[52/52-Challenge] Silberstreif

Samstag, 4. April 2015 | Kommentieren
Stichwort: Silber
Wörter: 1494


Silberstreif

"Versprich mir, dass du niemals aufgibst. Versprich es mir, Ryan. Gib niemals die Hoffnung auf." 
Ein Nicken, vor Tränen unfähig zu sprechen.
"Es gibt immer einen Silberstreif." Eine Stimme, die mehr und mehr an Kraft verliert. Krampfhaftes Husten. Frisches Blut, zu viel Blut. "Vergiss ihn nicht. Du musst ihn nur finden." Eine Stimme, immer leiser werdend, bis der Wind sie mit sich hinfort trägt.
Zurück bleibt die Stille. Und Schmerz.

Unter plötzlich aufflammender Wut trat er einen Stein davon, der über die Dachkante flog und irgendwo in der Tiefe verschwand.
"Wo ist dein verdammter Silberstreif?! WO?! Es gibt keinen!" Seine Stimme verhallte ungehört. Die Wut blieb. So lange er lebte, hatte sein Vater ihm immer wieder von dem verdammten Silberstreif gepredigt. Von der Hoffnung, die er niemals aufgeben sollte. Von dem einen Hinweis, der auf eine bessere Zeit verwies.
Es gab ihn nicht. Nirgends. "Verdammt!" Ein weiterer Stein verschwand in der Tiefe. Keine Hoffnung, nichts. "Du hast gelogen! Es gibt keinen beschissenen Silberstreif!"
Sein Blick glitt hinüber zum Horizont, kaum sichtbar in der nächtlichen Dunkelheit. "Es gibt ihn nicht", flüsterte er, mit einem Mal jeder Kraft beraubt. Er sank an der Dachkante zusammen, setzte sich und ließ die Füße hinabhängen. Unter ihm erstreckte sich die Stadt, weit und dunkel. Kein einhelltes Fenster, keine Leuchtreklame oder Straßenlaternen. Nichts. Nur vereinzelt brennende Feuer in Häusern und auf den Straßen - an Orten, wo vielleicht Menschen Zuflucht suchten, vielleicht aber auch nur an Schauplätzen vergangener Kämpfe.
"Wo ist dein verdammter Silberstreif?", fragte er wieder mit leiser, kraftloser Stimme. Eine Antwort erwartete er längst nicht mehr. Sein Vater, der hätte sie ihm vielleicht geben können, doch er war eines der ersten Opfer der Fremden, die jedem Menschen so ähnlich sahen und es doch nicht waren, geworden. Er konnte ihm nicht mehr helfen.
Er blickte hinauf zum Himmel, in der leisen Hoffnung, das klare Funkeln der Sterne zu sehen, die ihm eine bessere Zukunft versprachen. Stattdessen sah er nur den rot glühenden Ball, der dem Mond so ähnlich sah und nur wenige hundert Meter über der Stadt schwebte. Trotz des Glühens sandte er kein Licht aus, sondern schien sogar das letzte Licht um sich herum zu verschlucken. Es tauchte den Himmel in eine pechschwarze Fläche, ohne Sterne und ohne Mond. Das Glühen genügte gerade, um ein paar Meter weit zu sehen. Hier oben, so nah an der Kugel, war es ein wenig stärker; er konnte sogar vereinzelt Farben erkennen, die nicht von dem roten Glühen überdeckt wurden.
Manche behaupteten, in dieser Kugel würden die Fremden leben und jeden, den sie einfingen und leben ließen, dorthin bringen. Unter den wenigen Menschen, die nicht aus der Stadt hatten fliehen können oder wollen, kursierten die unheimlichsten Geschichten über das wahre Wesen der Fremden und was sie hier suchten. Manche behaupteten, sie wollten nur töten, sie brauchten fremdes Blut und eine neue Heimat. Andere sahen in ihnen Eroberer, Krieger, die gekommen waren, um die Menschheit zu unterwerfen. Und wieder andere sprachen von grauenhaften Experimenten, die dort oben in der Kugel vor sich gehen sollten.
Niemand wusste es. Wer mit den Fremden verschwunden war, war nicht wieder aufgetaucht, weder tot noch lebendig.
Geblieben war das allumfassende Chaos, das mit dem Auftauchen der Fremden ausgebrochen war. Kein Auto fuhr mehr, keine Bahn, kein Licht leuchtete, Elektrizität gab es nicht mehr. Die Syteme waren ausgefallen, Fahrzeuge einfach stehengeblieben, sobald die rote Kugel aufgetaucht war, und niemandem war es seitdem gelungen, sie wieder in Gang zu setzen. 
Es schien ihm wie ein Rückschritt in die ferne, nicht technisierte Vergangenheit. Ein Rückschritt, der es den Fremden nicht nur leichter machte, Menschen zu fangen, sondern auch zu Ausschreitungen und Kämpfen zwischen menschlichen Gruppen geführt hatte. Er war hier hinauf geflüchtet, auf einen der Tower. Hatte hunderte Stufen erklommen, um hier oben in Ruhe denken zu können. Er hatte gehofft, der Überblick über die Stadt würde ihm helfen, doch er sah nichts, was er nicht vorher von unten gesehen hatte. Nichts, was ihm die Hoffnung auf eine wiederkehrende Normalität zurückgab.
"Ryan?"
Er fuhr herum, als die leise Stimme hinter ihm erklang. Erstarrte. "Tom?!" Stolpernd kam er auf die Füße, näherte sich ungläubig dem Jungen, der vor ihm stand. "Bist das wirklich du? Ich meine... du kannst nicht... niemals... Sie haben doch... aber..." Er verstummte, als ihm die Sinnlosigkeit seiner eigenen Worte bewusst wurde. Drei Tage war es her, seit sie in ihrem Versteck überrascht worden waren. Er hatte entkommen können, doch Tom, seinen kleinen Schützling, hatten die Fremden mitgenommen.
Dennoch stand er hier, genau vor ihm, anscheinend unversehrt. Lächelnd. "Ich bin's", bestätigte er, machte einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu und schloss Ryan in seine Arme. "Ich bin zurück", wiederholte er und seine Stimme verlor sie in einem leisen Schluchzen.
Er hielt den Jüngeren fest. Konnte es wirklich sein? Konnte er entkommen? Das war doch eigentlich unmöglich! Wie hätte er von der Kugel zurück auf die Erde kommen sollen?
Ein leises Räuspern, definitiv nicht vom Tom, ließ ihn zurückzucken. Sein Blick folgte dem Geräusch und sein Herz geriert ins Stolpern, als er den Mann mit der bläulich schimmernden Haut einige Meter entfernt stehen sah. Schwarze Haare hingen ihm bis über die schmalen Schultern und violette Augen musterten ihn neugierig. 
Augenblicklich schob er Tom hinter sich - die würden den Kleinen kein zweites Mal bekommen. Lieber sollten sie ihn nehmen! Doch Tom ließ sich nicht hinter ihn schieben. Stattdessen löste er sich von Ryan und lächelte ihn an. "Keine Angst, Zayn ist nett. Wirklich. Er hat mich hierher gebracht."
"Zayn?!", brachte er hervor. Nur kurz huschte sein Blick zu Tom, ehe er den reglosen Fremden wieder fixierte.
"Er hat mir geholfen, Ryan."
"Er ist einer von denen!", erwiderte er aufgebracht und gestikulierte hinauf zu der roten Kugel. "Die sind nicht 'nett'. Die haben unsere Eltern umgebracht, hast du das vergessen?!"
"Es mir tun leid."
Er starrte den Fremden an, der gerade, zwar nicht ganz korrekt, aber eindeutig in seiner Sprache gesprochen hatte. Es hörte sich seltsam an, zumal er die Fremden bisher nur in merkwürdigen Tönen hatte sprechen hören, die ihn an keine irdische Sprache erinnerten.
"Ich hab ihm versprochen, dass er bei mir bleiben darf, wenn er mich zurück zu dir bringt. Er ist wirklich in Ordnung. Ich traue ihm", redete Tom weiter, als wäre nichts gewesen.
"Ich nicht... zurückkommen. Suche mich." Der Mund des Fremden bewegte sich, als wolle er mehr sagen, vielleicht sich erklären, aber er blieb stumm. Vermutlich reichten seine Sprachkenntnisse nicht weiter.
"Ryan", forderte Tom wieder meine Aufmerksamkeit, nachdem auch er sich zu dem Fremden umgedreht hatte. "Ich weiß nicht genau, was er gemacht hat, aber ich glaube, es muss etwas Schlimmes gewesen sein. Ich hab ihn schreien hören... Er konnte sich befreien und hat mich mitgenommen. Bitte, schick ihn nicht weg."
Er schüttelte den Kopf, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Einer der Fremden hatte Tom gerettet und war vor seinen eigenen Leuten geflohen? Das ergab keinen Sinn! Er beobachtete diesen - wie hatte Tom ihn genannt? - Zayn. Er hatte den Kopf gesenkt und wandte sich langsam ab.
"Zayn, nicht weggehen!" Bevor er reagieren konnte, war Tom dem Fremden nachgelaufen und hielt ihn am Arm fest. Beinahe ungläubig starrte Zayn auf Toms Hand, ehe er sich vorsichtig und mit einem Blick zu Ryan aus dem Griff befreite.
"Nein. Er nicht richtig." Er schaute wieder zu Ryan, ehe er sich erneut zum Gehen wandte.
"Zayn!" Toms Flehen blieb ohne Reaktion.
"Warte." Was ritt ihn eigentlich? Er musste komplett bescheuert sein! Nur mit sehr zögerlichen Schritten ging er zu den beiden. Zayn war wieder stehen geblieben, sein Blick nun eindeutig unsicher. "Wenn das eine Falle sein sollte, töte ich dich mit meinen eigenen Händen, verstanden?"
Zayn nickte. Ryan war sich angesichts der gezeigten Sprachkenntnisse nicht sicher, ob er wirklich verstanden hatte, beließ es jedoch dabei und seufzte leise. Wenn sein Vater ihm eines beigebracht hatte, dann dass Dinge manchmal in merkwürdigen Gestalten auftauchten.
"Vielleicht bist du der Silberstreif."
Dieses Mal verstand Zayn eindeutig nicht, aber Tom lächelte.

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