[52/52-Challenge] Kleinformat

Freitag, 29. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Zwerg
Wörter: 634

Kleinformat

Ich sitze auf der Mauer und starre abwechselnd in den Garten, auf die Garage und die verglaste Rückseite des Hauses mit der riesigen Terrasse.
Immer noch.
Vorhin stand ich eine Weile, aber ich kann nicht ewig stehen und nach Hause laufen muss ich nachher auch noch. "Sind doch nicht mal zwei Kilometer", hat Sampson zu mir gesagt, als ich mich darüber beschwerte, dass ich nicht einmal ein Fahrrad bekam. Ich schnaube. Mag ja sein, dass zwei Kilometer mit langen Beinen schnell zu bewältigen sind, aber für jemanden, der nicht größer als ein Taschenbuch ist, sind sie die Hölle.
Erstmal nicht daran denken.Ich rücke das Moos unter mir zurecht, zupfe ein wenig an dem langen Gras, das aus den Fugen der Mauer sprießt und hinter dem ich mich verstecke, und lehne mich wieder zurück. Wobei - bloß nicht zu weit lehnen. Ich hab keine Lust, schon wieder an den verdammten Steinen hochzuklettern. Beim letzten Mal sind mir einige unter den Fingern zerbrochen.
"Pass auf, was er macht" und "Beobachte ihn" hatte Sampson gesagt. "Melde, wenn er sich verdächtig benimmt", hatte sie gesagt. Dass der Dreckskerl den ganzen beschissenen Tag nicht auftauchen würde, hatte sie nicht gesagt.
Genervt werfe ich Steine in den Garten, wie schon Minuten zuvor. Die Uhr an meinem Handgelenk piepst zum mittlerweile siebten Mal. Seit verdammten sieben Stunden warte ich jetzt, dass hier endlich etwas passiert. Anscheinend hat es heute keiner sonderlich eilig, abgesehen vom Zwerg auf der Mauer. Eigentlich hatte ich mich mit Rory verabredet, um weiter an seinen Computern zu schrauben. Das kann ich wohl vergessen.
Ich seufze. Verdammter Job. Schön und gut, dass ich trotz meiner zwanzig Zentimeter einen Job beim Geheimdienst bekommen habe. "Spion im Auftrag des Präsidenten" - wer darf das schon von sich behaupten? Aber das Leben, das ich neben der Arbeit eigentlich noch haben sollte, hat sich irgendwann in den letzten Monaten verabschiedet. Ganz super. Am Ende werde ich wahrscheinlich der kleinste Mann der Welt mit Burnout sein. Wenigstens habe ich dann einen Weltrekord. Irgendwelche Perspektiven muss man sich schließlich bewahren.
Ich ziehe das Messer, das Sampson immer "Zahnstocher" nennt, aus meinem Gürtel und poliere es mit einem Tuch aus meiner Hosentasche. Viel mehr habe ich im Augenblick nicht zu tun. Zahnstocher... Dass ich damit jederzeit töten kann, kommt ihr nicht in den Sinn. Klein heißt nicht automatisch hilflos, aber wer hört mir schon zu? Ich bin ja nur der "niedliche kleine Mann", den man zum Spionieren schicken kann, wenn eine Drohne zu unhandlich und einer der anderen - großen - Spione zu auffällig ist. Warum nimmt mich eigentlich nie jemand ernst? Man könnte meinen, mittlerweile hätten die anderen kapiert, welche Vorteile meine Größe für unsere Arbeit bringt und wie hilfreich ich sein kann, aber nein... Das wäre zu einfach.
Ich höre ein Auto. Kurz darauf leuchten die Fenster der Garage für einen Augenblick auf. Ich schiebe das Messer zurück in meinen Gürtel und richte mich auf. Der werte Herr scheint heute doch noch nach Hause zu kommen... Hoffe ich. Bei meinem Glück ist es nur die Haushälterin, die in dem leeren Haus nach dem Rechten sehen will, weil der Besitzer auswärts bleibt.
Zwei Schüsse fallen.
Ich höre die Schritte einer wegrennenden Gestalt, die ich die ganze Zeit über nicht bemerkt habe.
Verdammt. Vielleicht hätte ich doch in der Garage warten sollen.
Sampson dreht durch, wenn der Dreckskerl tot ist...

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