[52/52-Challenge] Weiterkämpfen

Dienstag, 21. April 2015 | Kommentieren
Die heutige Szene ist eigentlich kaum mehr als eine Fingerübung. Eine richtige Handlung gibt es auch nicht, aber da Gedanken plus ein bisschen Handlung auch als Szene gewertet werden können, geht der Text mit in die Challenge. *grins*

Stichwort: Phönix
Wörter: 786

Weiterkämpfen

Der Wecker klingelt pünktlich halb sieben. Ich liege schon einige Minuten wach - ein aufdringlicher Vogel auf dem Dach der Nachbarn hat mich geweckt. Ich stehe auf, ein kurzer Blick auf den Kalender: Ja, heute ist endlich der lang ersehnte Tag. Der, an dem ich es all diesen Idioten zeigen werde.
Ende der Winterferien. Start des zweiten Halbjahres.
Meine Sachen habe ich mir schon gestern Abend herausgelegt. Ich nehme sie mit ins Bad, dusche ausgiebig und ziehe mich anschließend an. Eine leise Nervosität hat sich in meinem Bauch eingenistet, aber noch ist sie nicht allzu deutlich. Noch kann ich mich als ziemlich ruhig betrachten. Was habe ich schon zu erwarten? Schlimmer als vor den Ferien kann es gar nicht werden.
Was eigentlich los ist? Na ja, wenn ich das so genau wüsste... Im letzten Schuljahr war alles super. Meine beste Freundin Bekki und mich konnte nichts trennen, wir haben alles zusammen gemacht, uns perfekt verstanden und in der Schule zählten wir zu den Besten in unserem Jahrgang.
Irgendetwas hat sich dann im letzten Halbjahr geändert. Bekki hat sich geändert. Glaube ich zumindest, denn an mir kann ich nichts feststellen, was anders sein soll. Vor der Winterpause hing Bekki nur noch mit der Clique rund um Ashley ab. Hochnäsig, kein Interesse an der Schule und wenn die Jungs dabei waren, beleidigen sie jeden, der es wagt, sie auch nur falsch anzuschauen. Ashley und ich mögen uns nicht, seit ich auf die Schule gekommen bin, was mir bisher immer ziemlich egal war. Ich hatte Bekki und mit meinen anderen Klassenkameraden, die nicht in der Clique sind, kam ich ebenfalls super zurecht.
Bis vor einem halben Jahr.
Von einem auf den anderen Tag hat Bekki mich nicht mehr angesehen, ebenso wenig wie all die anderen, mit denen ich mich vorher so gut verstanden habe. Kurz vor den Ferien hat mich die Schulpsychologin sogar gefragt, ob ich gemobbt werde. Ich habe "Nein" gesagt, aber eigentlich glaube ich, dass es doch ganz gut trifft.
Traf.
Schluss damit. Bekki und ihre neuen "Freunde" glauben, mich damit unterkriegen zu können? Falsch gedacht! Ich gebe nicht auf, das habe ich mir in den Ferien geschworen. Vor allem will ich endlich wissen, wo Bekki eigentlich das Problem mit unserer Freundschaft sieht. Ich glaube nicht, dass sie mich von jetzt auf gleich nicht mehr leiden kann. So jemand ist Bekki einfach nicht.
Oder ich kannte sie nie so gut, wie ich immer dachte.
Seufzend schüttle ich den Kopf. Von diesen Gedanken lasse ich mich nicht mehr runterziehen. Das habe ich das ganze letzte Halbjahr gemacht. Damit ist jetzt Schluss.
Ich binde mir die Haare zurück, schminke mich dezent und gehe hinunter zum Frühstück. Vor den Ferien habe ich morgens kaum einen Bissen herunterbekommen. Heute gibt es ein Brötchen und einen Apfel.
Eine knappe halbe Stunde später bin ich auf dem Weg zur Schule. Es ist endlich nicht mehr frostig. Die Sonne scheint sogar und in den Bäumen und Büschen in den Vorgärten singen Vögel. Vermutlich freuen sie sich über die ersten Blüten des Jahres genau so sehr wie ich.
Lächelnd sehe ich die Schule vor mir, als ich um die Ecke biege. Auf dem Hof haben sich schon zahlreiche Schüler versammelt. Wahrscheinlich sind auch Bekki und ihr neuen "Freunde" schon da. Obwohl sie ihr Image als Schulhasser pflegen, sind sie fast immer die ersten auf dem Hof. So viel zum Thema...
Für einen Augenblick bleibe ich stehen und atme noch einmal tief durch. Jetzt wird sich zeigen, ob ich meinen Vorsätzen treu bleiben kann. Ich habe nicht vor, davon abzuweichen. Auf keinen Fall.
Ich richte meinen Blick nach vorn und gehe weiter. Kein einziges Mal wird er noch am Boden kleben. Ich konnte früher anderen in die Augen sehen, ich werde es auch jetzt können. Aus meiner Hosentasche hole ich ein kleines Bild hervor, dass mir einer meiner Mailfreunde geschickt hat - einen brennenden Vogel. Einen Phönix. "Wie ein Phönix aus der Asche" hat er als Kommentar dazugeschrieben und mir viel Glück für diesen Tag gewünscht.
Mein Lächeln wird eine Spur breiter und das Bild wandert zurück in meine Tasche. Was der Phönix in der Geschichte kann, kann ich auch. Ich werde nicht feige den Kopf einziehen. Nicht mehr. Die Zeit ist vorbei.
Und zu allererst will ich wissen, welches Problem Bekki mit mir hat.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für eure Kommentare!