[52/52-Challenge] Der Preis

Sonntag, 3. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: General
Wörter: 1303

Der Preis

Er huschte durch die nachtdunklen Straßen, nicht mehr als ein Schatten in der Finsternis. Kein Mond leuchtete am Himmel; nur vereinzelte Sterne, deren Licht kaum hinunter auf die Erde und gewiss nicht in die finsteren Gassen reichte, in denen er sich bewegte. Aus dem einen oder anderen Fenster drang der schwache Schein einer Kerze - es war das einzige Licht, das ihn erreichte. Straßenlaternen gab es in diesem Viertel nicht, genau so wenig wie Elektrizität, doch daran hatte er sich längst gewöhnt. Er kannte es kaum anders. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt; zielsicher fand er den Weg zwischen verfallenen Wänden, Müllbergen und Schutt hindurch zu einer brüchigen Holztür. Angeln hatte sie keine mehr. Sie war nur angelehnt; das Schloss am nutzlos gewordenen Riegel lediglich Tarnung. Ob es funktionierte, wusste er nicht. Es war ihm egal. Er hatte nichts zu verbergen und zu stehlen erst recht nicht. Es wäre nur ärgerlich, eines Tages wieder einmal seinen Unterschlupf besetzt von einem Fremden zu finden, der ihn nicht mehr einließ.Dank Cross hatte er zumindest eine Chance, dass das nicht allzu bald geschah. Es sei denn, Cross entschied, sich jemand anderen zu holen und ihn nicht mehr zu wollen. Was durchaus im Rahmen des Möglichen war.
Er betrat den winzigen Unterschlupf und entzündete eine halb abgebrannte Kerze mit dem Feuerzeug, das er in den letzten Tagen immer bei sich trug. Es war eines seiner wenigen Schätze. Wer kein Geld besaß, versuchte wenigstens, sich mit materiellem Besitz über Wasser zu halten. Etwas anderes blieb ihm kaum übrig. Nicht, seit sich der General gegen das einstige Parlament durchgesetzt und es entmachtet hatte. Sicher waren die Quartiere, wie die Viertel außerhalb des Zentrums genannt wurden, noch nie gewesen, doch seit der General das Zentrum abgeriegelt und eine Sicherheitszone daraus gemacht hatte, glich das Leben in den Quartieren einem täglichen Überlebenskampf. Wer über keine Kontakte zu den Kartellen verfügte, hatte weder das Recht auf eine Wohnung, noch auf Essen oder andere notwendige Güter. Wer nicht die Kraft hatte zu kämpfen, war verloren.
Er seufzte. Kontakte hatte er nicht. Er hatte nur Cross, den mysteriösen Schwarzhaarigen, von dem er genau genommen nichts wusste. Er war ein schweigsamer Mitbewohner, wenn er ihn überhaupt als solchen bezeichnen konnte, so selten, wie er hier war. Sie redeten nicht mehr, als unbedingt notwendig. Letztendlich wusste er auch nicht, worüber er mit Cross reden sollte. Auf die einzige, nicht mit Ja oder Nein zu beantwortende Frage, die er ihm je gestellt hatte - woher er die Nahrung bekam, die er täglich mitbrachte - hatte er nie eine Antwort bekommen.
Gähnend sank er auf die Strohsäcke, die ihnen als Bett dienten, ließ seinen Beutel zu Boden fallen und stellte die Kerze neben sich. Seine Beine wollten ihn nicht mehr tragen, nachdem er den ganzen Tag damit verbracht hatte, möglicherweise nützliche Dinge in den Müllbergen des Zentrums zu sammeln, ohne von den Wächtern des Generals erwischt zu werden. Sonderlich erfolgreich war er nicht gewesen. Eine kaputte Öllampe ohne Öl, ein paar Kerzenstummel, ein eingerissener Teller, einige Metallstücke, Schrauben, Nägel, ein noch tragbarer Pullover. Vielleicht könnte er etwas davon, zusammen mit den anderen Dingen, die er in den letzten Tagen gesammelt hatte, morgen in den Gassen tauschen. Er brauchte Streichhölzer - sein Feuerzeug würde nicht mehr lange reichen. In den Sohlen seiner Schuhe reihten sich bereits die Löcher. Wenn er aus den gesammelten Stofffetzen endlich eine Decke machen wollte, brauchte er eine Nadel und halbwegs stabiles Garn.
In den Nächten sank die Temperatur bereits gen Nullpunkt. Er musste mit seinen Vorbereitungen für den Winter endlich vorankommen, sonst würde er kaum überleben können - mit oder ohne Cross.
Sein Magen knurrte vernehmlich; er hatte den gesamten Tag noch nichts gegessen. Wenn er Glück hatte, kam Cross bald. Er wollte nicht daran denken, dass er erst im Morgengrauen oder für diesen Tag überhaupt nicht kommen konnte.
Er zog sich den Stoffbeutel heran und durchwühlte ihn nach Dingen, die er selbst brauchte. Die Kerzen - definitiv. Der Pullover war für den anstehenden Winter ein Glücksgriff, auch wenn er nicht sehr dick war. Jede Lage Stoff war gut.
"Du bist schon da."
Bei dem Klang der kühlen Stimme blickte er auf. Er hatte nicht gehört, wie Cross hereingekommen war. Nichts Neues. Es war selten anders.
"Hier." Er warf ihm eine zerknitterte Papiertüte zu, in der er ein Stück Brot fand.
"Danke." Er schob seinen Stoffbeutel mit den restlichen Errungenschaften zur Seite und legte die Kerzen und den Pullover in die kleine Kiste unter den Strohsäcken, in der er seine wenigen Besitztümer verwahrte, die nicht so wertvoll waren, um sie immer bei sich zu tragen. Mit einem kurzen sehnsüchtigen Seitenblick auf die Tüte mit dem Brot schaute er schließlich wieder zu Cross und begann, die Schnürung an seiner knopflosen Jacke zu lösen.
"Iss erstmal. Ich bleibe die Nacht über."
Überrascht sah er ihn an, nickte zögerlich und stürzte sich dann fast schon auf das Brot. Was sollte er tun, wenn Cross ihn irgendwann nicht mehr wollte? Er war nicht hübsch, nicht besonders groß, viel zu dürr und schwach im Vergleich zu so vielen anderen, denen er täglich begegnete. Sein einziger Vorteil mochte sein Alter sein; er war vielleicht drei oder vier Jahre jünger als Cross, wobei er sich auch da nicht sicher sein konnte, weil Cross ihm nichts verriet. Wie lange würde ihm das genügen? Ohne Cross war er erledigt. Er war nicht leistungsfähig genug, um sich genügend Essen zu beschaffen. Allein.
Er brauchte Cross. Egal, was der Preis dafür war. Er hatte sich längst daran gewöhnt.
Während er aß, lehnte Cross an der Wand gegenüber und beobachtete ihn. Auch daran hatte er sich gewöhnt; an Cross' Blicke, egal, ob er arbeitete, aß oder schlaf. Es störte ihn nicht mehr.
"Ich hoffe, du bist nicht allzu müde", kommentierte der Schwarzhaarige, als er aufgegessen hatte und sich zögerlich auszog; die Kälte machte ihm in dieser Nacht mehr zu schaffen als erwartet und der Wind zog beißend über seine nackte Haut.
Natürlich war er müde nach diesem Tag, doch er würde sich nicht beschweren. In den letzten zwei Tagen hatte Cross ihn versorgt, ohne seinen Preis zu fordern. Er hatte gewusst, dass es bald wieder soweit sein würde und es war besser, als unter der gnadenlosen Diktatur des Generals zu sterben.
Im Grunde hatte er nicht einmal etwas dagegen. Cross nahm Rücksicht auf ihn, war nicht allzu grob und akzeptierte seine Grenzen. Er war nicht hässlich und angesichts der Umstände sogar gepflegt. Was konnte er mehr erwarten? Die ersten Male war es merkwürdig gewesen, sich einem Mann auf diese Weise hinzugeben. Natürlich. Mittlerweile nicht mehr.
Es war erstaunlich, an wie viel man sich gewöhnen konnte, wenn man überleben wollte.

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