[52/52-Challenge] 01:27 Uhr

Montag, 25. Mai 2015 | Kommentieren
Stichwort: Uhr
Wörter: 659

01:27 Uhr

"Mika?" Stille.
Wieder klopft sie an die Tür. "Mika, ich bin es!" Noch immer keine Antwort.
Sie drückt die Klinke hinunter. Nicht abgeschlossen. Lautlos schwingt die Tür nach innen auf, gibt den Blick auf einen leeren Flur frei. Sie tritt ein.
"Mika?" Über ihr knarzt die Decke, doch es ist nur ein einziges kurzes Geräusch. Keine Schritte. Keine Stimme. An der Garderobe hängen einige Jacken, darunter die braune Lederjacke, die Mika nahezu immer trägt, wenn sie sich treffen. Ein einzelnes Paar Turnschuhe steht darunter an der Wand. Es sind eindeutig Mikas. Mit anderen Schuhen hat sie ihn nie gesehen.
Eigentlich müsste er zuhause sein.
Neben der Garderobe hängen ein Spiegel und eine Uhr. An dem Spiegel klemmen die Fotos aus dem Automaten, die sie vor ein paar Wochen zusammen gemacht haben. Sie grinsen beide in die Kamera, ziehen merkwürdige Grimassen und lachen. Es war ein schöner Tag. Die Uhr tickt leise, doch als sie genauer hinsieht, bemerkt sie, dass die Zeiger stehengeblieben sind. Nur der Sekundenzeiger zuckt noch, als würde er vorwärtsstreben, aber nicht vorankommen.
01:27 Uhr. Vermutlich ist die Batterie leer.
"Mika?"
Sie streift durch die Wohnung. In der Küche steht ein Rest Suppe auf dem ausgeschalteten Herd. Ein benutzter Teller mit Löffel und eine Tasse liegen im Spülbecken. Kein Mika.
Vor der Badezimmertür bleibt sie einen Augenblick stehen. Klopft. Ruft. Wieder nichts.
Sie öffnet die Tür. Eine Dunstwolke kommt ihr entgegen. Anscheinend hat Mika nach dem Duschen vergessen, das Fenster zu öffnen. Sie lugt um die Ecke in die Nische, in der die Waschmaschine steht. Nirgends eine Spur von Mika. Ihr Blick fällt auf den nassen Zahnputzbecher. Aufgestanden sein muss er, sonst wäre der längst trocken. Nur wo steckt er? Sie müssen zur Schule. Die erste Stunde hat garantiert schon angefangen. Ein kurzer Blick zu der Uhr auf dem Badezimmerschrank. 01:27 Uhr. Stehengeblieben. Sie stutzt einen Augenblick, dann schüttelt sie den Kopf. Verrückte Zufälle. Mika sollte dringend einmal seine Uhren mit neuen Batterien ausstatten.
Sie verlässt das Bad und schließt die Tür hinter sich. "Mika, wo steckst du?!"
Über die Küche geht sie zurück in den Flur und von dort aus ins Wohnzimmer. Der Fernseher ist ausgeschaltet, nicht einmal im Standby. Weder auf der Couch noch am Esstisch ist jemand zu sehen.
War er doch wieder ins Bett gegangen? Sie schüttelt schmunzelnd den Kopf und geht die Treppe nach oben zu seinem Schlafzimmer - neben einem ungenutzten Lagerraum der einzige Raum im Obergeschoss. "Mika, du Schlafmütze", murmelt sie. Die Tür am Ende der Treppe steht einen Spalt breit offen. Sie lauscht einen Augenblick, dann tritt sie ein.
"Mika, bist du hier?"
Sein Bett ist zerwühlt, aber leer. Wieder nichts. Die Tür zum Lagerraum ist abgeschlossen. Sie klopft dagegen und lauscht. Kein einziges Geräusch. Warum ist seine Haustür nicht abgeschlossen, wenn er nicht zuhause ist?
Zum wiederholten Mal versucht sie, ihn auf dem Handy zu erreichen. Es klingelt. Ihr Blick huscht zum Bett. Zwischen Kissen und Decke leuchtet ein Display. Sie bricht den Anruf ab. Auf dem Display von Mikas Handy werden ihre drei unbeantworteten Anrufe angezeigt. Mika verschwindet ohne seine Jacke und seine Schuhe und nun auch ohne sein Handy?
Das Display wird dunkler - die Tastensperre stellt sich ein, während sie kaum ihren Augen traut. 01:27 Uhr. Die Uhrzeit auf seinem Handy.
Neben dem Bett fängt ein Wecker an zu Piepen. Sie drückt den Schalter, um ihn abzustellen. 01:27 Uhr blinkt auf dem Display des Digitalweckers.
01:27 Uhr. Immer wieder.
"Hier stimmt was nicht."

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