[52/52-Challenge] Der letzte Tag

Samstag, 30. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Tag
Wörter: 658


Der letzte Tag

Stell dir vor, du hast nur noch einen Tag zu leben. 
Einen Tag, um zu tun, was du schon immer einmal tun wolltest. Um nachzuholen, was du niemals getan hast. Um die Liste der Dinge abzuarbeiten, die du irgendwann in deinem Leben noch tun wolltest.
Einen Tag, um zum letzten Mal zu fühlen. Freude, Glück, Liebe. All das Gute, dass es gibt. All die Dinge, für die es sich zu leben lohnt. Vielleicht auch ein wenig von dem Schlechten - nur für die Erinnerung. Wer weiß schon, wie es danach weitergeht?
Einen Tag, um zu sagen, was noch gesagt werden muss. Um Streitigkeiten beizulegen. Um Freundschaften ein letztes Mal aufleben zu lassen. Um Wissen weiterzugeben, das nicht verloren gehen soll.
Einen Tag, um sich zu verabschieden. Von der Sonne und dem Leben. Von Freunden, die einen begleiteten. Von der Familie. Von all den Menschen, die das Leben prägten und es überhaupt erst lebenswert machten. 
Einen Tag, um diesen Menschen zu danken und zu beten, dass der Schmerz, der Verlust danach nicht zu grausam sein würde.
Einen Tag für all die Ängste, die dein Leben lang in deinem Unterbewusstsein schlummerten.
Es gibt so unendlich viel, was man tun kann. So viel, das man vermutlich bereuen wird, nicht getan zu haben, wenn man nach dem Tod zum Denken und Erinnern imstande sein sollte.
Dennoch sitze ich vor dem Tempel und starre vor mich hin, ohne wirklich etwas zu sehen. Heute Abend werde ich sterben - zu Ehren des Gottes des Winters und der Dunkelheit, Eskar. Ich bin das Winteropfer: im Winter geboren vor auf den Tag genau siebzehn Jahren, blass, helle blaue Augen und blonde Haare. Erfahren habe ich es zwei Stunden nach Mitternacht, zur ersten Messe am Tag des Eskar. Sterben werde ich am Ende der zweiten Messe zum Sonnenuntergang.
Ich sollte bei meiner Familie sein; ein letztes Mal mit meinem Vater reden, meine Mutter in den Arm nehmen und ihre Tränen trocknen, mit meinen beiden jüngeren Geschwistern lachen. Ich sollte mich von meinen Freunden verabschieden. Vielleicht sollte ich sogar ein letztes Mal meine Lieblingsorte unten am Fluss, im Wald und auf den Wiesen aufsuchen.
Vor allem sollte ich den Göttern - allen voran Eskar - danken. Es ist eine der größten Ehren, auserwählt zu werden. Sein Leben vollends den Göttern zu überlassen und ihnen zu dienen. Ich sollte beten - ein letztes Mal stumm, nur für mich, bevor ich das Gebet an diesem Abend gemeinsam mit dem Priester vor allen sprechen werde.
Ich sollte so vieles tun und doch sitze ich vor dem Tempel. Ich fühle mich leer, aufgebraucht. Der Schock der vergangen Nacht ist verschwunden. Ich habe mich damit abgefunden. Nichts wird an dieser Tatsache etwas ändern. Obwohl es eine Ehre ist, habe ich mich gefragt, warum ausgerechnet ich auserwählt wurde. Warum genau ich für Eskar sterben soll. Warum ich mein Leben nicht im Dienst der Götter auf Erden führen darf. Ich verstehe es nicht.
Mittlerweile habe ich es akzeptiert und genau diese Akzeptanz scheint alles, was in mir war, vernichtet zu haben. Mir ist alles egal.
Ich weiß nicht einmal, wie genau ich sterben werde. Opferung kann alles heißen. In den vergangenen Jahren war ich zu jung, um dieser Messe beiwohnen zu dürfen. Nun bin ich selbst das Opfer. Im Grunde könnte ich meine Eltern fragen. Sie würden es mir sicher sagen. Doch selbst mein Tod ist mir egal geworden.
Ich werde sterben, in nicht mehr ganz zwölf Stunden. Zu Ehren eines Gottes, von dem ich nicht einmal mehr weiß, ob ich wirklich an ihn glauben kann.
Ich bin siebzehn und heute ist mein Geburtstag. Eigentlich sollte ich feiern.

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