[52/52-Challenge] Auserwählte

Samstag, 16. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Drache
Wörter: 874


Auserwählte

Sie hatten sich im Inneren des großen Tempels versammelt - Schüler, Novizen, Lehrer, selbst die wenigen fertig ausgebildeten Reiter, die über die weiten Anlagen der Schule wachten. Es war ein besonderer Tag gewesen, voll von Ritualen und atemberaubenden Vorführungen, der nun in der abschließenden Zeremonie seinen Höhepunkt fand. Rhys konnte die vielfältigen Eindrücke noch immer nicht alle in Worte fassen. Er hatte das Spektakel zum ersten Mal erlebt. Ein Jahr verbrachte er bereits in der Schule. In drei Jahren würde die Zeremonie über sein künftiges Leben entscheiden.
Im Tempel herrschte eine angespannte Stille. Alle Augen waren auf das kleine Podest gerichtet, auf dem normalerweise die Opfergaben für die Götter dargebracht wurden. An diesem Tag war es leer bis auf eine kunstvoll gearbeitete Holztruhe mit goldenen Verzierungen. Zwei Reiter standen als rituelle Wächter links und rechts neben dem Podest; ihre Rüstungen aus einer Vielzahl kleiner Metallplatten gefertigt, die wie Miniaturausführungen der dicken Drachenschuppen wirkten. Rhys glaubte, sie ab und an in der Nähe der Ställe gesehen zu haben. Ihre Namen kannte er jedoch nicht.
In der vordersten Reihe, direkt vor dem Podest, standen die ältesten Schüler in ihren Uniformen. Einige von ihnen würden diesen Tempel geweiht als Novizen verlassen. Die meisten jedoch würden als ausgebildete Krieger diese Schule verlassen, ohne jemals zum Novizen ernannt worden zu sein. Es war ein Drahtseilakt, ein Wagnis. Jeder, der die Aufnahmeprüfungen der Schule bestand, hatte die Chance, zu einem Drachenreiter ausgebildet zu werden, aber wen die Drachen erwählten, wusste niemand im Voraus. In drei Jahren würde auch Rhys dort vorn stehen und nervös auf die Zeremonie warten. Drei Jahre, die unendlich weit entfernt schienen, dabei war bereits sein erstes Jahr wie im Flug vergangen.
Der Dekan betrat den Tempel, ließ die Reihen der Schüler, Lehrer und Reiter hinter sich, nickte den beiden Wächtern zu und trat hinter der Truhe auf das Podest. Augenblicklich schien die Anspannung noch weiter anzusteigen.
"Ein Jahr ist vergangen; ein neues Jahr der Drachen, die uns ihre Gunst gewährten", erhob der Dekan seine tiefe Stimme. "Wie in jedem Jahr richteten wir auch heute den Dank an die göttlichen Mächte und kommen nun zusammen, um zu erwählen, wer in den Stand der Novizen erhoben wird." Er begann mit einem fremdartigen Singsang in einer Sprache, die Rhys vollkommen unbekannt war. Nach und nach stimmten die Reiter, Novizen und selbst die ältesten Schüler ein. Es waren die zeremoniellen Worte, die jeder in seinem letzten Jahr als Schüler erlernte, doch deren Bedeutung nur den erwählten Drachenreitern offenbart wurde.
Nach einigen Minuten verklangen die Stimmen. Der Dekan trat einen Schritt dichter an die Truhe heran, öffnete sie und holte ein kleines, ebenfalls mit Gold verziertes Holzkästchen heraus. Einer der Wächter schloss die Truhe wieder und trug sie zur Seite.
"Wir bitten die göttlichen Mächte zu wählen, weise und gütig in ihrer Entscheidung." Damit öffnete der Dekan das kleine Kästchen und nahm ein rundes Amulett heraus, in dessen Mitte ein blau-silberner Stein eingearbeitet war. 
"Offenbare, was sich verbirgt. Zeige den Träger, der sich deiner würdig erwies." Wieder folgten rituelle Worte in der fremden Sprache. Das Amulett leuchtete für den Bruchteil eines Augenblicks. Gebannt folgte Rhys der Prozedur.
Der Dekan lächelte und verlas schließlich den Namen, der auf dem Amulett erschienen war: "Caya Trecas."
In der ersten Reihe trat eine rothaarige Jugendliche vor, bis zum Rand des Podestes, und verneigte sich. Der zweite Wächter hielt dem Dekan eine Schale entgegen. Er tauchte einen Finger hinein und zeichnete mit der roten Farbe das Zeichen der Unendlichkeit auf Cayas Stirn, ehe er ihr das Amulett umlegte. Rot für das Feuer. Das Symbol als Zeichen der ewigen Verbundenheit mit den Drachen.
Caya kehrte zurück in die Reihe der anderen Schüler. Schüler, wie sie nun keiner mehr war. Sie war in den Stand der Novizen berufen worden.
Der Dekan fuhr fort mit der Zeremonie. Ein Amulett nach dem anderen hob er aus dem Kästchen, jedes mit einem andersfarbigen Stein, sprach die rituellen Worte, verlas den Namen und nahm den Schüler damit in die Reihe der Novizen auf.
Das letzte - sechste - Amulett zierte ein schwarzer Stein mit feinen roten Linien wie Blutbahnen oder zarte Lavaströme. Es hatte bereits vor mehreren Minuten aufgeleuchtet und doch hatte der Dekan kein Wort gesprochen, sondern lediglich die Stirn gerunzelt. Schließlich seufzte er. "Die göttlichen Mächte gehen mitunter eigenwillige Wege, die sich uns kaum zu erschließen vermögen. Dieses letzte Amulett gebührt, den Mächten folgend, einem weiteren unserer Schüler. Tritt vor und nimm die Ehre an, so fern sie uns scheint: Rhys Nicor Vercun."

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