, bis es schließlich nach wenigen Tagen zum Tod führte.
Es gab nur ein Gegenmittel, das in Wahrheit jedoch keine Medizin, sondern eine Verstümmelung war: die magische Kastration. Besonders geschulte Magier zerstörten die feinen Kanäle, die jedem Magier das Wirken von Zaubern ermöglichten, und deaktivierten einen Teil der magischen Gene, die für den nun fast menschlichen Körper nicht lebensnotwendig waren.
Aus einem Hexer wurde ein Vertrauter - ohne eigene magische Fähigkeiten, aber mit dem Wissen um die Magie. Für Magier waren Vertraute wie Diener: Sie bereiteten Zauber vor, ohne sie ausführen oder auch nur manipulieren zu können, sie recherchierten, führten Buch, überbrachten Nachrichten oder fertigten Salben und Tränke, für die nicht zwingend Magie notwendig war. Mitunter dienten sie auch als Energiespeicher, da ihre Körper magische Energie zwar halten, aber nicht nutzen konnten. Was für einen Magier zur Hilfe wurde, war für den Vertrauten oftmals eine Qual, denn ohne die Fähigkeit, Magie abgeben zu können, staute sie sich im Körper und brannte nach kurzer Zeit an jedem einzelnen Nerv für hunderte Feuer.
Vertraute standen auf der untersten Stufe der magischen Gesellschaft, sogar noch niedriger als Hexer. Ebenso wurden sie behandelt.
Er schluchzte. Kein Vertrauter. Er wollte kein Vertrauter werden. Das war seine Magie. Sie gehörte ihm. Sie durften sie ihm nicht wegnehmen! Er wollte kein Diener werden. Er sollte ein Magier werden, genau wie seine Eltern, seine Großeltern, seine Urgroßeltern. Seit Generationen hatte es keinen Vertrauten mehr in seiner Familie geben!
Er setzte sich auf und zog die Decke fest um seinen bebenden Körper. Das Fieber hatte ihn geschwächt. Sein Kopf schmerzte bei jeder Bewegung und er fühlte sich gleichzeitig heiß und unglaublich kalt.
Er würde seine Magie nicht hergeben. Vielleicht kam sein Körper damit zurecht? Vielleicht brauchte er nur Zeit, um sich daran zu gewöhnen? Was war mit jenen Hexen und Hexern geschehen, die das Fieber bekommen hatten, bevor das Konzil die magische Kastration einführte? Er konnte - wollte - nicht glauben, dass sie alle gestorben waren. 
Es musste einen anderen Weg geben!
Die Tür zu seinem Zimmer öffnete sich und seine Mutter kam zurück. Sie setzte sich an sein Bett und strich ihm über das feuchte Haar. "Keine Angst, mein Schatz. Ich habe das Konzil informiert. Morgen Vormittag werden sie jemanden herschicken, der dir hilft. Es wird alles gut."
"Mama." Seine Stimme erschreckte ihn. Schwach. Weinerlich. Flehend.
Sie lächelte und umarmte ihn. "Alles wird gut."
"Sie dürfen sie mir nicht wegnehmen."
"Schhh. Du wirst wieder gesund." Sie streichelte ihm über den Rücken, doch ihre Berührung drang nicht zu ihm durch.
"Mama, bitte..."
"Ist ja gut. Alles wird wieder gut." Sie löste sich von ihm, küsste ihn auf die Stirn und erhob sich. "Schlaf. Ruh' dich aus. Morgen wird es dir wieder besser gehen."
Sie ließ ihn wieder allein, ohne ein einziges Mal auf sein Flehen eingegangen zu sein. Er würde wieder gesund werden... Wollte er gesund sein, wenn das hieß, dass seine Magie fort wäre und er nicht mehr als ein Diener für die magische Gesellschaft wäre?
Er war sich sicher, die Antwort zu kennen: Nein.
Er packte die Decke fester und rollte sich auf seinem Bett zusammen. Er würde sie nicht hergeben. Nicht seine Magie. Auf keinen Fall. Er war geboren, um eines Tages ein Magier zu sein. Als er jünger war, hatten ihn seine Lehrer im nachmittäglichen Hexenunterricht immer für seine gut entwickelte Kindheitsmagie gelobt.
Er würde sie nicht hergeben!
Lieber wollte er sterben. Obwohl er auch das nicht wirklich wollte. Es musste noch einen anderen Weg geben. Einen, bei dem er leben würde, ohne einer magischen Kastration unterzogen zu werden. Es musste ihn einfach geben.

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